logo_nachtkritik_klein.png
Drucken

Ein Mutiger vor allen Thronen

Berlin, 21. Juni 2020. Der Schauspieler Jürgen Holtz ist heute gestorben. Das teilt die Galerie Bernet Bertram mit, die Holtz bildnerisches Werk vertritt.

Jürgen Holtz, geboren am 10. August 1932 in Berlin, ging als 16Jähriger in die damalige Ostzone Deutschlands und studierte von 1952 bis 1955 am Deutschen Theaterinstitiut Weimar und der Theaterhochschule Leipzig Schauspiel.

Juergen Holtz 280Jürgen Holtz als Hamlet, 1964
© privat

Jürgen Holtz spielte an zahlreichen deutschen Theatern, im Fernsehen, im Kino. Er war unter anderem in Erfurt engagiert, in Brandenburg an der Havel, in Greifswald, in Berlin an der Volksbühne, am Deutschen Theater, am Berliner Ensemble, in Frankfurt am Main und am Residenztheater in München. Holtz wirkte bei zahllreichen theatergeschichtlich bedeutsamen Inszenierungen mit und hatte keine Scheu, sich immer wieder mit den Kulturpolitikern in Ost- und Westdeutschland anzulegen.

Hamlet, Tassow und Motzki

1966 spielte Holtz den "Moritz Tassow" von Peter Hacks unter der Regie von Benno Besson bei der Uraufführung im Deutschen Theater. Eine enge künstlerische Beziehung verband ihn mit dem Regisseur Adolf Dresen. Bei ihm spielte er 1964 den "Hamlet" in Greifswald, in "Maß für Maß, 1966 im Deutschen Theater und am selben Ort im "Faust" 1968, der wie zuvor der Hamlet" und der "Tassow" Aufsehen erregte und Ärger verursachte mit der örtlichen SED-Parteiführung. 1974 spielte Jürgen Holtz in der legendären Aufführung von Strindbergs "Fräulein Julie" an der Seite von Jutta Hoffmann unter der Regie von B.K. Tragelehn und Einar Schleef, die Aufführung blieb nicht lange auf dem Spielplan des Berliner Ensemble. Nach Gastspielen im Westen verließ Holtz 1983 die DDR.

juergen holtz 280 theresa becherer u© Theresa Becherer 1993 wurde er für sein Solo "Katarakt" von Rainald Goetz am Schauspiel Frankfurt am Main von den Kritiker*innen in Theater Heute zum Schauspieler des Jahres gewählt und von der Akademie der Darstellenden Künste in Frankfurt mit dem Getrud-Eysoldt-Ring ausgezeichnet. Im selben Jahr machte er sich auch dem Fernseh-Publikum bekannt, als er in der Rolle des Motzki als ehemaliger Fahrlehrer (West) auf die Ostdeutschen schimpfte.

Spieler, Redner, Maler

Die letzten großen Rollen von Jürgen Holtz waren der Buttler in Peter Steins Wallenstein-Aufführung 2007 in Berlin, der Peachum in der Dreigroschenoper von Robert Wilson am Berliner Ensemble und der Galileo Galilei in der Frank Castorf-Inszenierung am Berliner Ensemble 2019, den Holtz teilweise nackt spielte.

Jürgen Holtz erhielt den Konrad-Wolf-Preis der Berliner Akademie der Künste, den Hessischen Kulturpreis, den Theaterpreis Belrin und den Adolf-Grimme-Preis. Er war ein gesuchter Sprecher in Hörspielen, 2012 der Erzähler im "Ulysses" nach James Joyce, einer 22stündigen Version des Südwestrundfunks. Holtz malte sein Leben lang, gerade erst wurde seine letzte Ausstellung "Kaspar, Puppe, Krokodil" eröffnet, an deren Zusammenstellung er noch selbst mitgewirkt hatte. Und Jürgen Holtz war ein gefürchteter Brausekopf, der scharfe Interventionen in die Kulturpolitik wie in seiner Dankes-Rede zum Theaterpreis Berlin 2013 niemals scheute. Der Verlust, den das deutsche Theater erleidet, ist immens.

(wikipedia / Galerie Bernet Bertram / Berliner Zeitung / jnm)

 

Presseschau

"Jürgen Holtz war ein intellektueller Schauspielkünstler. Er selber behauptete zwar, dass sich das in den meisten Fällen ausschlösse, dass der Widerspruch zwischen Reflexion und Präsenz nicht zu überbrücken sei, aber eben um dieser Unmöglichkeit willen war er ja ein Künstler. Und eigentlich ist die Einheit von Reflexion und Präsenz, von Rolle und Mensch der Kern des Theaterspiels. Selten genug, dass man denken könnte, Gehirn und Talent stünden einander im Wege, ist die Schauspielkunst allerdings. Diese Seltenheit machte ihn zum Einzelgänger“, schreibt Ulrich Seidler in einem ausführlichen Nachruf in der Berliner Zeitung (22.6.2020).