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Glaube, Leistung, harte Arbeit

von Anne Peter

Berlin, 25. September 2008. Ja, so könnte "Macbeth" aussehen: eine Maschinerie des Mordens und der vergeblichen Reinigung. Zwölf riesengroße Waschmaschinen, aus deren Trommeln das Blut leckt. Die nicht damit nachkommen, Hemden und Hände weiß zu waschen. Deshalb massenhaft Ersatzwäsche, die hinten hoch oben unter Plastik an der Laufschiene hängt. Erste Aktion: rotes Licht – die Bühne (von Zane Pihlstrom) scheint bereit für Blutorgien.

Doch dann fängt es an – und kommt ganz anders. In der Volksbühne wird anderthalbstündig "Macbeth" gegeben, von Heiner Müller nach Shakespeare, plus assoziiertes Eigenmaterial, das das Ganze in brutaler Überdeutlichkeit ins Heute katapultieren soll. Diese erste Saisonpremiere auf der großen Bühne inszeniert Yana Ross, eine hierzulande noch unbekannte Regisseurin, die 1973 in Moskau geboren, mit 17 nach New York gezogen ist, an der Yale School of Drama ausgebildet wurde und dort künftig unterrichten wird.

Hier wird nicht mit der Kleidung gespielt!

Ross tut zwecks Aktualisierung zunächst das Naheliegende: Sie siedelt Shakespeares Machtkämpfe um die schottische Krone im Unternehmermilieu an, lässt Radio-Nachrichtenfetzen, Werbeslogans und ein bisschen Wirtschaftssprech Brandaktualität suggerieren. Jedoch – und das ist immerhin nicht ganz so naheliegend – verlegt sie den Königshof nicht in erlauchte Business-Kreise, sondern in einen mittelständischen Familienbetrieb.

Dort also stehen jene Maschinen (die leider wenig zum Spieleinsatz kommen). In einer Großwäscherei. Verdreckt nicht von Blut, sondern bloß von schmutzigen Schlieren auf dem Arbeitsgerät eines offenkundig heruntergekommenen Betriebs. Wo der Chef schon mal seine Angestellten – genauer: seine Schwägerin, die Lady – anherrschen muss: "Hier wird nicht mit der Kleidung der Kunden gespielt." Die will aber nicht ewig im Kittel gehen, reißt sich 'nen Rock von der Stange und stolziert mit wiegenden Hüften vorm Publikum. Ihr Mann kann diesen Schunkelschenkeln stets nur "oah-oaah-oaaah!" hinterher gieren.

Ihr Mann, das ist Macbeth, der Bruder vom Chef Duncan. Und im Grunde ein ziemlich kleiner Fisch. Er sieht den Betrieb "den Bach runter" gehen und will "nicht zulassen, dass man uns aus dem Geschäft drängt". Als es gilt, die eigene Anwartschaft auf die Firma zu retten, braucht der Schwachbrüstling wie bei Shakespeare seine Lady. Naomi Krauss züngelt als verruchte Eva-Tussi mit der Plastikschlange und haucht ihm den Willen zum Brudermord per Kuss ein. Ihre Aufstiegsträume lauten: Urlaub, Frühstück im Hotelbett und schicken Klamotten. Wir merken: die hier kommen von ganz unten.

Brüllen – das ist es, was wir können!

Nicht so sehr an seiner Tat, vielmehr an den prekär gewordenen Verhältnissen scheint dieser Macbeth wahnsinnig zu werden. Uwe Schmieder, umtriebiges Urgestein vom Berliner Orphtheater, leiht ihm von Beginn an einen aufgerissenen Blick nach vorn, wo eigentlich schon alles alle ist. Denn welche Macht kann er mit dem Mord eigentlich noch erringen, welche Krone ergreifen? Der Firmenglanz ist längst ermattet.

So greift Schmieder mit aller Kraft in die Luft und beschwört vor dem Häuflein Familie auf gut Ostdeutsch den "Glauben!" an das Geschäft, für das es "Leistung!" und "harte Arbeit!" zu erbringen gilt: "Das ist es, was wir können!" Er brüllt das – wie er eigentlich fast alles brüllen muss. Durchbrüllen. Bis zum Schaum vor dem Mund. Bis zum schweißnassen Haar. Uwe Schmieder gibt alles. Aber für was?

Während er sich zur maßlosen Überforderung antreibt, herrschen um ihn her ironische Typenspielchen, bei denen ab und an auch mal was zum Lachen ist und Axel Wandtke (etwa mit den Hexen-Texten) ein paar komische Momente hat. Am Ende tritt Jorres Risse als muskelprotzender Firmenaufkäufer auf, der furchterregend Kampfposen probt und Macbeth erledigt, indem er ihm das Unterhemd vom schmächtigen Leib reißt – der Wald von Birmingham als kapitalistische Kampfsportkanone.

Die Regisseurin betreibt damit insgesamt nicht nur analysefreie Oberflächenparallelisierung, sondern auch gnadenlose Schauspielerverschwendung. Denn das Konzept lohnt in seiner Schlichtheit eigentlich keinen solchen Aufwand. Die erstaunlich simplen Erkenntnisse: Mord und Totschlag kommen nicht nur in den besten Familien vor. Außerdem: Der Kapitalismus ist und bleibt ein Kampf, in dem der Stärkere gewinnt. Mehr weiß diese schwache Inszenierung über unsere Zeit nicht zu sagen.

 

Macbeth
von Heiner Müller nach William Shakespeare
Regie: Yana Ross. Bühne und Kostüme: Zane Pihlstrom. Musik: Sir Henry. Mit: Steffen Gräbner, Sebastian König, Naomi Krauss, Inka Löwendorf, Uwe Preuss, Jorres Risse, Uwe Schmieder, Axel Wandtke.

www.volksbuehne-berlin.de

 

Andere "Macbeth"-Inszenierungen der jüngsten Zeit finden Sie hier: eine komprimierte von Lisa Nielebock in Bochum, eine coole von Sebastian Nübling in Zürich und eine gezügelte von Jörg Steinberg in Bremen.

 

Kritikenrundschau

"Es ist so laut in diesem Theater", seufzt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (27.9.2008) anlässlich der neuen "Macbeth"-Inszenierung an der Volksbühne. Die Spielform beschränke sich "größtenteils auf das gegenseitige, durchaus virtuose Niederbrüllen". Und immerhin brülle "der Muskelmann unter den Neuen im Volksbühnen-Ensemble", Jorres Risse, "frischer und lauter und vor allem etwas Chinesisches". Seidler konzediert aber auch, dass der Abstand, "aus dem die vor 35 Jahren in Moskau geborene und in New York lebende Yana Ross auf deutsche Familienunternehmer blickt", sie zur "adäquaten Regisseurin für Heiner Müllers 'Macbeth'-Übersetzung" mache, denn auch Müller zeige "den kapitalistisch bestimmten Menschen als Ameise". Und: "Wahrscheinlich lässt sich der ganze Abend als Kalauer verstehen, der die beiden Bedeutungen von 'Handeln' miteinander vermengt: die Tat und den Markt. Diese Doppeldeutigkeit ist leider längst nicht so atemberaubend wie die von 'to act' ['tun' oder 'Rolle spielen'], mit der Shakespeare spielt".

"Auf einer anderen Bühne, in einem kleineren Theater" könnte dieser "Macbeth" "wohl als zwar etwas epigonale, aber doch halbwegs respektable Anstrengung durchgehen", sinniert Katrin Bettina Müller in der tageszeitung (27.9.2008); doch  im großen Saal der Volksbühne sei es "eine traurige Veranstaltung". Zwar passe es zum Image des Hauses, "Shakespeares Drama um den König, den die Gespenster seiner Verbrechen jagen, auf kapitalistische Verhältnisse zu übertragen", doch wirke "das Missverhältnis zwischen dem Anspruch, Wirklichkeit von heute mit den Instrumenten des klassischen Theatertextes zu spiegeln, und den dicken Klebestellen zwischen diesen Ebenen besonders eklatant. Denn es wird nur ungenügend vermittelt, wie denn die Wünsche und Strategien der schottischen Lords zu den Taktiken der Angestellten und Erben in diesem Waschsalon passen sollen".

"Offenbar hat sich Frau Ross gedacht, in der Höhle des Löwen Frank Castorf müsste die Geschichte besonders ungewöhnlich und schrill aussehen", meint Peter Hans Göpfert in der Berliner Morgenpost (27.9.2008). Offiziell aber halte sich Ross "noch an Heiner Müllers Textfassung. So kommt es, dass die Leute in diesem wunderbaren Waschsalon mit Worten und Gedanken weiterhin, irgendwie, dem alten Schottland verhaftet sind." Die Inszenierung nehme "der Tragödie jegliche Tiefe. Sie drückt auf die Aktualitäts-Tube. Aber sie kann mit noch soviel Heck-Mac und Geschrei die eigene Gedankenleere nicht verstecken."

Sicher sei "es hyperironisch gemeint, dass die Angestellten abendfüllend zwischen Heiner-Müller-Text, Soap-Sound und Rumpelplatz-Sächsisch switchen", schreibt Christine Wahl im Tagesspiegel (27.9.2008). Nur sei Yana Ross' ins "Klamottenreinigungsunternehmen" verlegte "Macbeth"-Inszenierung "so außerordentlich schlicht, dass einfach jeglicher Boden fehlt, von dem sich so etwas wie Ironie überhaupt abstoßen könnte." Wahl weiß auch von "Foyergerüchten" zu berichten, denen zufolge "der Intendant das Desaster nach der Generalprobe notübernommen und um die Hälfte gekürzt" habe.