Dompteure des Stillstands

von Shirin Sojitrawalla

Wiesbaden, 6. Juni 2020. Die Absage der diesjährigen Wiesbadener Weinwoche führte zu kollektivem Wehgeschrei. Die Schließung des Wiesbadener Theaters indes entsetzte vornehmlich den Intendanten Uwe Eric Laufenberg. In seinen so genannten Solo-Diskursen machte er aus seinem Herzen keine Mördergrube und polterte sein Unverständnis für die Maßnahmen der Regierung frei heraus.

Schon Ende April kündigte er dann trotzig an, eine Beckett-Trilogie erarbeiten zu wollen, am 4. Mai begannen die Proben, und als es in Hessen überraschend hieß, ab 9. Mai dürfte wieder gespielt werden, war Wiesbaden bzw. sein Theater fein raus. Sogar ein Ersatzprogramm für die Maifestspiele gab es noch, und jetzt Beckett im Dreierpack.

Ein Ehepaar sucht "Glückliche Tage"

Beckett geht ja irgendwie immer. Die Vorteile in Zeiten von Hygienemaßnahmen liegen auf der Hand: Wenige Figuren mit viel Abstand auf der Bühne und abgezählte Zuschauer im großen Saal als Idealpublikum (200 von 1000 Plätzen wurden dann tatsächlich vergeben).

Glueckliche Tage2 560 Karl und Monika Forster uAuf Abstand mit Beckett: Gottfried Herbe und Evelyn M. Faber in "Glückliche Tage" © Karl und Monika Forster

Laufenberg entschied sich für die drei bekanntesten und meistgespielten Beckett-Stücke: "Glückliche Tage", "Endspiel" und "Warten auf Godot". Bescheidenes Ziel sei es, so ließ er verlauten, die Stücke anhand der aktuellen Krise neu zu deuten, vor allem aber mit diesen die aktuelle Krise neu zu lesen. Ob dieser Ankündigung alpträumte man schon Schauspieler mit Mundschutz und irgendwas mit Klopapier auf der Bühne.

Winnie aus "Glückliche Tage" ist dann in Wiesbaden nicht wie gewohnt in einem Hügel eingegraben, sondern thront in einem umfangreichen Reifrock, in dem sie sich bewegt wie in einem Laufstall. Ihr Mann Willie schläft hinter ihr auf einem Sofa in einem der Zeit enthobenen Wohnzimmer. Evelyn M. Faber und Gottfried Herbe, seit Urzeiten am Wiesbadener Theater zu sehen und seit Urzeiten verheiratet, verkörpern das betagte Ehepaar.

Glueckliche Tage 560 Karl und Monika Forster uReifrock statt Erdhügel: Evelyn M. Faber in "Glückliche Tage" © Karl und Monika Forster

Sie redet, er schweigt die meiste Zeit. Im zweiten Akt, wenn Winnie bei Beckett bis zum Hals in der Erde steckt, liegt Evelyn M. Faber in einem Krankenhausbett, im Laken festgezurrt wie in einer Zwangsjacke. Ihr prächtiger Reifrock steht auf der Vorbühne wie ein aufgeplatzter Kokon. Ihre Stimme kommt jetzt aus dem Off und auch ihr Ehemann tanzt wie eine ferne Erinnerung hinein. Dazu plärrt "New York, New York" aus den Lautsprechern. Und während man noch denkt, was für ein Kitsch, zerreißt einem dieses alt gewordene Paar und sein Glauben an den geglückten Tag das Herz. Ob das Krankenbett in einer Psychiatrie steht oder ob es sich um das letzte Zimmer handelt, wo Winnies noch einmal lebenslustig tanzender Ehemann zu Boden sinkt, bleibt himmlisch offen.

Kurz: Ein Auftakt, der aufhorchen ließ.

"Enspiel" wie aus dem Archiv

Einen Tag später im "Endspiel" wähnte man sich dann in einem Livestream aus dem Archiv. Alles so wie immer, Überraschungen ausgeschlossen. Womöglich hat man das Stück auch einfach zu oft gesehen. Immerhin die bekannten Mülltonnen wurden auf den neuesten Stand gebracht, eine für den Restmüll, eine fürs Altpapier. Noch nie aber war die Grausamkeit der beiden in diesen Tonnen hausenden Eltern so brisant wie gerade jetzt, wo manch ein Vorschlag in der Corona-Krise ähnlich grausam tönt. Die Wirklichkeit spitzt die alten Sätze regelrecht zu. Eine Umarmung heute ist eben keine Umarmung von gestern.

Endespiel4 560 Karl und Monika Forster uNach neusten Abfallstandards: Evelyn M. Faber und Bernd Ripken geben in Beckett-Tonnen das "Endspiel" © Karl und Monika Forster

Trotzdem hätte die Inszenierung mehr Esprit und Gestaltungswillen, zumindest eine stärkere visuelle Idee gebraucht. So aber spult sich das Ganze zu erwartungsgemäß ab, obwohl Christian Klischat als unbeherrschter Hamm sich nach Art eines cholerischen Gangsterbosses aufspielt und Evelyn M. Faber und Bernd Ripken als greises Ehepaar zartbittere Momente zelebrieren.

Ein Hauch von Anarchie in "Warten auf Godot"

Ähnlich erwartbar dann auch die Szenerie von "Warten auf Godot", schräge Bühne, ein Baum, zwei komische Gestalten. Sybille Weiser spielt Estragon und Uwe Eric Laufenberg, der auch Schauspieler ist, sprang kurzfristig für den erkrankten Michael Birnbaum als Wladimir ein. Während Weiser das Spiel sehr eigen fiebrig auflädt, verleiht ihm Laufenberg mitunter eine schnodderige Beiläufigkeit. Heraus kommen keine Beckett-Landstreicher, sondern merkwürdige Hipster-Loser.

Laufenbergs Kampf mit dem Textbuch und dem Souffleur weht zudem eine wohltuende Portion Anarchie in den herkömmlich inszenierten Abend. Das Entgrenzte, das dieser Beckett-Trilogie sonst abgeht, hier geht es unverhofft herrlich auf. Estragon kichert, Wladimir schwadroniert und momentelang weiß niemand, ob das jetzt Beckett oder spielerischer Übermut ist. Die unvermeidlichen Scherze auf Kosten der Corona-Krise verschmerzen sich so. Für den Seitenhieb auf den Sicherheitsabstand müsste aber bitte trotzdem rasch ein Bühnenverbot her.

Godot2 560 Karl und Monika Forster uAm Beckett-Baum: Michael Birnbaum (in der Premiere krankheitsbedingt durch Uwe Eric Laufenberg ersetzt) und Sybille Weiser spielen "Warten auf Godot" © Karl und Monika Forster

Von einer Neudeutung zu sprechen, wäre zu viel gesagt, doch Becketts existenziellen Sätze tönen heute natürlich anders, schärfer, jetzt, da im so genannten richtigen Leben allenthalben vom Tod die Rede ist. Obendrein erweist es sich als Gewinn, die drei Stücke hintereinander zu sehen und damit auch ihre Parallelen. Etwa das Motiv des Selbstmords, das in allen drei Stücken als möglicher Ausweg aufscheint. Oder das Vorangehen, das bei Beckett immer auch ein zu Ende gehen meint, überhaupt sein fortschreitender Stillstand. Allen voraus auch seine traurig tollen Paare, denen ihre Langzeitbeziehung absurd wahre Dialoge diktiert. Das alles lässt sich in Wiesbaden bequem wiederentdecken.

Wer aber meint, Becketts Stücke spiegelten den Ausnahmezustand, versteht sie miss. In Wirklichkeit spiegeln sie das ganz normale Leben, Krisenmodus hin oder her.

 

Beckett-Trilogie
Deutsch von Erika und Elmar Tophoven
Regie: Uwe Eric Laufenberg, Bühne: Rolf Glittenberg, Kostüme: Marianne Glittenberg, Licht: Andreas Frank, Dramaturgie: Anika Bados ("Glückliche Tage"), Daniel C. Schindler ("Endspiel"), Wolfgang Behrens ("Warten auf Godot").

Glückliche Tage
Mit: Evelyn M. Faber und Gottfried Herbe.
Premiere am 4. Juni 2020
Dauer: 1 Stunde 35 Minuten, eine Pause

Endspiel
Mit: Bernd Ripken, Evelyn M. Faber, Christian Klischat und Philipp Appel.
Premiere am 5. Juni 2020
Dauer: 1 Stunde und 40 Minuten, keine Pause

Warten auf Godot
Mit: Sybille Weiser, Michael Birnbaum (in der Premiere: Uwe Eric Laufenberg), Atef Vogel und Christian Klischat.
Premiere am 6. Juni 2020
Dauer: 2 Stunden und 20 Minuten

www.staatstheater-wiesbaden.de

 

Kritikenrundschau

"Becketts berühmte Dystopien verlorener und letzter Menschen in einer zerstörten Welt wirken in Laufenbergs aufgetauten Versionen tatsächlich sehr schlecht konserviert", geißelt Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (8.6.2020) die Inszenierungen. "Als hätten Becketts traurige Komiker des Immergleichen die ganze lange Spanne interessanter Theaterentwicklungen seit der Nachkriegszeit verpasst, agieren sie ohne Bezug zur aktuellen Lage, die uns gerade mit der Realität der Weltzerstörung bekannt macht." Laufenbergs Beckett sei "als Therapie gegen Schlafvirus keinesfalls zu empfehlen", so das Urteil.

Das Projekt verfehle seine Wirkung nicht, so Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (8.6.2020). "Gegenwärtig vor allem als Spiegel einer bedrängenden und zugleich vereinzelnden Lage, eines familiären Aufeinanderhockens, eines Nicht-Wegkommens, einer ausgedehnten Warterei." Die Salon-Umgebung von "Glückliche Tage" weiche in "Endspiel" einer kargen Fläche, auf dem Boden Plastikmüll. Für "Godot" habe Rolf Glittenberg auf schwarzer Bretterinsel ein bandagiertes, aber aus einem Ast kräftig sprießendes Baumobjekt platziert. "All dies verlässliche Wiedererkennungseffekte für zu Klassikern gewordene Theaterprovokationen. Dass man sich in Becketts Welt einmal heimisch fühlen, hier quasi wieder Boden unter die Füße bekommen würde, war nicht abzusehen." Die "Solo-Diskurse" zur Corona-Situation verleihe dem Stück allerdings eine Neigung ins Selbstgefällige, das mit Beckett nichts zu tun habe.

Laufenbergs Beckett-Trilogie biete mehr als nur ein trotziges Aufbegehren gegen die Bühnensperre, schreibt Matthias Bischoff in der FAZ Rhein-Main-Zeitung (8.6.2020) über "Glückliche Tage". "Eine bessere Gelegenheit, sich einmal unter sehr besonderen Bedingungen drei Theaterhöhepunkten des zwanzigsten Jahrhunderts zu nähern, sie auf überdimensionierter Bühne, nahezu ohne alle Geräusche des Publikums hochkonzentriert und in bequemer Sitzhaltung zu sehen und zu hören, wird sich so bald nicht mehr bieten." Mancher werde aber auch sagen: Hoffentlich. Evelyn M. Faber spielt die von diesem höchst kommoden Erdhügel verschluckte Winnie anfangs mit ein wenig forciert burschikosem Ton, "trifft aber bis zur kurzen Pause immer genauer die Balance zwischen existentieller Lebenskrise und dem autosuggestiven Darüberhinweglächeln". 

"Für das Staatstheater ein Kraftakt, diese drei Premieren des eigenen kleinen Corona-Spielplans direkt hintereinander abzuliefern. Für das Publikum lohnt er sich", so Birgitta Lamparth im Darmstädter Echo (8.6.2020). "Diese Beckett-Trilogie bietet einen klugen Überblick über sein Schaffen, das sich plötzlich als sehr aktuell empfiehlt. Das erschreckende Stehenbleiben der Zeit, das wir alle in den vergangenen Wochen erlebt haben, findet hier auf der Bühne seinen Widerhall." Becketts Konstrukte von Chaos und Kontrolle, enttäuschten Erwartungen und Erinnerungslücken und seine versehrten Figurenpaare, die nicht mit und nicht ohne einander können – all das führen die drei Stücke stimmig zusammen.

 

 

 
Kommentar schreiben