Operation am offenen Herzen der Geschichte

von Dirk Pilz

Chemnitz, 4. Oktober 2008. Das ist jetzt nicht so einfach, wie es ausschaut. Thomas Bischoff, der einstmals viel beachtete und zu Zeiten auch an der Berliner Volksbühne beschäftigte Regisseur, der nun aber seit Jahren schon an den Rändern der überregionalen Aufmerksamkeit entlang inszeniert und zuletzt am Deutschen Theater Göttingen eine knifflig intelligente "Faust"-Inszenierung herausbrachte, dieser Regisseur hat in Chemnitz jetzt eine "Emilia Galotti" gebastelt, die komplizierter wird je länger man darüber nachdenkt.

Dabei schaut es auf den ersten Blick aus, als bemühe der Regiezugriff eine arg angestrengte Deutung: Das Stück ist in die Spätphase der Weimarer Republik verlegt, aus dem bürgerlichen ist ein DEUTSCHES Trauerspiel vom heraufziehenden Faschismus geworden. Nicht die Differenz der Stände und Tugenden, nicht das Beben einer von Innerlichkeit durchzuckerten Empfindsamkeit wird hier verhandelt, sondern das, was an Lessings Text und Sprache dem Missbrauch offen steht.

Bischoff operiert folglich nicht nur am offenen Herzen der deutschen Geschichte, sondern bewegt sich ebenso mutig in ästhetiktheoretischem Gelände. Daraus erwächst eine Vergangenheitsbefragung, die mit dem linken Auge auch auf unsere Gegenwart schielt. Bischoff, der ähnlich wie Michael Thalheimer klassische Stücke auf eine Kernaussage abmagert, nur weitaus bissiger und intellektuell autonomer im Regiegeiste, stellt die Grundsatzfrage: die Frage nach dem Verhältnis von Kunst und Politik.

Kunsterörterungen eines fahrigen Prinzen

Der Abend beginnt mit einem Kunst-Diskurs. Conti, Lessings Muster-Maler seiner, dem feinsinnigen Realismus huldigenden Epoche, ist bei Nikolaus Barton zum oberösterreichischen Schnösel mit Halstüchlein und Gel-Haar mutiert. "Der Wille zur Tat prägt ihr Antlitz", ist sein erster Schnoddersatz, der an diesem Abend so lange hergesagt werden wird, bis er nicht mehr nur Emilia, sondern auch ihre Zeitumstände meint. Auf der von Bischoffs Dauerbühnenbildnerin Uta Kala entworfenen Zwei-Wand-Bühne mit lauter Emilia-Großfotografien ist deshalb in goldenen Lettern auf dunklem DDR-Furnier das Donnerwort "Der Wille zur Tat" geklebt.

Ein Handlungsraum, der die Tat als Denk-Ausdruck ausstellt – es ist ein Denken, das die Kunst-Erörterungen des fahrigen Prinzen, seines schleimigen Handlangers Marinelli und eben Conti in einem ästhetischen Bekenntnis gipfeln lässt: "Nur das Kunstwerk darf uns als wertvoll gelten, das auf den Empfangenden seelisch wandelnd oder vertiefend, willenstärkend und mutstärkend wirkt in einem Sinne, der dem Wesen dieser Volksganzheit, dem Wesen also des Volkshaften nicht widerspricht." Auch dieser Satz wird immer wieder begonnen, hingebeichtet, ausgebrüllt werden. Von allen und jedem. Es ist ein Satz des Wiener Theaterwissenschaftlers und ausgewiesenen Antisemiten Heinz Kindermann, es ist ein faschistoider Kunstinstrumentalisierungssatz.

Kunst, Körper und Kraft

Conti schmiert ihn wie ein Parteiprogramm seinen Zuhörern ins Hirn, der Prinz glaubt seinen Goethe bestätigt zu wissen und Marinelli ist er Wasser auf seine nationalsozialistischen Mühlen. Er ist bei Bischoff der heimliche Führer einer frühfaschistischen Spieß- und Kleinbürgerbewegung, die im Festgefügten und Heldisch-Stählernen ihr Ideal erkennt. Und alle um ihn herum erweisen sich als dankbare Empfänger seiner dumpf-deutschen Verblendungslehre.

Emilias Mutter ist eine straffe Spröde aus "deutschem Muttergeiste", ihr Vater ein Volksvertreter der "deutschen Nation" und Emilia kein Gefühlsliebchen, sondern eine Meisterin im Spezialfach Stahl- und Stechblick. Sie gehören zu einer Gesellschaft, die viel von Kunst, Körper und Kraft redet und immer das DEUTSCHE meint. "Der Wille zur Tat prägt ihr Antlitz!" wurde einst, 1942, über Arno Brekers Helden-Statuen gesagt; hier soll er auch für Lessing & Co. gelten. Genau darin liegt Bischoffs kühne These: Er koppelt die Debatten über das Schöne und Erhabene des ausgehenden 18. Jahrhunderts mit der Indienstnahme der Künste durch die Nazi-Diktatur.

Figuren, unberechenbar und statuarisch

Dass sich die Kunst, gerade auch die der deutschen Klassik, missbrauchen lässt (und selbst zuweilen gern Vorschub leistete), hat die Geschichte bewiesen. Und dass sich Lessings Stück solch' Lesart durchaus gefallen lässt, beweist diese Inszenierung. Bischoff lässt offen, warum die Kunst vor Missbrauch nicht geschützt ist (und mitunter auch nicht geschützt sein will), er zeigt Figuren, die so unberechenbar wie statuarisch sind.

Emilia (Daniela Keckeis) pflegt den strammen Abweisungston und steht dennoch splitterfasernackt in der Doppeltür und damit mitten in ihrem eigenen Porträt, was auch eine schöne Figurenselbstreflexionsfußnote abgibt. Ihre Mutter (Ulrike Euen) ist so spitzmundig wie heulkrampfig, der Prinz (Bernhard Conrad) ein Fiesling und Verzweiflungsbrüller, der Vater (Marius Marx) gleichzeitig stur und verunsichert. Sie kippeln alle – und kippen am Ende allesamt in den Sumpf einer "Volksganzheit", die jeden Unterschied auswischt. So weit das Konzept.

Man sieht die Idee

Aber dann die Spiel- und Darstellweisen! Dieses dauernde Gesichter- und Mundwinkelmachen, das aufgesetzte Sätzegeschleuder und betont herrische Silbengeschubse. Es ist, als trügen die Schauspieler Bischoffs Konzept wie eine Uniform von der Stange, die ihnen mindestens eine Nummer zu groß ist. Das wirkt dann doch sehr bemüht. Und das macht auch, dass Bischoffs Abend zwar groß und bedeutend anhebt, leider aber unterwegs verkümmert und folglich auf die Grundsatzfrage nach dem Verhältnis von Politik und Kunst nicht nur (begreiflicherweise) keine Antwort gegeben, sondern schon die Frage verwischt wird – es fehlt dem Spiel jenes Differenzieren und Nuancieren, durch das das knöcherne Konzept mit der Ambivalenz des Daseins gefüllt würde.

Am Ende fantasiert sich Marinelli (Michael Pempelforth) in eine Goebbels-Rede hinein und Emilia erschießt ihr Spiegelbild – man sieht die Idee. Ein Spielen, das dem Konzept gewachsen wäre, hätte man aber auch gern gesehen. So bleibt's dann doch Regietheoriegeraschel.

 

P.S. Vor dieser bedenklichen "Emilia Galotti"-Inszenierung wurde von Dieter Boyer auf der kleinen Bühne noch Ulrike Syhas Auftragswerk "Privatleben" uraufgeführt. Es ist ein etüdenhafter Text, der die Befindlichkeit einer Handvoll Gegenwartserdulder aus dem Angestellten- und Führungskräftesektor absurft, als gelte es im Schnelldurchlauf alle Belanglosig- und Beliebigkeiten aufzusammeln, die sich zu Liebe, Leben und Leiden in globalisierten Zeiten so auch in der Zeitung auffinden lassen, mit dem einzigen Unterschied, dass die Figurengrenzen ein bisschen hin und her geschoben werden, was als solches keine Kunst, sondern nur eine Technik ist. Es ist also ein Oberflächenerzähltheatertext, der von brav bis bieder als Oberflächenerzähltheater hingewurschtelt wurde, was nicht nur den Schauspielern das Darsteller-Leben schwer machte, sondern dem Text auch noch die letzte Chance nahm, mehr zu sein als ein Sammelsurium an aufgelesenen Jetztzeitphänomenen. Inszenieren heißt hier lediglich, Stell- und Sprechplätze zu arrangieren.

 

Emilia Galotti
von Gotthold Ephraim Lessing
Textfassung nach Thomas Bischoff
Regie: Thomas Bischoff, Ausstattung: Uta Kala. Mit Nikolaus Barton, Michael Pempelforth, Bernhard Conrad, Ulrike Euen, Marius Marx, Sebastian Tessenow, Michael Ruchter, Daniela Keckeis, Karl Sebastian Liebich, Claudia Kraus.


Privatleben
von Ulrike Syha, UA
Regie: Dieter Boyer, Ausstattung: Hugo Gretler. Mit: Tilo Krügel, Bettina Schmidt, Bernd-Michael Baier, Yves Hinrichs, Caroline Junghanns.

www.theater-chemnitz.de

 

Kritikenrundschau

Uta Trinks und Reinhard Oldeweme schreiben in der Chemnitzer Freien Presse (6.10.) über Ulrike Syhas "Privatleben": "Als Zuschauer muss man sich auf ein ungewöhnliches Theatererlebnis einlassen." Zwar habe die Geschichte eine Gliederung, "aber eigentlich besteht sie aus bruchstückhaften Sentenzen, die wie aus einer Schüttelbox herausfallen". Trotzdem entstehe ein Bild, davon, "wie Er und Sie sich selbst etwas vormachen". "Man blendet Sehnsüchte aus, redet aneinander vorbei, hört nicht zu. Zwischen globalisierter Wirtschaft und Liebesakt - der Einzelne findet kaum Halt in dieser chaotischen, instabilen Welt". Eine "anspielungsreiche, manchmal witzige Inszenierung, die ganze Aufmerksamkeit fordert".

Ihre Auseinandersetzung mit Thomas Bischoffs Inszenierung von "Emilia Galotti" liest sich dagegen so: "Thomas Bischoff hat sich in seiner sterilen, aber schonungslosen Inszenierung auf dieses Aufspüren von Abgründen der Seelen konzentriert". Bei ihm gehe es "weniger um Macht und Willkür, Ehre und Moral"; vielmehr trügen "die Menschen aus sich selbst heraus ihre Konflikte aus und scheitern daran". Die Eckpfeiler der Handlung lasse Bischoff "abstrakt im Raum stehen", vieles falle "in eine esoterische Untiefe". Auch deshalb weil Uta Kalas Bühnenbild keine "Lebensräume", sondern "eine nach allen Seiten offene Ahnung von Beschränkungen" vorgebe. "Claudia Kraus als Gräfin Orsina bringt packend auf den Punkt, was die Botschaft sein könnte - zur Tat gehört auch Mut". Nur "höflichen Applaus" für den Regisseur habe es am Ende gegeben.


Eine "fatale" Emilia Galottoi sah Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (7.10.), von einem Regisseur, der "sein Mütchen an Lessing, am Kunstbetrieb oder vielleicht einfach an der bösen, ihn bloß selten noch mit Engagements versorgenden Welt kühlen wollte." Das Stück versetze er "ungefähr in die Zwischenkriegszeit des vorigen Jahrhunderts" und lasse "die zackig gedrillten Darsteller gebetsmühlenartig nationalsozialistische Kunsttheorien von Heinz Kindermann bis Joseph Goebbels aufsagen." Die Figuren seien "schablonenhafte Standbilder mit heutigen Anzug- und gestrigen Thesenträgern - von Bischoffs Gnaden, kein bisschen von Lessings Figurenformat."

"Undogmatischer und vertrauenswürdiger" sei dagegen die Uraufführung von Ulrike Syhas "Privatleben", ein "verschachtelt-versponnener Kommentar zur Komplexität aktueller Existenz- und Emotionalverhältnisse". Dieter Boyer streife Syhas dramaturgisch und "sprachlich amüsant aufbereitete Spielangebote zwar eher, als dass er sie auszuschöpfen vermag", aber er schlage sie zumindest nicht per Interpretationshammer nieder. Fazit: Mit den fünf Akteure "könne man lachen und muss nicht - siehe Bischoff - über sie weinen."

 

 

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