Reservat der Freiheit

von Shirin Sojitrawalla

Basel | Online, 22. Juni 2020. Was für ein Ensemble, da bekommt man ja Schnappatmung. Ladies First: Aenne Schwarz, Annika Meier, Gala Othero Winter, Paula Beer. Dazu: Jonas Dassler, Ueli Jaeggi, Bruno Cathomas, Sebastian Zimmler. To name but a few.

Insgesamt sind es 38, mehr Frauen als Männer. Mag man in Basel gestern noch traurig gewesen sein über den Weggang grandioser Schauspieler, die mit Andreas Beck ans Residenztheater München wechselten, sollte man heute über dieses 1A-Ensemble jubeln. Es sei auch die "Verheißung eines anderen Arbeitens" gewesen, die solch ein Ensemble möglich gemacht habe, sagt die geschäftsführende Dramaturgin Anja Dirks bei der Vorstellung des Spielplans. Das Ensemble firmiert künftig als Basler Compagnie. Basler Compagnie statt Basler Dramaturgie.

Ohne despotische Führung

Gemeinsam mit der neuen Chefdramaturgin Inga Schonlau sowie dem Regisseur Antú Romero Nunes und dem Schauspieler Jörg Pohl (beide zuvor am Hamburger Thalia-Theater) bildet sie das neue Leitungsquartett des Schauspiels. Was man sich unter der Verheißung eines anderen Arbeitens vorstellen darf, konkretisiert Jörg Pohl, der von "Mitbestimmung und Teilhabe ohne despotische Führung und unfreiwillige Selbstausbeutung" spricht. Das Theater als "Reservat der Freiheit".

Leitung Basel 560 Christian Knoerr uDie kollektive Schauspiel-Leitung in Basel: Antú Romero Nunes, Inga Schonlau, Anja Dirks und Jörg Pohl © Christian Knörr

Manches klingt wie Slogans: "Uns interessieren keine ästhetischen Gewissheiten, wir suchen die anarchische Spekulation". Pohl verspricht ein "Theater der Künstler und Künstlerinnen und der Schauspieler und Schauspielerinnen" und stellt statt Verwaltung von oben, die Autonomie der Künstler*innen in Aussicht. Es soll keine Hierarchien im Ensemble geben, Gagen werden nach Alter gezahlt, nicht nach Geschlecht oder Starruhm. Los geht es am 9. Oktober 2020 mit den "Metamorphosen" nach Ovid, inszeniert von Nunes und allen Beteiligten, darunter auch Pohl.

Offenes Haus

Am Tag darauf lädt das Theater zu einem Fest für jedermann. An einem "utopischen Tisch", der rund und rot sein wird, sollen 285 Menschen Platz nehmen, darunter Nachbarn, Theaterleute, Prominente. Diese Öffnung nach draußen wird sich in Zukunft auch im inneren fortsetzen, mit einem "Foyer Public". Bislang präsentiert sich das Basler Haus als eher abweisender Bau. Der neue Intendant Benedikt von Peter möchte das ändern. Das große Foyer soll zur 4. Sparte werden, ein Raum für alle, die ihn nutzen möchten, auch für Menschen, die kein Theaterticket haben. Eine Bücherecke soll es geben, einen Tanzboden, ein Café. Eröffnung ist am 14. November 2020.

benedikt von peter Christian Knoerr uIntendant Benedikt von Peter © Christian KnörrVorher wurde gemunkelt, dass unter dem Opernmann Benedikt von Peter das Schauspiel zu kurz kommen könnte. Ein wenig hatte man den Eindruck, das neue Leitungsteam wollte genau dieser Vorahnung bei der Spielplanvorstellung entgegenwirken. So geht von Peter eher kurz auf die neue Opernsaison ein und lässt sich später erst auf Nachfrage Näheres entlocken.

Er selbst präsentiert zum Auftakt "Saint François d'Assise" von Olivier Messiaen (für das sich die über den Sommer sanierte große Bühne samt dem Zuschauerraum in ein "raumtheatrales postapokalyptisches Szenario", in dem der Zuschauende frei Platz nehmen kann, verwandelt) . Zudem wird Herbert Fritsch zum ersten Mal am Haus inszenieren ("Intermezzo" von Richard Strauss) – und soll das in Zukunft regelmäßig tun.

Programmpunkte

Im Schauspiel wird Tom Kühnel nach Basel zurückkehren und sich im Dezember Ruben Östlunds großen Film "The Square" vornehmen, Nunes und Pohl werden den Kinderbuchklassiker "Räuber Hotzenplotz" als Familienstück inszenieren, was so spaßig wie Nicolas Stemans "Schneewittchen" im nahen Zürich werden könnte.

Des Weiteren wird Nunes zum ersten Mal Tschechow inszenieren ("Onkel Wanja"), gibt es Dürrenmatts Klassiker "Die Physiker" im Originalbühnenbild, vom Ensemble inszeniert, und Philippe Quesne führt mit "Cosmic Drama" eine Space Oper nach dem Ende der Welt auf.

Wenn ich's recht sehe, stammt die einzige Neuinszenierung einer Frau von Charlotte Sprenger, die sich gemeinsam mit dem Ensemble den Filmen Alfred Hitchcocks widmet. Keine anderen Frauen gefunden? Merkwürdig, vor allem weil Jörg Pohl bei der Vorstellung so explizit von Geschlechtergerechtigkeit spricht. Übernommen wird immerhin Nora Abdel-Maksouds "Café Populaire" vom Theater Neumarkt, ebenfalls mit nach Basel ziehen Nunes' Odyssee und sein Moby Dick.

Dazu kommen noch "Philoktet" von Heiner Müller, inszeniert von Jan Bonny, "Ulysses" in der Regie von John Collins, "Meister und Margarita" (Regie: Martin Laberenz) sowie "Das Ende der Welt, wie wir es kennen" nach einem Text von David Lindemann, inszeniert vom Ensemble.

Raus aus dem Hamsterrad der Überproduktion

Auf diese Ensemble-Inszenierungen darf man gespannt sein, wie überhaupt auf die neuen alten Formen der Mitbestimmung und Teilhabe. Inga Schonlau macht darauf aufmerksam, dass das Höchstmaß der Inszenierungen viel niedriger sei als anderswo. Es scheint also so, als solle hier wirklich ein Weg aus dem Hamsterrad-Premieren-Schleuderbetrieb hinaus beschritten werden. Man kann gar nicht anders, als zu hoffen, dass das klappt.

joerg pohl Christian Knoerr uSchauspieler in der Leitung: Jörg Pohl © Christian KnörrDie Arbeit mit Autoren – mit der "Basler Dramaturgie" hat sich hier ja eine Marke ausgebildet – soll weiterhin wichtig sein. Neue Hausautorin wird Anne Haug, die gleichzeitig dem Schauspielensemble angehört.

In Luzern war Benedikt von Peter bekannt dafür, Theater in die Stadt und an ungewöhnliche Orte zu bringen. Viele sind davon ausgegangen, dass er das auch in Basel machen werde. Pustekuchen. Vielmehr möchte er in Basel das Theater selbst als neuen Stadtraum markieren. Dazu dienen nicht nur "konkurrenzlos günstige" Eintrittspreise für Kinder und junge Erwachsene in der Ausbildung, sondern auch unterschiedliche kleine Formate, Basel-Formate. Darunter etwa die "Klassikermaschine", in der ein*e Schauspieler*in, eine Stunde lang, auf 3 mal 3 Metern einen Klassiker zum Besten gibt.

Covid-19 trotzen

Die Tanzsparte am größten Drei-Sparten-Haus der Schweiz bleibt unter der Leitung von Richard Wherlock, der unter anderem eine Neubefragung von "Giselle" in Aussicht stellt. Zudem soll für den Choreographen selbst ein großes Jubiläumsfest über alle Bühnen gehen. Wherlock ist seit 2001 am Theater Basel engagiert.

Als die zwei großen spartenübergreifenden Themen seiner ersten Saison nennt Benedikt von Peter Apokalypse und Heimatlosigkeit. Das passt zur Lage, denn niemand weiß, wie der Herbst aussehen wird. Laut von Peter gibt es A, B und C-Szenarien für die Eröffnung im Oktober. Und Jörg Pohl verspricht: "Wir werden, wenn wir müssen, Covid-19 trotzen." Wohlan!

 

 

 
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