Wenn Vater online austickt

von Gabi Hift

Berlin | online, 7. Mai 2020. "Es gibt ja eine Antwort auf das, was passiert, aber wenn ich die annehme, dann entlasse ich ihn aus jeglicher Verantwortung. Er ist…" Im Kopf ergänzt man still "Er ist… verrückt". Aber dieses V-Wort wird nicht ausgesprochen, nicht aufgeschrieben.

"Er" ist der Vater von Katharina Köth, der Autorin des autobiographischen Textes "Die härteste Tochter Deutschlands", der Ende April in der Box des Deutschen Theaters Berlin uraufgeführt werden sollte. Gerade als die Proben begannen, kam die Corona-Krise und die Theaterschließung. Gleichzeitig wurde der Text mit jedem Tag aktueller: Es geht um das Auseinanderdriften von einander nahen Menschen, wenn einer in den Strudel von Verschwörungstheorien stürzt. Daher hat sich das Team entschlossen, das Stück nicht auf "danach" zu verschieben, sondern es als Live-Internet-Theater neu zu konzipieren. Die Geschichte eignet sich perfekt dafür, vielleicht zu perfekt – sie spielt nämlich ohnehin im Internet.

Kein LSD für Nazis!

Es beginnt damit, dass im Facebook-Stream der Autorin ein Video aufpoppt, auf dem ihr Vater zu sehen ist, zu dem sie den Kontakt schon vor Jahren abgebrochen hatte. Man sieht ihn auf freiem Feld seine deutschen Ahnen anrufen, flehen, es möge endlich vorbei sein mit der Demokratie und "den ganzen Juden" – sieht ihn in Tränen ausbrechen und in breitem Sächsisch den Endsieg des Nationalsozialismus beschwören. Das Video hat jemand auf YouTube unter dem scherzhaften Titel "Kein LSD für Nazis" gepostet, es hat sich rasend schnell verbreitet, ein herrlicher Witz.

Haerteste Tochter 600 credit roman kuskowskiIm Strudel des Internets: Elias Arens, Edgar Eckert und Annemie Twardawa © Roman Kuskowski

Der Text ist eine verzweifelte Anrufung, ein Aufschrei, Ekel vor dem Vater, Hass gegen die, die über ihn lachen, ein Versuch zu verstehen, sich zu distanzieren, ihn sich endlich aus dem Herz zu reißen. Erschütternd, fast peinlich privat, kaum auszuhalten. Die Autorin schreibt selbst: "Das was ich hier erzählen möchte, ist so unsäglich, dass ich eine brauche, die das, was ich schreibe, übersetzt. Damit es sich so anfühlt – wie es gefühlt wurde."

Die Wohnung als Bühnenraum

In dieser Internetaufführung wird ein wenig Distanz dadurch erzeugt, dass Vater und Tochter keine durchgehenden Figuren sind, sondern von den drei Schauspieler*innen abwechselnd gesprochen werden. Die Schauspieler*innen haben sich in ihren Wohnungen selbstständig Bühnenräume gebaut. Annemie Twardawas Zimmer ist der (Kopf-)Raum der Tochter, eine Höhle, die mit unzähligen Textfetzen ausgekleidet ist. Im Lauf der Vorstellung klebt sie immer mehr an die Wände, an die Decke. Am Ende bastelt sie kleine Puppen aus Papier und Leim, die aufeinander losgehen, erst zwei, dann eine ganze Armee, mit kleinen rotbeklecksten, blutigen Köpfen.

HaertesteTochter4Viele Fenster: Die Akteure spielen physisch distanziert, Roman Kuskowski mixt live die Bilder © Screenshot

Elias Arens agiert in einem leeren Keller, einem unheimlichen, brutalen Ort. Der geistige Bunker des Vaters. Edgar Eckert hat sich ein Beamtenbüro gebaut, er ist auch als Beamter kostümiert. Er spielt eine Figur, die nicht aus dem Text der Autorin stammt: einen Politiker/Experten, der Fakten über Covid-19, die man in- und auswendig kennt, in so schmierigem Ton in die Kamera salbadert, dass man ihm kein Wort glaubt – ein Strang, der sich nicht so recht erschließt.

Anklänge an "Matrix"

In ihren Zimmern filmen sich die Schauspieler*innen selbst, die drei Streams werden live von einem Operator (Roman Kuskowski) zusammengeschnitten. Manchmal kommt ein viertes Fenster mit Google Suchergebnissen über Rechtsextremismus dazu. Dann wieder zersplittert das Bild der Tochter wie in einem Kaleidoskop und die Einzelteile formen sich zu einem Trichter, der einen in die Tiefe des Raums zieht. Oder es laufen hunderte grün leuchtende Textzeilen über den Bildschirm und wecken Assoziationen zu "Matrix" und "Beautiful Mind".

HaertesteTochter4 560 ScreenshotEs spielen im Uhrzeigersinn: Annemie Twardawa, Elias Arens und Edgar Eckert © Screenshot

Als weiteres Element gibt es einen Live-Chat, in den sich manchmal eine "Stimme von außen" einschaltet und Fragen stellt – "Glauben Sie an das Ende der menschlichen Spezies? An eine höhere Macht? An Parallelwelten?" – und Antworten im Binärcode verlangt. Dieser Strang mündet am Ende in eine Pointe, die hier nicht verraten werden soll, und die zwar lustig ist, einen aber vom Geschehen ironisch distanziert, von dem man durch die gefühlssichere Glaswand des Bildschirms ohnehin schon abgeschottet ist.

Schutzraum vermisst

Die Schauspieler*innen spielen die einzelnen Momente psychologisch glaubwürdig, aber auf eine mehr allgemeine Art, sie gehen weg von der spezifischen Vater-Tochter-Situation. Insbesondere der Vater ist nicht die Figur, die auf dem realen Video zu sehen ist (weil der Titel genannt wird, ist man verführt, es zu googlen, und fühlt sich dann wie ein Voyeur). Elias Arens, der das Video nachspielt, zeigt keinen weinenden, beseelt Besessenen, sondern eher den fanatischen Standardnazi. Dadurch wirkt er gefährlicher als der Mann in dem Video. Das erspart einem aber auch das unangenehme Mitleid. Die ganz spezifische Verzweiflung, in die die Tochter stürzt, erreicht einen nicht. Wie sie nicht wahrhaben will, dass der Vater wahrscheinlich psychisch krank ist, obwohl schon sein Vater bipolar war und genau dieselben Symptome zeigte.

Politische Entfremdung, Kontaktabbruch, Isolation – das tiefe Entsetzen, das im Kern dieser Geschichte steckt, kann über eine Videoschaltung nicht erlebt werden. Um sich einer solchen Drastik auszusetzen, bräuchte es einen Schutzraum, für die Schauspieler*innen und fürs Publikum. Es bräuchte ein physisches Theater, das selbst eine solche Gemeinschaft darstellt, die schützt, einfach dadurch, dass Menschen bereit sind, sich zusammen solchen Ängsten zu stellen. In dieser Interaufführung sieht und spürt man den Rand des Abgrunds. Man ist dabei allein zu Hause, niemand traut sich zu springen. Man spürt sehr deutlich, was man vermisst, was mit diesem Text, diesem Thema, diesen Schauspieler*innen möglich wäre, wäre man nur gemeinsam im Theater. Und das ist eine wertvolle Erfahrung.

 

Die härteste Tochter Deutschlands
von Katharina Köth
Regie: Sarah Kurze, Video und Streamoperator: Roman Kuskowski, Musik: Marcel Braun, Björn Mauder, Dramaturgie: Sima Djabar Zadegan.
Mit: Elias Arens, Edgar Eckert, Annemie Twardawa.
Online-Premiere am 7. Mai 2020
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.deutschestheater.de

 

Kritikenrundschau

Für Fabian Wallmeier von rbb|24 (8.5.2020) "bilden die aus der Not geborene Form des Abends und sein Thema eine schlüssige Einheit. Die Geschichte einer gesellschaftlichen Selbstentkoppelung wird da erzählt, wo sie vollzogen wurde: in der stetigen Gleichzeitigkeit der Internets, wo neben all dem Unverzichtbaren, was unser Leben heute mit ausmacht, eben auch für jede noch so irre Verschwörungstheorie vermeintliche Belege zu finden sind – und Gleichgesinnte einander in ihrem Wahn bestätigen." Einwände erhebt der Kritiker einzig gegen den Nebenstrang im Chat, der "leider sehr vom Hauptgeschehen" ablenke.

"Es ist ein schnelles Switchen zwischen Gedanken, Sätzen, Bildern, die wohl die große Diffusion und Disruption abbilden sollen, die das Internet als Zumutung für ein einziges Bewusstsein auch darstellen kann," schreibt Esther Slevogt in der taz (9.5.2020)."So recht formt sich kein Bild, keine Deutung heraus. (...) Trotzdem funktioniert der Abend als kurze Bildbeschreibung dieser Zeit ganz gut."

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Kommentare

Kommentare  
#1 Härteste Tochter, Berlin: interessanter TextKonrad Kögler 2020-05-08 10:51
Ein interessanter Theater-Text voller Matrix-Anspielungen, der auch auf der Bühne gut funktionieren könnte.

Gut gefielen mir die Musik-Auswahl und die Idee, Elias Arens als Reichsbürger, der sich in seinen Verschwörungstheorien eingebunkert hat, durch einen leeren Keller tigern zu lassen.

In der Video-Konferenz-Ästhetik verkümmert dieser Text jedoch, das Online-Projekt mit Live-Chat ist meilenweit von einem Theater-Erlebnis entfernt. Die autobiographische Reichsbürger-Studie von Katharina Köth, die wie in der Reihe "Limited Edition" in der DT-Box üblich nur für drei Vorstellungen geplant war, hätte eine zweite Chance auf der Bühne verdient.
#2 Härteste Tochter, DT Berlin: Wege nach vorndabeigewesen 2020-05-08 12:10
Aus meiner Sicht ist dieses wirkliche Livestreaming viel mehr als nur ein Notbehelf, vielmehr zeigt es einige interessante Wege nach vorn, gibt Anderen gute Anhaltspunkte für ein Theater im Netz.
Zunächst einmal: starker Text, zeitgemäßes, aktuelles Thema, exzellente Schauspieler. Die Multiperspektivität, die radikalen Ortswechsel, die Gleichzeitigkeit und dadurch mögliche Komplexität wäre so auf einer Theaterbühne schwer realisierbar gewesen. Und dabei rutscht der Abend nie ab in einen filmischen Realismus, erhält sich durch souveräne Rollenwechsel den Bezug zum Theater.
Darüber hinaus unterstützen Bildregie und die wirklich gute Musik eine Episodenhaftigkeit, die - neben der Kürze (1 h)´- die Konzentration, die ja vor dem Bildschirm viel schneller leidet, als im exklusiven Theaterraum.
Hut ab vor dem kleinen Team und den Schauspielern, die ja den technischen Aufwand zuhause auch noch stemmen mußten.
Kleiner Wermutstropfen ist für mich lediglich der Chat, der mir eher ein Beiwerk scheint, der sicher eine Gemeinsamkeit erzeugt (wie allerdings auch der Zähler, der zuverlässig zwischen 210 und 290 live-Zuschauer anzeigt, das sind 3-4 x mehr Zuschauer, als die Box im DT fassen würde), ansonsten aber auch ein bisschen ablenkt und wenig auf den Input der Zuschauenden reagiert. Liveness wäre gfs. mehr durch eine im Hintergrund laufende Tagesschau erstellt worden.
Der einzige Moment, wo ich schmerzlich den Theaterraum vermisste, war beim Applaus, der mit Emojis und Kommentaren dann doch sehr trocken ausfällt. Nochmal "Bravo" also.
#3 Härteste Tochter, Berlin: kein Genrandbemerkung 2020-05-08 13:03
Bitte Vorsicht mit solchen Sätzen:
"Wie sie nicht wahrhaben will, dass der Vater wahrscheinlich psychisch krank ist, obwohl schon sein Vater bipolar war und genau dieselben Symptome zeigte."
Die problematische Wahrnehmung von Kindern bipolarer Eltern als potentiell ebenfalls psychisch krank wird dadurch leider verstärkt. Aber: Es gibt kein Gen für die bipolare Erkrankung.

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