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100 Millionen Fass Öl

von Lynn Takeo Musiol und Christian Tschirner

#am Ende des Textes könnt Ihr die Zukunft befragen 🌱


6. Mai 2020. Als im Februar der erste Text unserer Reihe erschien, sah es so aus, als sei Corona ein auf die chinesische Provinzhauptstadt Wuhan beschränktes Phänomen. Inzwischen ist die öffentliche Debatte von der Frage dominiert, wie mit dem Virus umgegangen werden soll. Während viele Virolog*innen und Epidemiolog*innen mit Hinweis auf die Gefährlichkeit des Virus voreilige Lockerungen der Bewegungs- und Begegnungseinschränkungen kritisieren, wird inzwischen in unserem Kolleg*innenkreis auf eine schnelle Rückkehr zur Normalität gedrängt. Sogar von Bevormundung und Diktatur der Wissenschaftler*innen ist die Rede – eine bemerkenswerte Verdrehung von Ursache und Wirkung.

Stolz und Vorurteil

Seit den 90er Jahren gibt es einen umfangreichen wissenschaftlichen Diskurs über die Bedrohung durch neue ansteckende Krankheiten. Im Jahr 2015 – nach einer Sars-Epidemie und einer Mers-Epidemie – warnte Bill Gates vor einer Corona-Pandemie, auf die westliche Regierungen vollkommen unvorbereitet seien. Im März 2019 sagte der chinesische Epidemiologie Peng Zhou voraus, dass u.a. aufgrund der Reproduktions- und Mutationsrate der Coronaviren in Fledermäusen eine Pandemie in näherer Zukunft sehr wahrscheinlich sei.

Weder über die Gefährlichkeit der Viren noch über wirkungsvolle Gegenmaßnahmen konnte es Zweifel geben. Im Januar 2020, keine vier Wochen nach Ausbruch der Krankheit, hatte das Team von Peng Zhou das Genom des neuen Covid19 Virus vollständig entschlüsselt und weitergegeben. Viele asiatische Länder ergriffen sofort Maßnahmen. Der Westen reagierte zögernd und disqualifizierte die asiatischen Maßnahmen als nicht umsetzbar. Ganze drei Monate durfte sich das Virus ungehindert auf europäischen Après-Ski Partys, Marktplätzen, in Fitnessstudios, Theatern und Fußballstadien tummeln, bis sich die Länder zu einschneidenden Reaktionen gezwungen sahen. Hauptursache unserer gegenwärtigen Situation ist also weder Bevormundung noch das Diktat der Wissenschaft, sondern Politikversagen, Ignoranz und das größenwahnsinnige Gefühl der Unverletzbarkeit. Die Parallelen zur Klimakrise sind unübersehbar.

ProtestBernExpo 560 Climatestrike SwitzerlandProteste auf dem EXPO-Gelände in Bern gegen das Rettungspaket für die Schweizer Fluggesellschaft SWISS und Edelweiss, ohne ökologische Auflagen © Climatestrike Switzerland / flickr.com

Die aktuelle Situation ist schwer erträglich: Individuelle Freiheit, gesellschaftliche Teilhabe, demokratischer Austausch und Selbstbestimmung sind durch die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus in Frage gestellt oder teilweise aufgehoben. Gleichzeitig droht eine wirtschaftliche Rezession und damit der Verlust vieler Arbeitsplätze. Trotzdem: Den Rufen nach Rückkehr zur Normalität sollten wir widerstehen – es war gerade eine sehr fragwürdige Vorstellung von Normalität, die uns in den Lockdown manövriert hat. Eine Vorstellung, in der es trotz der Entdeckung des Treibhauseffekts als selbstverständlich galt, täglich 100 Millionen Fass Öl zu verfeuern – eine Menge, die in etwa einem Güterzug von Sizilien bis zum Nordkap entspricht. In der Deutschland mit nur etwa einem Prozent Weltbevölkerungsanteil Rang vier unter den weltweit größten Volkswirtschaften einnimmt. Eine Vorstellung also, die nicht nur ausblendet, dass die Früchte der "Normalität" extrem ungleich verteilt sind, sondern auch, dass sie unweigerlich auf eine Zerstörung unserer Lebensgrundlagen hinausläuft. Normalität war ein Zustand der Anästhetisierung, in dem wir vergessen konnten, Teil des Problems zu sein und der es gleichzeitig ermöglichte, in Allmachts- und Fortschrittsfantasien zu schwelgen. Kurz: Normalität war institutionalisierte Katastrophe.

Nach der Krise ist in der Krise

Mit COVID-19 endet die breite Anästhetisierung: Erschrocken müssen wir zur Kenntnis nehmen, wie fragil unsere gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Gefüge sind. Innerhalb weniger Wochen wird ein Wirtschaftssystem, von dem es hieß, es sei aus Gründen des Fortschritts, des Wohlstands, der Globalisierung unantastbar, nahezu zum Stillstand gebracht. Flugzeuge bleiben am Boden, Kreuzfahrtschiffe in den Häfen, der Ölpreis fällt ins Bodenlose.

Woran Ökolog*innen, Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen bislang verzweifelten – die Alternativlosigkeit einer auf Wachstum ausgerichteten, kapitalistischen Produktionsweise – gerät ins Wanken. Momentan sinken dadurch zwar die weltweiten CO2 Emissionen um 5 bis 9 Prozent. Es ist aber zu befürchten, dass kommende Konjunkturpakete die Emissionen wieder auf Rekordhöhen katapultieren: Um die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen, wird in Europa Geld gedruckt, EU-Mitgliedsstaaten können sich so hoch verschulden, wie sie wollen – ohne sich nach irgendeiner CO2-Vorgabe richten zu müssen. Gedanken an einen Green Deal sind so fern wie nie. Mit der Rettung aus der einen droht uns der Untergang in der nächsten Katastrophe.

FridaysforFuture Plakate 24 04 2020 560 FFF Facebook uPlakataktion von Fridays for Future am 24. April 2020 © Fridays For Future / Facebook

Die Veränderbarkeit der Verhältnisse, wie wir sie gerade erfahren, führt zu einem verschärften politischen Kräftemessen: Rechtspopulist*innen, Lobbygruppen und Leugner*innen eines menschengemachten Klimawandels versuchen den wirtschaftlichen Stillstand und die damit verbundenen (existenziellen) Ängste für sich zu nutzen. Viktor Orbán zum Beispiel macht sich mit der Implementierung des Notstandsgesetzes bei gleichzeitiger Einschränkung von Bürgerrechten zum Alleinherrscher auf unbestimmte Zeit. Auch die praktische Aussetzung des Rechts auf Asyl an den Europäischen Außengrenzen und ein wachsender Rassismus insbesondere gegenüber Menschen aus Asien zeichnen ein düsteres Bild.

Gleichzeitig wäre es fahrlässig, die Offenheit der gegenwärtigen Situation nicht auch als Chance zur Weichenstellung zu begreifen, also als Chance "auf ein neues Verständnis der Gemeinschaft aller Lebewesen, einem neuen Gleichgewicht zwischen allen Lebewesen auf diesem Planeten", wie Paul B. Preciado sagt. Was sind ihre Bedingungen?

Chance 3000

Erstens: Wir sollten uns als Teil des Problems begreifen. Normalität vor Corona bedeutete in Deutschland einen durchschnittlichen Ausstoß von 11,8 Tonnen CO2 pro Kopf, statt, wie etwa von Bundesumweltamt als Ziel formuliert, einer einzigen Tonne. Diese 11,8 Tonnen – und da die meisten Theaterschaffenden und Theaterschauenden in Städten leben, dürfte die Zahl für die Leser*innen von nachtkritik noch höher liegen – ermöglichten uns einen bunten Strauß persönlicher Freiheiten und materieller Extravaganzen. Weder unsere politische Einstellung, noch unser gesellschaftspolitisches Engagement ändern etwas an der Tatsache, dass wir damit die Lebenschancen Millionen anderer Menschen drastisch einschränken. Verglichen mit unserer Normalität lebte die französische Aristokratie am Vorabend der Revolution asketisch.

Zweitens: Die Versprechen von Wohlstand, Freiheit und Individualität werden von Strukturen bestimmt, die ihrer gesellschaftliche Erfüllung im Wege stehen. Das wird durch die Klimakrise besonders deutlich. Die Verhandlung zwischen dem Erkennen unserer zum Teil vorgezeichneten Lebensbahn und der Möglichkeit, sie handelnd in unserem Sinne zu beeinflussen, begreifen wir als Freiheit. Wir empfinden zwar oft ein Gefühl der Unsicherheit, der Melancholie, des Schmerzes, trotzdem hoffen wir weiter.

Abfckpraemie 560 LuisaNeubauer Twitter uProteste von Fridays For Future beim Autogipfel am 5. Mai 2020 © Luisa Neubauer / Twitter

In diesem von Lauren Berlant als cruel optimism bezeichneten ambivalenten Zustand individueller Selbstwirksamkeit steckt das Schmierfett neoliberaler Maschinerie: Fantasie und Vergeblichkeit. Wir appellieren seit Jahrzehnten vollkommen vergeblich an das persönliche Konsumverhalten der Einzelnen, statt den Blick auf Macht- und Verteilungsfragen zu lenken. Wir halten an einer auf Wachstum fußenden Wirtschaft fest und glauben daran, dass sie die Probleme, die sie auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen hervorgebracht hat, lösen wird. Obwohl es keine Aussicht auf eine technologische Lösung für Klimawandel und Artensterben gibt, und obwohl neue Technologien momentan in hohem Maß zu beiden Problemen beitragen, hoffen wir auf das technologische Mirakel eines "grünen Wachstums" innerhalb dieser Wirtschaftsstruktur. Unser cruel optimism konfrontiert uns mit der Frage, welchen Preis wir noch zu zahlen bereit sind, welche Schmerzen wir noch ertragen wollen, um an einer Normalität festzuhalten, die inzwischen nicht mehr nur das Versprechen eines gelungenen Lebens in Frage stellt, sondern des Lebens überhaupt.

Drittens: Die Klimakrise ist eine soziale Krise und keine Frage des persönlichen Lebensstils. Sie verstärkt nicht nur alle bestehenden globalen wie lokalen Ungleichheiten, sie stellt auch alle emanzipatorischen Freiheitsgewinne grundlegend in Frage. Es ist kein Zufall, dass rechte Politik mit einer Leugnung des menschengemachten Klimawandels einhergeht: In der Frage nach Klimagerechtigkeit spitzt sich die Kritik an den globalen Besitz- und Machtverhältnissen und unserem Verständnis politischer Gleichheit zu. Die Folgen des Klimawandels verschärfen die Situation der ohnehin schon Benachteiligten zuerst und besonders. Der Kampf für bessere Lebensbedingungen erfordert, dass wir uns unter dem umbrella term der Forderung nach Klimagerechtigkeit sammeln. Sie ermöglicht Bündnisse unterschiedlicher Akteur*innen, die wir für die notwendigen strukturellen Veränderungen dringend brauchen.

Aktuell sind die Theater geschlossen, viele Kolleg*innen in Kurzarbeit. Wann wieder uneingeschränkt gespielt werden kann, steht in den Sternen. Unklar ist auch, wie es angesichts einer drohenden Wirtschaftskrise künftig um die Finanzierung der Kultur bestellt sein wird. Zahlreiche Künstler*innen haben Zukunftssorgen. Vielleicht gerade deshalb der richtige Augenblick, um unsere Zukunft zu befragen:

 

Musiol Lynn 280 privat uLynn Takeo Musiol wurde 1991 in Leverkusen geboren. Sie studierte Soziologie, Islamwissenschaften und Internationale Kriminologie. Zuletzt arbeitete sie als kuratorische Assistent*in beim Berliner Herbstsalon des Maxim Gorki Theaters, ab der kommenden Spielzeit wirkt sie als Dramaturg*in am Schauspielhaus Düsseldorf. Seit 2019 ist sie Stipendiat*in der Akademie der Künste in Berlin.



Tschirner Christian c bastian lomsche uChristian Tschirner
wurde 1968 in Lutherstadt-Wittenberg geboren. Er absolvierte eine Ausbildung zum Tierpfleger, später ein Schauspielstudium an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch". Er erhielt ein Engagement als Schauspieler in Frankfurt/Main, wurde dann freier Regisseur und Autor. Seit 2009 ist er Dramaturg, zunächst am Schauspiel Hannover, ab 2013 am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Seit dieser Spielzeit 2019/2020 ist er leitender Dramaturg der Berliner Schaubühne.

 

Die Artikelserie Inside Endzeit von Musiol/Tschirner erschien vierzehntägig auf nachtkritik.de:

Mehr zum Thema: Im April 2019 beschrieb Christian Tschirner auf nachtkritik.de: Wie schlechte Klimapolitik und rechte Demagogie unheilvoll zusammenhängen.

Weitere Essays und Theaterrezensionen zum Thema finden Sie in unserem Dossier Theater und Klimakrise.