Am Rande der bewohnbaren Welt

von Michael Laages

Konstanz, 27. September 2008. Unpassender geht's eigentlich nicht – draußen am Hafen trägt der Spätsommerabend unübersehbar französische Farben: beim Pariser Volksfest ganz in rot und weiß und blau, mit Eiffelturm aus Neonlicht und Feuerwerk. Als das zum Finale über den See böllert, sind die beiden Toten längst von der Bühne geräumt – in der Spiegelhalle, wo mitten auf der Vergnügungsmeile des Konstanzer Seehafens das Junge Theater der Stadt zu Hause ist.

Draußen Volksfestleben, drinnen Tod und Verstörung; draußen Paris, drinnen Togliatti – hier, tausend Kilometer von Moskau entfernt, in einer gesichtslosen Stadt, der die sowjetischen Wirtschaftsplaner früherer Epochen den Namen des italienischen Kommunistenführers gaben, um sozusagen in dessen Namen Autos mit Fiat-Lizenz bauen zu lassen, spielt das grobe kleine Stück des russischen Dramatikers Jurij Klavdiev.

Die Russen in Konstanz

Der ist Mitte 30 und stammt aus Togliatti – "Gehen wir, der Wagen wartet" ist eins der ersten beiden Stücke von ihm, die im Moskauer Theater der Gegenwart Aufsehen erregten. Neben Tschechows "Drei Schwestern" in der Version von Andrej Woron das zweite russische Theaterbild dieser Saison in Konstanz, wo das Team des Intendanten Christoph Nix tatsächlich eine ganze Spielzeit lang fast ausschließlich auf russische Theater-Sprache setzt.

Russlands Theater über die Jahrhunderte, von Tschechow und Erdman bis zu Wyrypajew und den Gebrüdern Presnjakow, wird hier verstanden als splitternder Spiegel der Umbrüche: Überholen, ohne einzuholen – das alte Chruschtschow-Wort bewahrheitet sich ja seit der Abschaffung der Sowjetmacht auf unerwartbar absurde Weise. Wenn die einstige Heimat des kommunistischen Gegenentwurfs nun all den himmelsstürmerischen Irrsinn des Kapitalismus, all dessen Fortschritt und Perversion im Geschwindschritt nachholt. Und das neue Russland auch des Jurij Klavdiev zeigt dem siegreichen Westen das ungeschminkte Spiegelbild: glanzlos, kalt, mörderisch.

Thelma und Louise in Togliatti

Julia und Mascha, Klavdievs Heldinnen in "Gehen wir, der Wagen wartet", sind so ein Spiegelbild; und nicht umsonst zitieren sie in Felix Strassers deutschsprachiger Erstaufführung "Thelma und Louise", die beiden männerverschlingenden Alltagsausbrecherinnen des amerikanischen Kinos. Auch die beiden jungen Frauen aus Togliatti stecken mitten in so einem Flucht-Exzess, weg wollen sie vom geregelten Leben hinter der Kasse im Supermarkt oder sonstwo im Büro – die eine will endlich Spaß, nichts als Spaß ohne Grenzen, die andere verstrickt sich in eine offensive Depression; die eine würde ganz gern auch mal den Thrill des Tötens erleben, die andere denkt eher daran, das eigene Leben wegzuwerfen, um "zu sehen, ob es noch irgendwo irgendetwas anderes gibt". Der Showdown findet bei den verlassenen Datschen am Rande der bewohnbaren Welt statt.

Dort philosophieren sie noch eine Weile ziemlich steil über Töten oder Sterben, bis ihnen ein greiser Penner über Weg läuft; den tritt Julia beinahe tot. Die zweite Begegnung ist dann schon die letzte: die mit zwei Hooligans der finstersten Sorte, die Maschas Todeswunsch nur zu gern erfüllen möchten, vorherige brutale Vergewaltigung inklusive. Maschas Überlebenswille aber ist stärker, ihre bis dahin nur gegen sich selbst gerichtete Negativ-Energie trifft nun die bösen Jungs – das Opfer wird Täter. Und sterben will sie nun auch nicht mehr, nachdem sie ihrerseits die beiden ins Jenseits befördert hat.

Spekulative Überanstrengung

Ein finstrer Lernprozess ist Klavdievs Text, aufgeladen allerdings mit einer Überdosis Gegrübel der Frauen über sich selbst, über die Weltesche Yggdrasil aus der nordischen Sage und noch mancherlei pseudoreligiöse Welterklärungs- und –erlösungstheorie mehr. Erzählt ist der Text außerhalb der Chronologie, mal vorwärts, mal rückwärts; roh gezimmert ist er auch, ruppig und böse, absichtsvoll unausgewogen zwischen dem Plot und Palaver.

Stephan Testi hat dafür eine drehbare Gerüstwand, fast vollverkleidet mit abreissbaren Rupfentapeten, in die leere Spiegelhalle gebaut, und Felix Strasser lässt die beiden sehr bemerkenswerten Protagonistinnen Sabrina Strehl und Monika Vivell als ziemlich scharfe Miezen durch den Showdown driften. Ein bisschen Freundinnen-Geknutsche darf auch sein. Die arg spekulative Überanstrengung der eher überschaubaren Fabel allerdings bekommt er so nicht in den Griff; die Gefahr bleibt, dass die Geschichte der wilden Schwestern von Togliatti als lärmiges Fast-Nichts wahrgenommen werden.

Aber mit diesem Text ist zu Beginn des russischen Jahres in Konstanz die sicher gröbste und gegenwärtigste Facette mit im Spiel. Dass das Junge Theater unter dem Dach der städtischen Bühne dieses Stück vorstellt, fällt im übrigen kaum auf – die Alten werden sich an diese Jugend wohl gewöhnen müssen. Und die Konstanzer daran, dass Russland (und Togliatti) nun für eine Weile am Bodensee liegt.

 

Gehen wir, der Wagen wartet (DSE)
von Jurij Klavdiev, deutsch von Claudia Grehn und Armin Petras
Regie: Felix Strasser.
Mit: Monika Vivell, Nico Selbach, Sabrina Strehl, Thomas Ecke.

www.theaterkonstanz.de


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aus Konstanz? Hier geht's zur Nachtkritik von Leyla-Claire Rabihs deutschsprachiger Erstaufführung von Mark Ravenhills Stück Der Schnitt im März 2008.

Kritikenrundschau

In der Spiegelhalle, schreibt Brigitte Elsner-Heller im Südkurier aus Konstanz (30.9.2008) versuche man, "die Tricks des Kinos" für die Sache des Theaters nutzbar zu machen. "Wie von Geisterhand bewegt sich ein teilweise mit Tuch verkleidetes Stahlgerüst, das mehrere Spielebenen vorhält und Zeiten sowie Räume voneinander trennt". Kleine "Finessen", wie Blut, das durch die Bespannungsfolie rinnt, ließen an Hermann Nitsch denken. "Was vom roten Stoff als 'Ernte' übrig bleibt? Seelische und körperliche Wunden, meint man zu ahnen". Das Stück sei "eine düstere Bestandsaufnahme, die eine seltsame Mischung von Emotion und Kälte vorhält." Dass Mascha am Ende zwar nicht bereue, "aber doch keine Strategie im Töten entdeckt", solle versöhnlich stimmen, wirke aber künstlich. "Wie so manches in diesem Stück, das durch seine Brisanz, sogar durch die Ästhetik der Gewalt" verführe. "Gut, dass Theaterpädagoge Felix Strasser bei dem Stück Regie führte. Da ist gleich der Fachmann vor Ort… "

 

 
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