Ich sehe dich, was du nicht siehst

von Esther Slevogt

Augsburg / VR, 10. Juni 2020. In meinem Homeoffice, wo ich ganz alleine an meinem Schreibtisch sitze, ist plötzlich noch ein anderer. Ein anderer Schreibtisch und ein anderer Mensch. Dieser Mensch, weiß und männlich, trägt zunächst noch schlampige Unterwäsche und verrichtet Unübersichtliches, das in der Summe bald recht zwanghaft wirkt. So platziert er dauernd Gegenstände in auf dem Boden markierte Kästchen: Zeitungen, eine Schreibmaschine oder seine Aktentasche etwa. Aber auch Kleidung, die er immer wieder an- und auszieht: die Unterwäsche, wenn er sich für den Gang ins Büro fertig macht;  Anzug, Hemd und Schuhe, wenn er wieder zurückkehrt.

Die neue Kaste der Angestellten

Bald beginnt er, wirr zu reden. Von der Tochter seines Vorgesetzen, die er begehrt zum Beispiel. Und von diversen Tieren, deren Stimmen er Informationen über die Vorlieben dieser jungen Frau abzulauschen versteht. An einem Punkt seiner immer verzweifelteren Sehnsucht nach dieser unerreichbaren Frau masturbiert der Mann, verschämt zur Wand gedreht. 

tagebuch eines wahnsinnigen1 560 jan pieter fuhr uNicht der König von Spanien: Thomas Prazak als Aksenti Iwanow Propritschin © Jan-Pieter Fuhr

Dieser Mann, Aksenti Iwanow Propritschin ist sein Name, ist durch ein Angebot des Staatstheaters Augsburg in mein Arbeitszimmer gelangt. In Augsburg wird seit kurzem ein Lieferservice angeboten – für Theaterproduktionen als Virtual-Reality-Erlebnis. Propritschin ist der Protagonist einer Erzählung aus dem Jahr 1835 von Nikolai Gogol, der damit einen Urtyp der neuen Kaste der Angestellten zum Gegenstand von Literatur gemacht hat. Die damals gerade im Entstehen begriffene verwaltete Welt brachte diese Spezies hervor. Im vorliegenden Fall nun repräsentiert durch einen Mann, der sich selbst verloren geht, weil er als entfremdete Existenz nur noch anonymes Rad in einem nicht mehr durchschaubaren Apparat ist, einem Zweck, der sich verselbstständigt hat. In dieser Isolation beginnt die Wahrnehmung Propritschins sich von den Tatsachen abzulösen und in Wahnvorstellungen abzudriften. Schließlich hält er sich für den König von Spanien. Eine solche Existenz also hat André Bücker mit seiner Inszenierung "Der Mitarbeiter – Tagebuch eines Wahnsinnigen" nun via VR-Brille in mein Arbeitszimmer geschleust.

VR ist Ausblendung des eigenen Körpers

Doch dort ist dieser Propritschin physisch tatsächlich natürlich ebenso wenig anwesend, wie der von Thomas Prazak dargestellte Mann den Raum, in dem er agiert, mit mir, der Zuschauerin teilt: eine Probebühne des Staatstheaters Augsburg, in der die Inszenierung eingerichtet ist. Denn in der 360°-Perspektive dieses Raumes, der mir via VR-Brille nun so hautnahm vermittelt wird, ist mein eigener Körper ausgeblendet. Zwar sehe ich von Geisterhand an den Wänden Zeichen und Schriften entstehen und wieder verschwinden, und den armem Propritschin immer irrer werden, während in seinem Bericht die qualvoll entfremdeten Umstände seiner beruflichen Existenz immer abstrusere Verschwörungstheorien hervorbringen. Nur mich selbst sehe ich dabei nicht. Wo ich sonst als Zuschauerin eines Theaterstücks mich stets selbst physisch als Teil des Ereignisses wahrnehmen kann (und als Teil eines Publikums), ist die eigene Präsenz nun weggewischt. 

tagebuch eines wahnsinnigen3 560 jan pieter fuhr uThomas Prazak auf der von Regisseur André Bücker eingerichteten Probebühne © Jan-Pieter Fuhr

André Bücker liest den Text stark auf die gegenwärtige Situation bezogen: der einzelne Mensch, der die Welt in seiner von den Umständen diktierten Isolation zunehmend als Verschwörung  gegen sich selbst wahrnimmt. "Sie sind nur Volk! Kennen die Staatsgeschäfte nur aus Zeitungen!", sagt also Propritschin als er schon wähnt, der König von Spanien zu sein. Thomas Prazak tigert manisch monologisierend durch den Raum, immer um die Mittelachse herum, wo die Kamera steht. Sphärische Klänge (Stefan Leibold) dräuen. Immer weiter schreitet der Verlust der Persönlichkeit dieses traurigen Angestellten voran. Immer tiefer schraubt er sich dabei in sein Wahnsystem herein. Assoziationen, die sich beim Zuschauen zu aktuellen Verschwörungstheoretikern wie Attila Hildmann oder Ken Jebsen einstellen, sind  wahrscheinlich unbedingt beabsichtigt. Wie der Besen von Goethes Zauberlehrling multipliziert sich Propritschin schließlich in lauter Schattenwesen, die den Raum bevölkern.

Kein Publikum, nur ich

Das sind schöne Effekte. Trotzdem werden die Möglichkeiten des Mediums nicht ausgenutzt. Denn Prazak agiert immer noch, als befände er sich auf einer Bühne, hält Abstand und spielt, als vermute er hinter der Kamera, die er anspielt, anspricht, ein Publikum und nicht die einzelne Person, die ich mit meiner VR-Brille nur bin. Und auf die die Perspektive dieser Inszenierung durch die Wahl dieses Mediums zu Hundertprozent zugeschnitten ist. Nie nähert er sich wirklich, gestaltet das theatralische Paradox, dass Schauspielende und Zuschauende sich einerseits ungeheuer nahe sind und füreinander trotzdem unerreichbarer bleiben, als in jeder analogen Theatersituation. Immer warte ich auf den Moment, dass mir nichts mehr vorgespielt wird; sondern dass ich, die ich in diesem Moment als einzige hier sitze, ebenso aussichtslos in der Situation (und der VR-Brille) gefangen bin, wie dieser arme Propritschin in seinem isolierten Leben, als Teil des Dramas wahrgenommen werde. Aber mehr als der Satz "Ich brauche Menschen! Ich habe kulturelle Bedürfnisse!" kommt dann nicht.

Und plötzlich dreht sich Propritschin einfach weg. Das Bild wird schwarz. Ende. 

Der Mitarbeiter – Tagebuch eines Wahnsinnigen
Monolog nach der Erzählung von Nikolai Gogol
Aus dem Russischen von Werner Buhss
Inszenierung und Ausstattung: André Bücker, Musik: Stefan Leibold, Animationen: Christian Schlaeffer, Ausstattungsassistenz: Celia Hoffmann, Technische Realisation VR: Heimspiel GmbH.
Mit: Thomas Prazak.
Dauer: ca. 60 Minuten 

www.staatstheater-augsburg.de

 
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