Die Ratten erinnern sich

von Anna Landefeld

München, 15. Juni 2020. Würden die Zuschauer*innen keinen Mund- und Nasenschutz tragen, man könnte die Uraufführung von Enis Macis "Wunde R" mit (maximal zugelassenen) 17 Zuschauer*innen in der Kammer 3 für einen mäßig besuchten Theaterabend halten. Denn bei dieser ersten Aufführung nach dreimonatigem pandemischen Theaterschlaf erinnern keine abmontierten Sitze, keine abgedeckten Reihen an Hygienevorschriften. Stattdessen betritt man einen beinahe dunklen, beinahe leeren Raum, in dem man frei umherwandeln darf.

Nur ein weißer, sich ins Bühnenbild einblendender Kreis auf dem Boden mahnt, den nötigen Abstand zu wahren zu den vier Schauspieler*innen Zeynep Bozbay, Eva Löbau, Vincent Redetzki und Julia Windischbauer. Um einen runden, massiven Glastisch sind sie platziert, hocken regungsarm auf den Kanten ihrer Philippe-Starck-Ghost-Chairs, starren mal einander an, mal auf die metallic schimmernden Gallert-Kuchen vor ihnen; weißes Licht von oben vervollkommnet die corona-sterile Live-Installation, die Regisseur Felix Rothenhäusler und Bühnenbildnerin Katharina Pia Schütz geschaffen haben. Sprunghaft, launig hingegen dreht sich der Gedankenstrom der vielbepreisten 26-jährigen Autorin Enis Maci zwischen den Schauspieler*innen im Kreis, ringt um einen Anfangs-, um einen Endpunkt, um eine Klimax und um Antworten.

wunde r 1 560 PhilipFrowein uSind die Gene schuld? © Philip Frowein

In "Wunde R", als Auftragswerk für die Münchner Kammerspiele verfasst, sucht man nichts, lässt sich treiben. Assoziativ-gedankenzerfetzt geht es hier zu. Aus dem inhaltlichen Über-Fluss ließe sich vielleicht diese These destillieren: In die unfreie (westliche oder westlich geprägte) Frau* und ihren Körper haben sich über Jahrhunderte Traumata eingefressen, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden.

Gefangen in den Zellen der Vorfahren

Enis Macis Gedanken dazu mäandern – der neue Gott heißt jetzt "Lifestyle-Blogger*in", das Gebet "Skin-Care-Routine" und das Kopftuch "H&M-Jeans", aber auf keinen Fall die in Größe 40. Alles eine autoritäre Chose, die nur ihre Gestalt gewandelt hat, aber eigentlich immer noch dieselbe ist, die einen knechtet, aber Sicherheit gibt – kultursoziologisches Stockholm-Syndrom. Die Frau* ist frei geboren, liegt freiwillig in Ketten, aber hat das Codewort vergessen. Sie kann und will sich auch nicht daran erinnern, die Angst vor Strafe lähmt sie. Als Erklärung dazu zieht Maci die Epigenetik bei Ratten heran. Sie werden in den Laboren immer wieder mit Stromschlägen malträtiert, wenn sie im Käfig an einer bestimmten Stelle vorbeilaufen. Bei den Rattenjungen braucht man diese Folter nicht mehr. Sie meiden die Stelle von ganz allein. Ratten und genauso Menschen vererben mehr als nur ihre Gene. Lebensstil, Umwelteinflüsse oder menschliche Beziehungen können diese Gene verändern, die dann wiederum mit diesen so an die nachfolgenden Generationen weitergegeben werden – auch in Form von psychischen Traumata.

Die vier namenlosen Protagonist*innen haben sich im Stuhlkreis um den Glastisch zusammengesetzt, um den Zustand der weiblichen Gegenwart zu beklagen. Ein bisschen hat das was von einer Therapiegruppe anonymer, hipper Westler*innen. Da ist Zeynep Bozbay im schwarzen Hot-Pants-Onsie mit Plateauboots, kopfgroßen Silbercreolen, Cap und Nude-Lippe, Eva Löbau als burschikose Jeansträgerin mit freiem Oberkörper, Vincent Redetzki mit Barbie-Haar, Calvin-Klein-Buxe und einem Mund, der so fies unnatürlich aussieht mit diesem Lipliner, der dunkler ist als der Lippenstift und Julia Windischbauer im Kunstturnerinnen-Look.

Yoga bringt es nicht

So unterschiedlich die Frauen* auch scheinen, gemein sind ihnen die hohen Hacken (Wann endlich befreit man Schauspieler*innen davon?) und ihr neurotisches, zielloses Geplänkel-Ping-Pong. Darüber, dass zu viel Foundation Mist sei, dagegen zu viel Highlighter immer gut, dass Yoga es echt nicht bringe beim Kaloriendefizit, Cardio the real thing sei genauso wie grünes Gemüse und Hühnchen und dass Duftkerzen und das Start-Up einen nicht retten werden. Zwischendrin eine hübsche Metapher über das Arm-Training bei McFit – rauf und runter gehen da die Arme an den Geräten, so wie Aktienkurse.

wunde r 2 560 PhilipFrowein uAm Katzentisch der Kulturgeschichte © Philip Frowein

Das alles wird vorgetragen mit elektronisch verzerrten Stimmen. So sitzen sie gespenstisch erstarrt da, die völlig entfremdeten, versklavten Karikaturen neoliberal-orthorektischer Selbstoptimierung. Ab und zu hebt sich beim Sprechen dann doch mal eine Hand, öffnet sich ein Mund, verweilt im Staunen oder formt sich ein Auge rehig-groß gefüllt mit Mitgefühl darüber, dass es den anderen ja genauso scheiße geht mit dem Diäten. Nein, ihr werdet euch davon niemals befreien können, das haben schon ganz andere vor euch versucht. Maci legt den vieren Biografien von Frauen* in den Mund, die es zumindest fast geschafft haben – Elisabeth von Thüringen zum Beispiel, Pornodarstellerin Sexy Cora oder die Barockmalerin Artemisia Gentileschi. Aber: Die sich für die Kranken und Armen aufopfernde Elisabeth hatte in einem Gelübde einem Priester ihre kompletten Persönlichkeitsrechte abgetreten, Cora starb bei ihrer fünften Brust-OP und Artemisia legte man Daumenschrauben an, nachdem sie vor Gericht ausgesagt hatte, dass ein Malerkollege ihres Vaters sie vergewaltigt hatte.

Mut ist gefragt

Doch reicht die Epigenetik als (durchaus interessante) Erklärung dafür aus, um in jahrhundertelanger Erstarrung auf der Plexiglas-Stuhlkante zu verharren? Man wartet sehnsüchtig auf einen Appell: Unfollowed diesen selbsternannten Lifestyle-Gurus und Juice-Cleansos und habt den Mut euch eures Verstandes zu bedienen, Frauen*! Maci-Rothenhäusler reichen sich textlich-inszenatorisch die Hände. Sie kommen beide über den Moment der Zustandsbeschreibung und der immer wieder kreiselnden Wehfrage "Bist du auf meiner Seite?" nicht hinaus. Hier leckt man die Wunde, aber wartet auf das Wunder.

 

Wunde R
von Enis Maci
Inszenierung: Felix Rothenhäusler, Bühne: Katharina Pia Schütz, Kostüme: Elke von Sivers, Musik: Ville Haimala, Licht: Stephan Mariani, Dramaturgie: Valerie Göhring.
Mit: Zeynep Bozbay, Eva Löbau, Vincent Redetzki und Julia Windischbauer.
Uraufführung am 15. Juni 2020
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

www.muenchner-kammerspiele.de/

 

Kritikenrunschau

"Enis Macis 'Wunde R' ist – wie so oft bei dieser ebenso jungen wie bereits renommierten Autorin - ein Sprachgetüm, das weitab von einer nacherzählbaren Handlung oder psychologisch konstruierten Figuren, einen assoziativen Gedankenstrom bei seinen Bewegungen durch ineinander geschachtelte Assoziationsräume nachzeichnet", meint Sven Ricklefs im Bayerischen Rundfunk (16.6.2020). Regisseur Felix Rothenhäusler habe den Text "als das gelesen, was er ist, als Sprachpartitur, die eine ganze Welt einfängt und nun unter pandemischen Auflagen als eine ebenso dezente wie durchaus faszinierende Tafelrunde mit akustisch verfremdetem Sound in Szene gesetzt wurde."

"Felix Rothenhäusler erzählt von der Entfremdung der Menschen, indem er ihre Stimmen elektronisch verfremden, verzerren lässt, und von ihrer Hinfälligkeit", sagt Christoph Leibold im Deutschlandfunk Kultur (15.6.2020): "Auch hier sind weite Teile der Aufführung mit einem mahlenden Sound unterlegt, der das Geschehen etwas zu bedeutungsschwer auflädt. Die gallige Komik von Enis Macis Text geht dabei weitegehend unter. Dennoch: Der Abend überzeugt."

Das Raumkonzept gehe auf, so Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (17.6.2020), "wenn auch ein bisschen zu Lasten des Textes, der sehr viel mehr Schmiss und sarkastische Komik hat, als es die starre Tischverhandlung zulässt". Die Schauspieler sprächen mit verzerrten Roboterstimmen, wirkten wie Avatare ihrer selbst. "Schade, dass sie nicht in Aktion kommen dürfen."

„Wunde R“ sei eine Collage, in der Maci "Versatzstücke aus Leben und Internet zu einem dichten Teppich verwebt", schreibt Lili Hering in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (17.6.2020). Es gehe um Jungfräulichkeit und Vergewaltigung, Lipgloss und Youtube, Eisbergsalat und Haferflocken. "Auf dem Tisch schmilzt, was Nahrung sein mochte, unter dem Scheinwerferlicht dahin. Wenn Körper nicht passen, müssen sie angepasst werden, soll das heißen."

 
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