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Bühne wechsel dich

Frankfurt am Main, 10. Juni 2020. In der heutigen Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung fasst Matthias Alexander unter dem Titel "Neue Nachbarn im Bankenviertel" mögliche Szenarien zur Zukunft der Städtischen Bühnen in Frankfurt zusammen (FAZ+). Der avisierte Neubau der Doppelanlage von Oper und Schauspielhaus sei ein Projekt, dessen Kosten sich unter Berücksichtigung von "Baukostensteigerungen, Aufwendungen für Interimsbühnen und Risikopuffer" auf "800 bis 900 Millionen Euro" beliefen. Entsprechend seien "schon bei Bekanntgabe der weithin als schockierend empfundenen Zahlen im Juni 2017" unter "Zynikern" Wetten darüber abgeschlossen worden, "dass die Städtischen Bühnen noch in fünfzehn Jahren genauso dastehen und genutzt werden wie in den vorangegangenen Jahrzehnten auch." Die Corona-Krise habe diese Position nicht geschwächt.

Symbolischer und emotionaler Wert

Alexander legt nahe, dass sich inzwischen jedoch Meinungslager gebildet hätten, deren Trennlinien nicht allein entlang der Frage nach Neubau oder Sanierung verliefen. Auf Seiten der strikten Bewahrer stehe demnach "eine Gruppe von Aktivisten um den Kasseler Architekturtheoretiker Philipp Oswalt", die sich für den Erhalt der Doppelanlage einsetze: "Die Initiatoren betonen ihren symbolischen, emotionalen und theaterhistorischen Wert. Vor allem ist es ihnen um das riesige Foyer mit seiner Glasfassade und der Wolkenskulptur von Zoltán Kemény zu tun."

Anfangs sei auch Frankfurts Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) dieser Position zugeneigt gewesen. Inzwischen sei sie jedoch "nach langer Abwägung zum Schluss gekommen, dass Oper und Schauspiel neu zu bauen seien". Hierin bestehe auch Verständigung mit den "Intendanten von Oper und Schauspiel und den meisten Mitarbeitern der Städtischen Bühnen". Diese lehnten die auf mindestens zehn Jahre angelegte Sanierungsvariante "schon aus praktischen Gründen ab". 

"Spiegellösung" vs. Tauschgeschäft

Hartwig selbst treibe – anders als die Frankfurter CDU, die einen großen Neubau im Gewerbegebiet am Frankfurter Osthafen bevorzugen würde – zwei innerstädtische Varianten voran: "Nummer eins sieht den Verbleib beider Bühnen am Willy-Brandt-Platz vor, allerdings wechseln sie in einer Art Rochade ihren Standort, um anschließend einander gegenüberzustehen. Dieses Modell wird in Frankfurt inzwischen als 'Spiegellösung' bezeichnet." Die zweite Variante, laut FAZ Hartwigs Favorit, würde demgegenüber so aussehen: "Das Schauspiel erhält demnach einen Neubau an seinem heutigen Standort, und die Oper zieht an die obere Neue Mainzer Straße um, und zwar auf das Areal, auf dem sich derzeit noch der Hauptsitz der Frankfurter Sparkasse befindet. Der Standort wäre für die Stadt sehr günstig oder sogar unentgeltlich zu bekommen. Es käme zu einer Art Tauschgeschäft von Baurecht gegen Fläche."

Sämtliche Planungen, schließt der Autor angesichts der aktuellen Pandemie-Lage, setzten ihre Hoffnung allerdings darauf, "dass sich ein Muster wiederholt: Auf den steilen Absturz der Konjunktur sollte eine profunde Erholung folgen."

(FAZ / jeb)

 

 Heute um 19 Uhr überträgt nachtkritik.de eine Podiumsdiskussion zum Thema aus dem Deutschen Architekturmuseum. Ein paralleler Live-Chat wird ab 18:45 Uhr verfügbar sein.