"Wut" an den Münchner Kammerspielen

10. April 2020. Weil die Theater nicht mehr spielen können, stellt nachtkritik.de einen digitalen Spielplan aus Mitschnitten von Inszenierungen zusammen: Vom 10. April 18 Uhr bis 11. April 18 Uhr zeigen wir "Wut" von Elfriede Jelinek in der Uraufführung von Nicolas Stemann. Premiere war am 16. April 2016 an den Münchner Kammerspielen, die Dernière fand am 28. Mai 2019 statt. Der Abend stand auf der Shortlist des Berliner Theatertreffens 2017.

 20 NAC Stream Wut Instagram

 


Für die Aufführung im nachtkritikstream sendet Regisseur Nicolas Stemann ein Grußwort per Video

 

 

Auf der Homepage der Münchner Kammerspiele heißt es über die Arbeit:

Jelinek hat für ihr neues Stück "Wut" die Anschläge von Paris zum Anlass genommen. Also jene tödlichen Attentate auf acht Redaktionsmitglieder des Satiremagazins "Charlie Hebdo", zwei Polizist*innen und vier Kund*innen eines Supermarkts für koschere Lebensmittel im Osten der Stadt. Ihr Text entfesselt die Wut, die zu ihnen geführt haben mag. Jene Wut, die in einer grandiosen narzisstischen Selbstermächtigung alle Zweifel und jede Ohnmacht hinwegfegt zu einem: Das jetzt, das ist unser Moment! Ihr hattet eure Zeit, jetzt ist es unsere! Seht her und sterbt!

Wie stets allerdings schichtet Jelinek Bedeutungsebenen. Sie bleibt nicht stehen bei der blinden Wut islamistischer Terroristen, es ist ein vielstimmiger Wut-Chor. Die Stimmen deutscher Wutbürger sind darin ebenso enthalten wie die anderer "aufrechter", "erwachender" Europäer – oder jene des antiken Helden Herakles, der, von der Göttin Hera verwirrt, im Wahn die eigene Familie auslöscht. Auch die Wut der Autorin selbst mischt sich hinein. Ihre Wut auf all die Ohnmächtigen angesichts des Terrors der Wut, die Wut auf die Wut-Dealer, auf die Populisten und Demagogen, die Wut auf die Wut-Hungrigen und -süchtigen, die Wut aber auf die eigene Ohnmacht, dass im Schreiben das Unbeschreibliche wieder nicht zu fassen zu kriegen, nicht verständlich zu machen sein wird. Aber: Ist Wut nur als Motor zur Zerstörung denkbar? Wie sie teilen, wie Ausgeschlossene, Abgehängte darin verbinden, ohne andere auszuschließen? Was könnte dann nach ihr entstehen? „Wut“ ist die inzwischen achte Zusammenarbeit der künstlerischen Wahlgemeinschaft von Elfriede Jelinek und Nicolas Stemann, Hausregisseur an den Kammerspielen. Vor vielen Jahren schon hat sie sich verbunden, in München, wo sie bisher noch nicht gemeinsam in Erscheinung getreten sind, wird sie fortgeführt.

 

Mitteilung von Nicolas Stemann: "Leider sind im Video viele Schrift-Projektionen nicht sichtbar. Dadurch sind bestimmte Szenen nicht verständlich. Gleich am Anfang werden zwei Zitate eingeblendet. Das erste ist von André Breton aus dem surrealistischen Manifest: „Der erste surrealistische Akt ist es, wahllos in die Menge zu schießen.“ Das zweite ist von Jesse Hughes, dem Sänger der Eagles of Death Metal, die am Abend des Attentats im Bataclan spielten, in dem er den strengen Waffengesetzen in Europa die Schuld am Attentat gibt und dafür plädiert, dass sich jeder bewaffnet. Später gibt es eine Szene, in der „Piano Phase“ von Steve Reich gespielt wird. Währenddessen werden die Zwischenrufe eingeblendet, die während eines Konzerts in Köln gemacht wurden: „Aufhören - das ist doch keine Kunst“ etc. Zunehmend mischen sich gehässige Kommentare zu den Kammerspielen unter Matthias Lilienthal, die zu der Zeit im Internet gemacht wurden, in die Projektionen. Dass all dies im Video nicht sichtbar ist, ist bedauerlich."

Hier geht's zur Nachtkritik der Inszenierung und zur Kritikenrundschau.

 
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