Wem gehört das Erinnern?

von Janis El-Bira

Berlin, 5. Juni 2020. Wie hauchzart ist doch dieses schwache Ding Theater! Kaum pfeift der Wind an diesem trügerischen Vorsommerabend polarkalt durch den riesigen Innenhof im Berliner Haus der Statistik, kaum ziehen ein paar Spaßvögel "Abstand!" brüllend am Aufführungsort vorbei und fährt der Wachschutz ungerührt im Auto um die offene Bühne – schon ist es mit der Konzentration dahin. Als hätten uns die Monate in den eigenen vier Wänden in hyperalerte Nestschützer verwandelt, wird jede Störung wie ein Eindringen ins Privateste von gereckten Köpfen und sorgenvollen Blicken begleitet. Vielleicht müssen wir erst wieder lernen, was Öffentlichkeit heißt und dass nicht alles, was sich in ihr ereignet, unsere Reaktion verlangt.

Im "Museum der Vernichtung"

Dabei hätten Ort und Setting dieses frühen Vorstoßes ins post-coronale Hauptstadttheater dafür eigentlich kaum geeigneter sein können. Im Haus der Statistik, einer jener unausdenkbar scheußlichen Alexanderplatz-Ruinen, siedelt sich nach Jahrzehnten zwischen Abrissbirne und Denkmalschutz mittlerweile wieder die Kunst an. Darunter ist auch die Gruppe Dramatische Republik, ein Ensemble aus Theaterlaien und -profis, das sich ganz der zeitgenössischen Dramatik verschrieben hat. Auf der Fläche eines ausrangierten Autoscooters spielen sie Małgorzata Sikorska-Miszczuks Stück "Der Koffer", eine luftige Annäherung an Identitäts- und Erinnerungsfragen vor der Folie des Holocausts.

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Im Autoscooter-Setting: Ini Dill und Maximilian Bosch (oben), Susanne Voyé und Daniel Blum (auf dem Podest) © Dramatische Republik, 2020

Deren Hauptfigur trägt die Zerklüftungen des 20. Jahrhunderts schon in ihrem seltsam verrenkten Namen: Im "Museum der Vernichtung" entdeckt Fransoua Jako (Daniel Blum) einen Koffer, den er als Eigentum seines in Auschwitz ermordeten, ihm unbekannten Vaters identifiziert. Auf der Suche nach sich selbst wird der bis dahin depressiv die Straßen von Paris ablaufende Fransoua durch diesen Fund traurig erlöst. Er lernt, dass seine Herkunft unter dem Stern der Vernichtung steht. Doch im Moment der Wiederbegegnung mit dem Vater beim Öffnen des Koffers muss er ihn sogleich wieder ziehen, den Toten tot sein lassen, um selbst leben zu können.

Dabei schleppt Sikorska-Miszczuks Text unter seiner melancholischen Glasur durchaus Konfliktträchtiges ins Autoscooter-Rund. Denn das beinahe märchenhaft Anrührende im Koffer-Gespräch zwischen Vater und Sohn übermalt, dass hier nicht eben unproblematisch die kollektive Erinnerung in erster Linie als individuelle Last gekennzeichnet wird. So etwa, wenn eine "verzweifelte Museumsführerin" (Susanne Voyé) im "Museum der Vernichtung" dafür wirbt, dass man "vergessen müsse, um zu verzeihen". Die Bilder der nackten Leichen, sagt sie, sollen runter von den Wänden. An der zerfallenden Gegenwart könnten sie längst nichts mehr ändern. Vielmehr seien sie bloß noch dazu da, die Lebenden um den Verstand zu bringen.

Auschwitz als Ort, mit dem sich Frieden schließen lässt?

In Deutschland hörte man so eine These wohl am ehesten von jenen, denen auch das Wort "Schuldkult" leicht über die Lippen geht. Davon ist Sikorska-Miszczuks Stück zwar weit entfernt, Regisseur Rolf Kemnitzer hat aber dennoch einige ironisierende Sicherheitsnetze eingezogen, um allem Anfangsverdacht aus dem Weg zu gehen. Das beginnt beim Erzähler der Geschichte (Paul Maximilian Boche), der im Auto auf den Hof fährt und sich in Goldanzug und Steppschuhen gemeinsam mit seiner Partnerin (Ini Dill) durch den Abend schlawinert, wobei es das Paar immerhin einmal zwar bedenklich engtanzfreudig, aber schön theaterschwindelig auf das über Bühne und Zuschauerbereich gespannte Netz zieht. Und es endet beim namensgebenden Koffer, der hier eher ein Bauchladen ist, aus dem die Museumsführerin die Erinnerungsstücke zur Selbstbedienung anzubieten scheint.

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Im Netz der Erinnerung: Ini Dill und Maximilian Bosch © Dramatische Republik, 2020

Dazwischen herrscht im Spiel des kleinen Ensembles Untertemperatur, was weniger mit dem fiesen Wind als damit zu tun hat, dass dieses Stück letztlich wenig Reibung bietet, wenn man sich von seiner Poesie den kantigen Subtext bereitwillig wegbalsamieren lässt. So wird hier Schreckliches gelassen ausgesprochen und Auschwitz zu einem Ort, mit dem sich Frieden schließen lässt, trifft man nur das Zauberwort. Koffer, öffne dich.

Wirklich anpacken und durchrütteln können hätte man den Text dabei ausgerechnet im Rückgriff auf die wahren Umstände, auf denen er basiert. Denn den Kofferfund durch den Sohn eines Ermordeten gab es tatsächlich. Damals entwickelte sich allerdings ein handfester Streit zwischen dem Pariser Mémorial de la Shoah und der Gedenkstätte Auschwitz, die den Koffer nach Frankreich entliehen hatte, nun aber auch vertragsgemäß zurück wollte. Am Ende musste ein Gericht einschreiten. Wem gehört das Erinnern in der Zeit seiner Institutionalisierung? Eigentlich eine Frage auch für diesen Abend. Aber, ach, wir fangen ja gerade erst wieder an.

 

Der Koffer
von Małgorzata Sikorska-Miszczuk
Regie: Rolf Kemnitzer, Bühne: Stefan Oppenländer, Technik und Sound: Andreas Tiedemann, Kostüme: Ini Dill, Dramaturgische Beratung: Anne-Sylvie König.
Mit: Ini Dill, Susanne Voyé, Paul Maximilian Boche, Daniel Blum.
Premiere am 5. Juni 2020
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.dramatische-republik.de

 

 

Kritikenrundschau

"Es hat wieder Geht-so-Theater stattgefunden", resümiert Patrick Wildermann im Tagesspiegel (7.6.2020). Sikorska-Miszczuk "legt einen Finger in offene Wunden, wenn sie ein Gedenken zur Disposition stellt, das 'den Kriegsschmutz' konserviert und damit konsumierbar macht, aber vom 'Nachkriegsschmutz' nichts wissen will, das mit seiner trügerischen Aufarbeitungsgewissheit blind macht für die 'Ruinen der europäischen Zivilisation', in denen wir eigentlich leben", schreibt der Kritiker. Aber durch die "angestrengt wirkende Bauweise" gehe dem "Stück viel Unmittelbarkeit verloren". Zu befragen wäre für den Kritiker die Aussage der Autorin im Programmheft, dass man in diesem Erinnerungskontext "das Loslassen zu üben" habe. Regisseur Rolf Kemnitzer habe sich "bemüht", dem "Abend die maximale ironische Distanz einzuziehen, um fragwürdigen Lesarten vorzubeugen".

Das "bizarr-charmante Erinnerungsstück" von Malgorzata Sikorska-Miszczuk bespricht Doris Meierhenrich für die Berliner Zeitung (online 6.6.2020). Die Autorin Sikorska-Miszczuk bohre "in den unauflöslichen Widersprüchen von persönlicher und gesellschaftlicher Geschichte, die jeden zwingen, einen nie klaren, eigenen Weg zu finden zwischen toten Dokumenten und lebendiger Aneignung". Ihr Text erfordere vor der "starken Realkulisse des Trümmerhauses" entweder "eine besondere Transparenz des Spiels zum Ort hin oder umgekehrt eine doppelt kraftvolle Spielenergie dagegen. Leider fehlt dem behäbigen Abend das eine wie das andere. Zwar turnt das Erzählerpaar munter über den ganzen Autoscooter weg, doch fehlt ihm die groteske Schärfe, der Witz, auch die Dringlichkeit."

Malgorzata Sikorska-Miszczuks Stück "balanciert gekonnt und sogar humorvoll auf dem schmalen Grad persönlicher Erinnerung und individuellen Gedenkens", sagt Ute Büsing im Inforadio des rbb (6.6.2020). Die beiden Protagonist*innen entwickelten sich im Laufe der Inszenierung zu "Luftgeistern der Erinnerung" und flüsterten "immer dringlichere Botschaften" ein. Fazit: "Nicht der schlechteste Auftakt für die Freiluft-Sommertheater, die da folgen werden."

Der Stoff sei "starker Toback", aber "die Geschichte ist wirklich heiter erzählt, poetisch, surreal, auch fantastisch", berichtet Barbara Behrendt im Kulturradio des rbb (6.6.2020). Rolf Kemnitzer versuche, das Werk "surreal in der Bonbonfarben des Autoscooters zu inszenieren", trotzdem falle es "schwer, den Zugang zu diesen Figuren zu finden". Sikorska-Miszczuks Stück sei "ein sehr konzentrierter, komplexer, auch metaphorischer Text, bei dem wirklich jedes Wort zählt, der aber keine einfache psychologische Einfühlung erlaubt", und in dem Setting mit dem Hintergrundlärm des Alexanderplatzes "gehen dann viele Feinheiten verloren".


Der Aufführungsort rufe "Erinnerungen an das wilde Berlin der Nachwendejahre wach, die Zeiten greifen ineinander und überlagern sich", so Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (8.6.2020). Die Inszenierung von Rolf Kemnitzer vertraue "der offenen dramatischen Bauweise des Stücks, ohne es mit psychologisch-moralischen Draperien zu verkleiden." Seine "zauberische Interpretation" vermöge es, "die Geheimnisse des Stücks freizulegen – und dennoch zu bewahren", schreibt Bazinger, die auch das Ensemble mit großem Lob bedenkt.

 
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