Wir müssen unserem fragilen Planeten entkommen!

von Elisabeth Maier

Konstanz, 4. Juli 2020. Im Garten des Konstanzer Münsters sitzen die Zuschauer mit Mund- und Nasenschutz und warten auf den Einlass. Alles ist anders bei der Uraufführung von Christoph Nix' Abschiedsinszenierung von "Hermann der Krumme oder die Erde ist rund" bei den Münsterfestspielen des Theaters Konstanz. Das historische Spektakel über den körperlich schwer behinderten Gelehrten aus dem 11. Jahrhundert (1013 bis 1034), der bei den Bendiktinermönchen auf der wenige Kilometer entfernten Insel Reichenau am Bodensee seine universellen Theorien entwickelte, zeigte das Theater vor 250 Zuschauern (so viele lassen die Corona-Verordnungen in Baden-Württemberg zu). Gemeinsam mit der Choreografin Zenta Haerter und mit Jung-Regisseur Lorenz Leander Haas hat der scheidende Intendant das historische Stück auf die Freilichtbühne gebracht.

Aus dem Kloster auf die Sterne blicken

Ein Herzensprojekt sei das lokale Geschichtsdrama für ihn, sagte Nix am Rande der Feiern zum Ende seiner 14-jährigen Intendanz am Bodensee. Jahrelang habe er versucht, seine Dramaturgie von dem Text über den Mönch Hermann zu überzeugen. Im letzten Jahr seiner Intendanz erblickte sein eigenes Stück nun das Licht der Bühne.

Obwohl der 65-Jährige in Konstanz eine Erfolgsgeschichte geschrieben hat, waren seine letzten Jahre von Streitigkeiten mit Oberbürgermeister Ulrich Burchardt und der Kommunalpolitik geprägt. Nix holte bedeutende Regisseure wie Jo Fabian, Thorleifur Örn Arnarsson und die spätere "Faust"-Preisträgerin Johanna Wehner – drei Jahre lang seine Oberspielleiterin – an den Bodensee. Und er schärfte das internationale Profil des Hauses, machte langjährige Kooperationen mit Bühnen in Afrika, Kuba und dem Irak möglich.

Hermann der Krumme 5 560 IljaMess uSarah Siri Lee König (im Bild mit Georg Melich) spielt die Titelfigur Hermann von Altshausen, den "Krummen" © Ilja Mess

Zum Abschied hatte der Juraprofessor und Theatermann eigentlich von einem grenzüberschreitenden Großprojekt geträumt: "Atlantis" sollte auf einem Bodensee-Schiff die Vielfalt des Theaters zeigen. Wegen der aus seiner Sicht mangelnden Unterstützung durch die Stadt hatte der Theaterchef dieses Vorhaben aber abgesagt; ebenso wie die 2019 zunächst an Konstanz vergebenen Baden-Württembergischen Theatertage. Kurzfristig sprang da das Theater Baden-Baden ein. Nix wechselt nun als Intendant zu den Tiroler Volksschauspielen nach Telfs.

Jahrhundert-Träume vom Universum

Trotz der strengen Corona-Verordnungen haben Nix und sein Team auch dieses Jahr die Münsterfestspiele möglich gemacht, die in der Konzil-Stadt Konstanz Tradition haben. Vor der Kulisse des Gotteshauses aus dem 15. Jahrhundert bedient der scheidende Intendant viele Klischees des Freilufttheaters. Dennoch ist ihm mit seinem Regieteam eine stille, sinnliche Arbeit gelungen. Zerbrechlich und schön verkörpert die junge Sarah Siri Lee König den "krummen" Hermann von Altshausen, der nicht in die Adelswelt seiner Eltern passt. In schönen Momenten, die zutiefst berühren, entfaltet die Spielerin ihre Studie eines Menschen, der die Grenzen des eigenen Körpers überwindet.

Eine goldene Kugel prägt das Bühnenbild von Marie Labsch. Da kauert Hermann in einem weißen Gewand und träumt sich in ein Universum hinein, für das seine mittelalterliche Welt noch nicht reif ist. Denn da ist die Erde noch eine Scheibe. Dazu tanzt Mike Planz einen schmerzlichen Tanz. Choreografin Zenta Haerter übersetzt Nix' bisweilen zu vordergründige Sprache in schöne, stimmige Körper-Bilder. Das macht den Reiz der Inszenierung aus. Dazu gibt es kraftvollen Gesangseinlagen, die Jan Johannes Fries komponiert hat. Meisterhaft interpretieren die Chöre der Münstermusik Konstanz traditionelle sakrale Musik wie auch moderne geistliche Spirituals.

Hermann der Krumme 5 560 IljaMess uAuftritt des Mönchschors vor dem Konstanzer Münster © Ilja Mess

Schablonenhaft nehmen sich dagegen die Figuren aus. Zwar gelingt es Anne Simmering als Mutter, die ihren behinderten Sohn ins Kloster gibt, aus den knappen Textzeilen den Ansatz einer Rolle zu formen. Insgesamt fallen die Rollenkonzepte jedoch zu skizzenhaft aus. Denn der Kunstgriff, in "Hermann der Krumme" den britischen Wissenschaftler Steven Hawking aus dem 21. Jahrhundert mit der bizarren Gedankenwelt des mittelalterlichen Gelehrten Hermann zu konfrontieren, ist zwar an sich reizvoll, bleibt aber zu plakativ.

"Wo ist Gott?", fragt der verzweifelte Hermann in den Fesseln seines mittelalterlichen Weltbilds den Zukunftsforscher Hawking, der an der schweren Krankheit ALS laboriert. Die Antwort des Zukunftsforschers im 21. Jahrhundert ist schwammig: "Wo? Wo lebt Gott? Im Nichts? Wir müssen unserem fragilen Planeten entkommen! Hinausreisen in den Kosmos! Auf zu neuen Welten hinter den Sternen!" Die drängenden Fragen über das Universum vermag Nix' Text allenfalls anzukratzen. Damit ist eine Chance des komplexen Themas vertan. Am Ende des coronakonform verknappten Spektakels scheint der Vollmond über dem Konstanzer Münster.

 

Hermann der Krumme oder die Erde ist rund
von Christoph Nix
Uraufführung
Regie: Zenta Haerter, Lorenz Leander Haas, Christoph Nix; Bühne: Marie Labsch; Kostüm: Mascha Schubert; Komposition: Jan Johannes Fries; Musikalische Leitung und Chöre: Steffen Schreyer; Dramaturgie: Franziska Bolli.
Mit: Sarah Siri Lee König, Anne Simmering, Peter Cieslinski, Odo Jergitsch, Georg Melich, Mike Planz, Harald Schröpfer sowie mit Solisten, Vokalensemble und Kinderchor der Münstermusik unter der Leitung von Steffen Schreyer.
Premiere am 4. Juli 2020
Spieldauer: 1 Stunde 20 Minuten; keine Pause

www.theaterkonstanz.de

 


Kritikenrundschau

"Ein stimmungsvoller Theaterabend auf dem Konstanzer Münsterplatz mit dem Wehmut eines Abschiedes" ist diese Produktion für Manfred Jahnke von der Deutschen Bühne online (5.7.2020). Nix zeige das "Drama eines hochintelligenten Menschen, der nicht über seinen Körper verfügen kann". Das Regieteam habe "eine gute Entscheidung getroffen, wenn es auf die naturalistische Darstellung eines gelähmten Menschen verzichtet. Stattdessen schreitet Sarah Siri Lee König, als einzige ganz in Weiß gekleidet, durch den Raum wie von einem anderen Stern, an ihr prallt alles ab. Die Schauspielerin führt das in einer bemerkenswerten Reduktion (und Konzentration) vor, die alle Spannung auf sich zieht. Sie schaut dabei aus, als wäre der 'Engel der Geschichte' von Walter Benjamin erschienen."

Zwischen den Figuren finde kaum Geschichte, sondern vor allem Behauptung statt, schreibt Daniele Muscionico in der NZZ (6.7.2020). "Und doch: Das Konstanzer Scheitern ist künstlerisch befriedigenderer als vieles, was im Theater gegenwärtig unter Corona-Bedingungen zu sehen ist. Musikalisch ist dieser Abend ohne Frage ein Fest." Auf der textlichen und der inhaltlichen Ebene greife hingegen vieles zu kurz. "Christoph Nix hat ein Thesentheater geschrieben, das sich in weiten Passagen so anhört, als würde der Autor – durch seine Figuren – zuhanden seiner Kritiker die finale Bilanz ziehen: Hermann ist für ihn die Leuchtgestalt, die sich gegen jedwede Autoritäten stellt."

Christoph Nix hätte seinen Abschied von Konstanz "unter diesen Umständen nicht besser, nicht glanzvoller inszenieren können", schreibt Bettina Schulte in der Badischen Zeitung (6.7.2020). Auch wenn "Hermann der Krumme" weniger von dramatischen Konflikten als von seiner Botschaft lebe. "Die da lautet: Außenseiter sind oft klüger und vorausschauender als die Gemeinschaft, die sie aus Neid und Unsicherheit ablehnt."

"Ohne Konflikte gibt es kein Theater", und das mache den Stoff schwierig für eine Bühnenadaption, schreibt Johannes Bruggaier im Südkurier (6.7.2020). Nix konstruiere deshalb "einen aus historischer Perspektive sehr fragwürdigen Streit um die Gestalt der Erde". Bei mancher konzeptionellen Schwäche des Abends sei immerhin bemerkenswert, dass "für ein 'Freilichtspektakel' auffallend existentielle Fragen aufgeworfen und kontemplative Momente geschaffen werden".

 

 

 
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