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Kritische Einmischung

7. Juli 2020. Der Theaterleiter, Schauspieler und Sänger Pavel Fieber ist am 6. Juli 2020 im Alter von 78 Jahren in Würzburg verstorben, wie das Theater Ulm mitteilt, an dem Fieber von 1985 bis 1991 als Intendant tätig war.

Fieber, 1941 in Krnov in der Tschechoslowakei geboren, war während der NS-Zeit mit seiner Mutter in einem Zwangsarbeiterlager in Tschenstochau interniert, wie er 2014 der Wiener Zeitung in einem Interview berichtete. Er wuchs nach dem Krieg in Bayern und in Wien auf und absolvierte seine Schauspielausbildung am Max-Reinhardt-Seminar sowie ein Gesangstudium an der Akademie für Musik und Darstellende Kunst in Wien. Sein erstes Engagement als Schauspieler trat er 1965 am Courage und Theater im Centrum in Wien an. Er spielte in seiner Karriere unter anderem in Lübeck, Düsseldorf, Bonn, Wuppertal, Karlsruhe, Hannover, Stuttgart, am Theater des Westens in Berlin und am Volkstheater Wien.

Fieber Pavel 560 Agentur BizzyBody uPavel Fieber (1941–2020) war Theatermacher, Schauspieler und Sänger © Heike Steinweg, 2017

Von 1968 bis 1972 war er als Schauspieler, Regisseur und zuletzt kommissarischer Oberspielleiter an den Städtischen Bühnen Mainz aktiv. Von 1969 bis 1972 leitete er gleichzeitig die Opernschule am Peter-Cornelius-Konservatorium der Stadt Mainz und gründete das Theater an der Mainzer Universität. Von 1972 bis 1974 war Fieber Oberspielleiter am Theater Oberhausen, von 1974 bis 1978 am Stadttheater Ingolstadt.

Paraderolle Prof. Higgins in "My Fair Lady"

Nach Jahren als freier Schauspieler und Regisseur übernahm er 1985 die Intendanz des Theaters Ulm. Von 1991 bis 1997 leitete er das Pfalztheater Kaiserslautern, bevor er als Generalintendant an das Badische Staatstheater Karlsruhe wechselte, wo er bis 2002 amtierte. Von 2000 bis 2003 übernahm er zudem die künstlerische Leitung der Luisenburg-Festspiele in Wunsiedel. Von 2004 bis 2007 war er Intendant der Burgfestspiele Mayen.

Pavel Fieber kam auf über 100 Inszenierungen in Schauspiel, Oper und Musical. Als seine Paraderolle als Darsteller gilt der Prof. Higgins in "My Fair Lady", in der er über 1500 Mal auf der Bühne stand. Vielfach arbeitete er für Film und Fernsehen. Fieber inszenierte mehrere Erst- und Uraufführungen von Pavel Kohout und Václav Havel. 1970 wurde er in der Tschechoslowakei zur Persona non grata erklärt und erhielt einige Zeit keine Einreisegenehmigung mehr, wie er der Wiener Zeitung erzählte.

Zeitgenössische Wagnisse

"Schon als Hausherr in Ulm und Kaiserslautern hatte er die provinziellen Spielpläne durch zeitgenössische Wagnisse aufgemischt und auch in Baden - maßvoll - neue Töne riskiert", schrieb der Spiegel 2000 anlässlich der von Fieber als schockhaft empfundenen Nichtverlängerung der Intendanz in Karlsruhe.

In Karlsruhe hatte Fieber mit George Taboris "Ballade vom Wiener Schnitzel", einem Stück über andauernden alltäglichen Antisemitismus, eröffnet. "Die Zuschauer sollen spüren, daß wir zu gegenwärtigen gesellschaftlichen Problemen etwas zu sagen haben und uns kritisch in die Öffentlichkeit einmischen wollen. Deshalb bin ich nach Karlsruhe gegangen", sagte Fieber beim Amtsantritt dem Neuen Deutschland.

(Theater Ulm / wikipedia.org / wienerzeitung.at / spiegel. de / neues-deutschland.de / chr)