Schweinereien in Brüssel

von Jan Fischer

Göttingen, 10. Juli 2020. Wenn Schweine fliegen könnten, ja, dann wäre die EU womöglich auch ein postnationaler Staatenverbund, in dem die Partikularinteressen der einzelnen Mitgliedsstaaten kaum eine Rolle spielten. So sieht es jedenfalls in Niklas Ritters Adaption von Robert Menasses Roman "Die Hauptstadt" aus.

Die Premiere ist, selbstverständlich, eine besondere. Das Einlasssystem erinnert ein wenig an die komplexen Vorgänge beim Boarden eines Flugzeuges. Am Ende verteilen sich mit großzügigem Abstand kaum 105 Menschen im großen Saal des Deutschen Theaters Göttingen. "Die Hauptstadt" sollte eigentlich im April Premiere feiern – die Proben wurden unterbrochen und wieder aufgenommen. So ist die Premiere nicht nur die letzte in dieser Göttinger Spielzeit – es ist auch die erste und einzige Inszenierung, die unter Pandemiebedingungen erarbeitet wurde und im Saal aufgeführt wird. Das auf der Bühne Schauspiel stattfindet, sei, so der Intendant Erich Sidler vor der Aufführung, "die Seele in unserem Hause. Theater ist Begegnung, das lässt sich nicht mit Einsen und Nullen ausdrücken."

OLYMPUS DIGITAL CAMERACorona spielt mit. Außerdem: Felicitas Madl, Pauline Jung, Michael Frei, Judith Strößenreuter © Axel J. Scherer

Die Begegnung ist, in diesem Fall, zunächst einmal die mit einem Schwein, das zu Musik tanzt, die eine Zweipersonenband vor dem Hintergrund eines blass erleuchteten Mondes spielt, das dann allerdings von einem Schuss verschreckt wird und flüchtet. Der Schuss wiederum gehört zu einem Mord in einem Brüsseler Hotel, mit dessen Aufklärung der hypochondrische Kommissar Brunfaut beauftragt wird. Gleichzeitig soll Fenia Xenopoulou, Beamtin in der Generaldirektion Kultur der Europäischen Kommission, eine Imagekampagne zum 75-jährigen Bestehen der EU koordinieren. Dank ihres Referenten kommt sie auf die Idee, Überlebende der Shoah einzuladen – schließlich steht die EU ja genau dafür, dass so etwas niemals wieder passieren soll.

Hoch lebe die Sau

Nachdem auch noch ein Auschwitz-Überlebender, eine mysteriöse Bardame und Alois Erhart, Emeritus der Volkswirtschaft mit einer großen postnationalen Idee für die EU, auftauchen, läuft schließlich alles ins Leere: Der Mord muss zu den Akten gelegt werden, weil er christlisch-fundamentatlisch motiviert war und das ja nun wirklich schlechtes Image ist, und die Idee mit den Shoah-Überlebenden stößt im Rat dann doch auf einigen Widerstand. Und am Ende darf das Schwein dann auch noch mal fliegen.

Menasses 2017 erschienenes Buch kommt daher wie ein Kriminalroman – ein Mord führt einen eigenartigen und eigensinnigen Kommissar mitten in dunkle Machenschaften der Politik. Im Herzen allerdings ist "Die Hauptstadt" eher ein Plädoyer für eine EU jenseits von Nationalstaaten. Dafür zeichnet Menasse die politische Brüsseler Welt als Apparat, in dem individuelle Interessen auf Inkompetenz treffen, und dem kaum etwas ferner sein könnte, als eine europäische Idee zu vertreten.

OLYMPUS DIGITAL CAMERASchräge Typen: Gaby Dey, Katharina Müller, Felicitas Madl, Michael Frei, Gerd Zinck, Judith Strößenreuter, Christoph Türkay © Axel J. Scherer

In diese Kerbe versucht auch Niklas Ritter mit seiner Inszenierung zu stoßen – große Teile des Romans werden erzählt, gleichzeitig aber auch die Figuren in ihrer Überzeichnung dargestellt. Menschlich – und damit sympathisch – kommen hier einzig Brunfaut (Gerd Zinck) und der Auschwitz-Überlende David de Friend (Gaby Dey) rüber. Der Rest ähnelt Karikaturen: Xenopoulou (Judith Strößenreuter), die als eiskalte Powerfrau gar nichts mehr fühlt; der Referent Susman (Bastian Dulisch), unsicherer Nachkomme eines österreichischen Schweinezüchters; der EU-Beamte Strozzi (ebenfalls Dulisch), der einmal sagt: "Moral war noch nie ein politisches Programm."

Ausschwitz als Geburtsstunde der EU

Auf der mit dem angeleuchteten Mond und mobilen Wänden ausgestatteten Bühne lässt Ritter seine Figuren zu Live-Musik zwischen Punk und MInimal-Jazz einen grotesken politischen Tanz aufführen, in dem einzig der Wirtschaftswissenschaftler Erhart im Thinktank die europäische Idee auf seine radikale Weise vertreten mag. Er sähe die Nationen und ihre Interessen am liebsten beseitigt und fordert, die EU-Hauptstadt nach Auschwitz zu verlegen – als Referenz an die Vergangenheit und Ermutigung, dass auch aus dem Schlimmsten noch etwas Gutes entstehen kann.

Das Ensemble spielt mit Abstand, was allerdings im Kontext der Handlung durchaus nicht fehl am Platz ist, und die ersichtliche Spielfreude nicht schmälert. Auch dem Text ist seine Lust an Skurrilität, der Spaß an der Überzeichnung und den – von Ritter gerne übernommenen – eigenartig metaphorischen Bildern anzumerken. So landen Sahnespritzer einer Geburtstagstorte auf wichtigen EU-Dokumenten, reist der Referent Susman mit Angora-Unterwäsche deutschen Fabrikats nach Auschwitz, sucht Erhart nach dem "Mausoleum der bedingungslosen Liebe".

Der gefundene Witz

Alles das verkettet sich zu einer Inszenierung, die sich vor allem in der Lust am Spiel, in der Bewegung und der Übertreibung gefällt – die Dringlichkeit, die Frage danach, wie der europäische Verwaltungsapparat die Idee der EU besser vertreten kann, schwingt zwar immer mit, tritt aber dahinter zurück. Ritters "Die Hauptstadt" denkt zwar den großen politischen Bogen immer mit, findet den Witz aber irgendwie doch besser – durchaus auch im Geist der Vorlage. Dabei kann der Abend Menasses oft eigenwillige, komplexe Metaphern aber nicht ganz ausspielen.

 

Die Hauptstadt
von Robert Menasse
Regie: Niklas Ritter, Dramaturgie: Verena von Waldow, Bühne: Alexander Wolf, Kostüme: Annegret Riediger, Musik: Michael Frei.
Mit: Gaby Dey, Bastian Dulisch, Felicitas Madl, Katharina Müller, Judith Strößenreuter, Christoph Türkay, Gerd Zinck, Pauline Jung, Michael Frei.
Premiere am 10. Juli 2020
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

https://www.dt-goettingen.de/

 

 
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