"Der zerbrochne Krug" vom Düsseldorfer Schauspielhaus

22. Mai 2020. Weil die Theater nicht mehr spielen können, stellt nachtkritik.de einen digitalen Spielplan aus Mitschnitten von Inszenierungen zusammen. Am 22. Mai 2020 ab 18 Uhr zeigen wir den "Der zerbrochne Krug" von Heinrich von Kleist in der Regie von Laura Linnenbaum, eine Klassiker-Lektüre im Licht der #MeToo-Debatte. Premiere am Düsseldorfer Schauspielhauses war am 8. November 2018.

 

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Auf der Homepage des Düsseldorfer Schauspielhauses heißt es über die Inszenierung:

Wie Adam versucht, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, und sich dabei an den Galgen lügt, das ist die eine Seite dieses Lustspiels. Die andere liest sich wie ein brandaktueller Kommentar zur #MeToo-Debatte. Denn der Machtmissbrauch des Richters reicht von Urkundenfälschung über Vetternwirtschaft und Erpressung bis zu sexueller Nötigung. Es ist nicht nur die Geschichte des unrechten Adam, sondern ebenso die einer ganzen Gesellschaft, die eine fragwürdige Autorität stützt, statt Eve zuzuhören.

 

In seiner nachtkritik schrieb Martin Krumbholz :

"Linnenbaum bleibt dicht am Text, auch wenn sie das Pittoresk-Gemütliche der Vorlage eliminiert und beispielsweise den Ofen durch einen Kühlschrank ersetzt. Kalt und heiß, darauf kommt es im Stück durchaus an, aber die Reihenfolge ist gewissermaßen austauschbar. … Heinrich von Kleists 'Zerbrochner Krug' ist ein überkomplexes Stück. Sündenfall im Paradies, Anti-Ödipus, Inversion der Tragödie ins Komische: Der Chiffren ist kein Ende, und kein Publikum der Welt wird das alles auf Anhieb entschlüsseln können. Daran ist schon der Regisseur der Uraufführung, ein gewisser Herr von Goethe, schier verzweifelt. Er hatte auf mehr Lacher gehofft. Dabei ist das Stück nicht nur sehr komisch, es ist saukomisch, auch wenn die Sau nicht durchs Dorf, sondern nur durch einen Gerichtssaal getrieben wird – der zugleich Krankenstation, Dorfschänke und einiges mehr ist. Im Wesentlichen also: Parodie eines Gerichtssaals; alles ist hier Parodie."

 

Der zerbrochne Krug
von Heinrich von Kleist
Regie: Laura Linnenbaum, Bühne: Valentin Baumeister, Kostüm: Ulrike Obermüller, Musik: Justus Wilcken, Dramaturgie: Felicitas Zürcher
Mit: Florian Lange, Andreas Grothgar, Rainer Philippi, Michaela Steiger, Cennet Rüya Voß, Henning Flüsloh, Markus Danzeisen
Premiere am 8. November 2018
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.dhaus.de

 

 

Kritikenrundschau

Einen "scharfen und wichtigen Debattenbeitrag im zweiten Jahr der 'Me Too'-Bewegung" erlebte Cornelia Fiedler von der Süddeutschen Zeitung (10.11.2018) in Düsseldorf. Die Regie ziehe "sämtliche Humorregister: von absurden Wortpirouetten über Herrenwitze bis zum Slapstick ist alles dabei". Im Auftritt des Gerichtsrats Walter zeige sich ein "System, in dem die Wahrheit mit Beleidigungen übertönt wird, und die Moral mit Gewalt".

"#MeToo trieft aus allen Ecken", berichtet Dorothea Marcus in der Sendung "Fazit" auf Deutschlandfunk Kultur (8.11.2018). "Eine konzentrierte, auf den Punkt gebrachte Inszenierung. Die Figuren bleiben durch den Bau der Kulisse manchmal etwas statisch. Ansonsten werden sprachliche Funken geschlagen, es gibt große Lacher und ein schockierendes Ende. Männer-Bünde überleben und Dorfrichter Adam kommt in tailliertem Anzug wieder ins Amt."

Über eine Komödie mit "karnevalesken Figuren, gewitzten und geistreichen Dialogen" berichtet Thomas Frank in der Westdeutschen Zeitung (10.11.2018). "Bewegend und unerlässlich!" wiederum sei der Monolog von Eve, ebenso das "Finale, bei dem Eve von Walter vergewaltigt wird und Adam einen anderen Posten im Justizapparat erhält. So mutiert Linnenbaums Kleist-Inszenierung zu einem emanzipatorischen Kommentar auf die #MeToo-Debatte."

Laura Linnenbaum habe aus Kleists "vielschichtigem Lustspiel" ein "bitteres Lehrstück zur MeToo-Debatte gemacht – ohne der Gerichts-Farce die mal deftige, mal hintersinnige Komik zu nehmen", schreibt Dorothea Krings in der Rheinischen Post (9.11.2018). Dabei verweigere sie insbesondere mit dem Schluss "jeden Gedanken an Versöhnung". Dies sei "keine feinsinnige Inszenierung, aber die Regisseurin verfolgt ihre Lesart dieses so anspielungsreichen Lustspiels konsequent."

 

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