"Ansichten eines Clowns" inszeniert von Maxim Didenko

5. Juni 2020. Weil die Theater nicht mehr spielen können, stellt nachtkritik.de einen digitalen Spielplan aus Mitschnitten von Inszenierungen zusammen: Bis 5. Juni 2020 18 Uhr zeigen wir Ansichten eines Clowns nach dem Roman von Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll. Die Premiere der Inszenierung von Maxim Didenko fand am 30. März 2019 im Nationaltheater Mannheim statt.

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Auf der Webseite des Nationaltheaters Mannheim heißt es:

Ein gescheiterter Rebell ist er, dieser Hans Schnier, der sich als tourender Clown selbst ins Abseits verfrachtet. Halb überzeugt, halb trotzig fristet er sein Nomadendasein in bundesdeutschen Hotelzimmern – lieber das, als Industriellensohn sein und seine Kinder katholisch erziehen lassen, wie seine große Liebe Marie es wollte. Schnier ist einer, der das Glück nur als Außenstehender zu ertragen scheint.

Heinrich Böll zählt zu den wichtigsten Intellektuellen der Nachkriegszeit. "Ansichten eines Clowns", seine Abrechnung mit der konservativen, christlich geprägten BRD der 1950er Jahre, wurde zum internationalen Erfolg. Besondere Popularität genießt Böll bis heute in Russland, wo die orthodoxe Kirche noch immer eng mit dem Staat verknüpft ist. Für den russischen Regisseur Maxim Didenko ist es vor allem der Blick des Clowns auf die Wirklichkeit, die Bölls Betrachtung der Welt so einzigartig macht. Aus der Kunstform der Clownerie, die anarchisch und wahrhaftig zugleich ist, entwickelt er eine neue performative Sprache zwischen Tragik und Komik. "Ansichten eines Clowns" ist seine erste Regiearbeit in Deutschland.

In seiner Nachtkritik schrieb Harald Raab:

"Die Geschichte Bölls über die reale Zwangsgesellschaft der Bundesrepublik in den Adenauerjahren kommt in Mannheim als clowneske Karikatur daher. Pantomimisch, mit marionettenhaft mechanischen, manchmal gar tänzerischen Bewegungen agieren die Figuren, stereotyp überzeichnete Charaktere, Lemuren gesellschaftlicher Verlogenheit. Alle stehen sie unter der Zuchtrute der katholischen Kirche, in einem von oben verordneten System einer bürgerlichen Wohlanständigkeit, die ihre ziemlich aktive Rolle in der Nazibarbarei vergessen machen soll. Besonders dreist treibt es die Mutter des Clowns (Johanna Eiworth), die ihre Tochter für Führer, Volk und Vaterland geopfert hat. Sie meiert jetzt als Präsidentin der "Gesellschaft zur Versöhnung rassischer Gegensätze" herum.

Wesentlichen Anteil an der Faszination dieser Romanadaption hat der Video- und Lichteinsatz (Oleg Mykhaylov und Damian Chmielarz). Die ganzen Szenen werden von dramatischen Bildfolgen überzogen. Farbmuster konturieren das Geschehen. Rot wie Blut färben sich Fotos von HJ-Aufmärschen. Besonders beklemmend ist eine Videosequenz. Der Clown erschießt seine Plagegeister in einer imaginierten Orgie des lustvollen Tötens. Er filmt seine Opfer mit der Handkamera, wie sie sterbend zusammenbrechen."

 

Ansichten eines Clowns
frei nach dem Roman von Heinrich Böll
Regie: Maxim Didenko, Bühne und Kostüme: Maria Tregubova, Choreografie: Dina Khuseyn, Musik und Komposition: Vladimir Rannev, Video: Oleg Mykhaylov, Licht: Damian Chmielarz, Dramaturgie: Valery Pecheykin / Ouldooz Pirniya.
Mit: Sophie Arbeiter, Christoph Bornmüller, Rocco Brück, Johanna Eiworth, Lorena Handschin, Boris Koneczny, Robin Krakowski, Viktoria Miknevich, Patrick Schnicke.
Premiere am 30. März 2019
Dauer: 1 Stunden 45 Minuten, keine Pause

www.nationaltheater-mannheim.de

 

Kritikenrundschau

Die Figuren behrrschen das ritualisierte Formenspiel entschieden besser als ihre eigene Psyche, so Alfred Huber im Mannheimer Morgen (1.4.2019). "Jedenfalls zeigt Maxim Didenko nur selten, dass sich hinter den mechanischen Auftritten der Menschen und ihrem Gruppenverhalten eine extreme Angst verbirgt." Mit der Vielfalt seiner Einfälle könnte der Regisseur vermutlich mehrere Inszenierungen bedienen. "Hat man sich erst einmal auf die Vitalität dieser explosiven Theaterform eingestellt, auf all die Videobilder, dynamischen Abläufe, auf den expressiven Druck, dann spürt man auch die Unbedingtheit und Notwendigkeit dieser Anstrengungen."

Didenko inszeniere flott und bildgewaltig mit viel Slapsticks, Slowmotions und vielen guten Einfällen, so Marie-Dominique Wetzel von SWR2 (1.4.2019). Beeindruckend sei auch das Bühnenbild, es passe aber leider nur in den wenigstens Fällen wirklich. Die Blümchentapete etwa sei einfach "zu luftig-fröhlich, als dass sie den spezifischen Mief der 50er Jahre transportieren könnte". Aber nur darum gehe es in der Vorlage. Auch Regisseur Didenko scheine mit dieser Zeit und Bölls Kritik daran nicht allzu viel anfangen zu können. Dennoch sei es auch trotz mancher Längen ein unterhaltsamer, bildgewaltiger Abend mit einer ganz eigenen, betörenden Bühnenästhetik.

Von Nicole Sperk schreibt in der Rheinpfalz (1.4.2019): Maxim Didenko beweise mit seiner "bildgewaltigen Inszenierung, dass man Bölls Klassiker heute noch lesen sollte. Eigentlich halte sich Didenkos Inszenierung "streng an die literarische Vorlage". Eine eigene Geschichte erzähle er "vor allem visuell". Mithilfe von "Video, Licht und elektronischer Musik" entstüneden "gewaltige Bilder, laute, grelle, auch anstrengende". Die Bühne sei auch eine Zirkusmanege, in "der sich alle mit Lust austoben dürfen".

 

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