Im Uhrwerk

von Sascha Westphal

Bochum, 10. Juni 2020. Endlich wieder Theater! Endlich wieder lebendige Schauspieler*innen, mit denen das Publikum in einem Raum zusammenkommt! Endlich steht das Reale wieder gleichberechtigt neben dem Virtuellen! All diese Gedanken und Gefühle werden einen sicher noch eine Zeit lang begleiten. Das kollektive Erlebnis des Theaters hat im Moment etwas Befreiendes. Das gilt sogar noch, wenn man wie im Bochumer Schauspielhaus während der gesamten Vorstellung den Mund-Nase-Schutz tragen muss und die zwangsweise leeren, von den Sitzflächen befreiten Theatersessel um einen herum eine beinahe gespenstische Atmosphäre verbreiten.

Das Vorspiel der Technik

Endlich wieder Theater! Diese triumphale Haltung durchtränkt jeden einzelnen Moment von Johan Simons' Inszenierung von Elias Canettis "Die Befristeten". Noch bevor sein Ensemble den Saal durch die Seitentüren betritt und das eigentliche Spiel beginnt, erinnert er das Publikum an die Magie und Kraft, die von dem Raum des Theaters ausgeht. In dem Augenblick, in dem sich die Türen für die gut 50 Zuschauer*innen öffnen, beginnt eine Inszenierung vor der Inszenierung. Zahlen – 50, 88, 73, 26 und so weiter – werden scheinbar wahllos auf die Rückwand der Bühne projiziert, während einzelne Bühnenzüge runter- und wieder hochfahren. Lichtkegel, die an Suchscheinwerfer erinnern, gleiten über die Bühne, die sich schließlich selbst in Bewegung setzt. Podeste fahren in Wellenbewegung rauf und runter.

Die Befristeten 2 560 c Birgit Hupfeld uGina Haller © Birgit Hupfeld

Die Maschinerie des Theaters zeigt, was sie alles vermag. Es ist eine faszinierende Choreographie, die ganz ohne Spieler*innen auskommt. Dieser Tanz der Technik, eine Frühlingsweihe der Bühne, hat etwas Überwältigendes und zugleich auch etwas Verstörendes. Je länger man ihr zusieht, desto greifbarer wird eine Vision einer Welt ohne Menschen. Wir sind eben keineswegs das Zentrum des Universums. Wir sind offensichtlich nicht einmal das Zentrum der Bühnenmaschinerie, die über eine eigene erhabene Schönheit verfügt.

Zugleich steckt in diesem Spiel der Scheinwerfer und Podeste, der Züge und einer riesigen Windmaschine, schon eine erste, wenn auch kaum in Worte zu fassende Interpretation von Canettis philosophischem Gedankenspiel über eine Gesellschaft, in der jeder Mensch vom Augenblick seiner Geburt an weiß, wann er sterben wird. Nicht nur die Bühne ist eine Maschinerie. Die dystopische Welt Canettis hat etwas von einem Uhrwerk.

Wir Lügner haben keine Angst

Angela Obst hat für Simons' Inszenierung Canettis Stück nicht nur geschickt gekürzt und so seinen philosophischen wie spirituellen Kern noch klarer freigelegt. Sie hat auch einige Szenen umgestellt und dabei auf dezente Weise das Schauspiel in einen höchstaktuellen Kommentar auf unsere Corona-Wirklichkeit verwandelt.

So beginnt das Spiel nach der Choreographie der Bühnentechnik mit der letzten Szene des ersten Teils. Der von Jing Xiang gespielte Kapselan, der die Toten beschaut und den Lebenden versichert, dass sie im richtigen Augenblick gestorben sind, hat die Welt noch fest in seinem Griff. Stefan Hunstein, Elsie de Brauw, Dominik Dos-Reis, Gina Haller, Marius Huth, Risto Kübar und Anne Rietmeijer stehen, alle ganz in Rot gewandet, an den Seiten des Zuschauerraums und verkünden im Chor Sentenzen wie "Wir sind dankbar. Denn wir haben keine Angst."

Genau das will der Kapselan hören, der bei Jing Xiang Motor und Rädchen der Gesellschaftsmaschinerie zugleich ist. Aber natürlich sind das alles nur Lügen.

Die Befristeten 1 560 c Birgit Hupfeld uJing Xiang und Marius Huth © Birgit Hupfeld

In Johan Simons' Inszenierung befreit das exakte Wissen um den Zeitpunkt des Todes sie keineswegs von ihrer Angst. Eher scheint das Gegenteil der Fall zu sein. Ihr ganzes Leben besteht nur noch aus verleugneter Furcht. Alle spielen sich und den anderen die ganze Zeit etwas vor und achten dabei penibel darauf größtmöglichen Abstand zum Nächsten zu wahren. So ziehen sie sich, sobald jemand ihnen nahekommt, in die Nischen der Wände des Zuschauerraums zurück oder weichen auf andere Weise aus.

Diese Bewegungen voneinander weg sind natürlich den Abstandsregeln geschuldet, die wir in Zeiten der Pandemie beachten müssen. Aber Simons verwandelt eben diese Auflagen in ein künstlerisches Mittel. Jedes Mal, wenn wieder jemand aus seinem Ensemble die Nähe der anderen flüchtet, zeigt sich das wahre Gesicht der von Canetti beschriebenen Gesellschaft, in der Lebenszeit Reichtum ist. Die Dystopie des Stückes wird kenntlich als luzides Porträt zentraler Aspekte unserer neoliberalen Gegenwart, in der jeder sich optimieren soll. Nichts anderes verlangt das Regime des Kapselans von den Menschen, deren Namen dem Alter entsprechen, dass sie erreichen.

Aufstand des 50ers

Einer, der von Stefan Hunstein gespielte Fünfzig, begehrt gegen das System auf. Er hinterfragt die Wahrheiten seiner Gesellschaft und lehnt sich damit gegen den Tod auf. In den Gesprächen mit seinem Freund, den Elsie de Brauw mal zögernd, mal schwärmerisch, immer unentschlossen zwischen Furcht und Liebe schwankend porträtiert, löst er sich mehr und mehr von den Fesseln, die ihn und die anderen binden.

Trotzdem ist er eher ein Fragender und Zweifelnder als ein Revolutionär. Selbst in den Momenten, in denen Fünfzig selbstsicher und herrisch auftritt, um sein Ziel zu erreichen, umgibt Stefan Hunstein eine seltsame Melancholie. In seinem Spiel liegt das Wissen, dass auch der Aufstand, den Fünfzig provozieren wird, nichts verbessert. Die Freiheit, die er den Menschen schenkt, ist am Ende nur eine andere Form von Unfreiheit.

Die Befristeten 3 560 c Birgit Hupfeld uDominik Dos-Reis und Stefan Hunstein © Birgit Hupfeld

Frei ist in dieser Inszenierung nur Mercy Dorcas Otieno. Sie spielt die im Stück nur erwähnte vielleicht schon längst verstorbene Schwester des Freundes. Manchmal folgt sie wie ein Schatten Elsie de Brauw, mal geht sie ihrer eigenen Wege. Aber das kann sie nur, weil sie komplett außerhalb der Gesellschaft steht. Wer diesen Luxus nicht hat, wird immer wieder in mörderische Verhältnisse hineingezogen.

Ganz am Ende geschieht dann tatsächlich ein Mord. Risto Kübar tötet stellvertretend für die von Anne Rietmeijer gespielte Figur Gina Hallers Charakter. Es ist der einzige Moment in dieser Inszenierung, in dem sich zwei Menschen körperlich ganz nahe kommen. Möglich wird er, da Kübar und Haller jenseits des Theaters in einer Wohngemeinschaft leben. Bildlich zitiert dieser Mord den Mord von Derek Chauvin an George Floyd. Plötzlich öffnet sich diese von Corona erzählende Inszenierung noch einmal auf eine ganz andere Weise unserer Wirklichkeit, um von anderen Ängsten und Gefahren zu erzählen, die unser Zusammenleben prägen. Es ist ein erschreckender Augenblick, dessen ganze Dimension sich erst nach und nach eröffnet. Aber genau für diese Momente der Offenheit und der Verstörung, die Gedanken in Bewegung setzen, brauchen wir die Kunst und die Bühne. Endlich wieder Theater!

 

Die Befristeten
von Elias Canetti
Regie: Johan Simons; Textfassung: Angela Obst; Kostüme: Britta Brodda, Sofia Dorazio Brockhausen; Lichtdesign: Denny Klein; Bühnentechnikpräsentation: Andreas Bartsch, Jan Hördemann, Fabian Hoffmann, Christoph Waßenberg; Dramaturgie: Vasco Boenisch, Angela Obst.
Mit: Stefan Hunstein, Elsie de Brauw, Jing Xiang, Dominik Dos-Reis, Gina Haller, Marius Huth, Risto Kübar, Anne Rietmeijer, Mercy Dorcas Otieno.
Premiere am 10. Juni 2020
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

schauspielhausbochum.de

 

Kritikenrundschau

"Johan Simons ist ein kluger Kommentar zum seltsamen Zwischenfall gelungen, der die Welt seit drei Monaten ereilt", fasst Dorothea Marcus den Abend im Deutschlandfunk (11.6.2020) zusammen. Listig spiele Simons mit Corona-Bildern: Mal trage einer Maske, dann werde mit rot-weißen Abstandsstäben hantiert. "Aber immer wieder ist zu spüren, dass die Inszenierung in wenigen Wochen aus dem Boden gestampft wurde, beim Sprechen und Spielen entstehen einige Längen."

"Die Über­deut­lich­keit, die man wohl eher dem Liefe­ran­ten der Masken als ihren Trägern anzu­las­ten hat, verei­telt in Bochum einen packen­den Abend", findet Patrick Bahners in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (12.6.2020). "Der Vergleich mit Canet­tis Großin­qui­si­tor, dem ein wenig albern titu­lier­ten Kapse­lan, ist bester Abitur­auf­satz­stoff, hätte frei­lich auch ohne Anwer­fen der Thea­ter­ma­schi­ne­rie nahe­ge­legt werden können, durch eine Lesung im Radio."

Einen konzentrierten und kommunikativen Theaterabend hat Stefan Keim erlebt, wie er auf SWR2 (12.6.2020) zu Protokoll gibt. Durch das Stück entstehe Theater als Gemeinschaftserlebnis neu. Simons "fordert das Publikum zum eigenen Denken und Fühlen auf. Das ist manchmal anstrengend".

"Zu sehen, wie eine Kunstform, die sich eigentlich aller ästhetischen Vorschriften entledigt hatte, nun mit neuen, oktroyierten und gänzlich theaterfremden Vorschriften umgeht, ist höchst spannend, " schreibt Alexander Menden in der Süddeutschen Zeitung (13.6.2020). "Dabei erlebt man in Bochum weniger ein Arrangement mit missliebigen Notwendigkeiten, als deren versierte und elegante Integration in einen dichten und stimmigen Theaterabend. (...) Der Bühnenraum wird zu einer kinetischen Installation - technische Choreografie, Leistungsschau und hypnotischer Gestus der Selbstbehauptung des Theaters."

"Es herrscht im Ensemble die strenge Statik des Ensemblekabaretts zu Zeiten des Kalten Kriegs. Die Hygienestandards werden mit so feierlichem Ernst befolgt, dass man auf den Gedanken kommen könnte, dies geschehe zur Entlastung aller – auch jener, die gar nicht hier sind", schreibt Peter Kümmel in der Zeit (18.6.2020). "Das Theater, welches sich mit einigem Stolz als Ort des Regelbruchs und der Grenzüberschreitung versteht, ist bis auf Weiteres zum Raum der mustergültigen Regelbefolger geworden. Damit müssen alle Beteiligten nun erst mal fertigwerden."

 
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