Wenn Völker friedvoll zusammenrücken

von Tobias Prüwer

Leipzig, 14. August 2020. Die Tribüne füllen 50.000 Zuschauer, ihnen gegenüber lagern Legionäre, deren Brustpanzer und Helme im Dämmerlicht funkeln. Sie bewachen einen Menschenmarkt, auf dem nur in Lendenschurze gewickelte Sklaven verkauft werden. Die Entrechteten schwören bald kollektiv Rache, wählen Spartacus zu ihrem Anführer. Statt sich als Gladiatoren gegenseitig zu bekämpfen, richten sie ihre Waffen gegen Rom. Die Schlacht beginnt als Wimmelbild. Leiber überall, Feuer lodern auf, Leichenberge stapeln sich. Schließlich unterliegen die Aufständischen. Am höchsten Punkt der Arena wird Spartacus ans Kreuz gebunden – sein Leiden füllt den Epilog.

MassefestspieleLeipzig Spartakus 560 StadtmuseumLEZ0074110"Spartacus" bei den Massenspielen der Arbeiter 1920 in Leipzig © Stadtgeschichtliches Museum Leipzig, Z0074110

Kunst ist Waffe

Überwältigen sollte die Inszenierung, die vor hundert Jahren die Massenfestspiele der Gewerkschaften begründete. Fünf Jahre lang fanden diese Freiluftspektakel in Leipzig statt. Ihr Einsatz des Bewegungschores sollte die Ästhetik des Arbeitertheaters nachhaltig prägen. Die Festspiele waren im Sinne des Arbeitertheaters keine bloße Unterhaltung, sondern dienten der Agitation und Propaganda. Die Individuen verschwanden hinter der Masse, die wie ein einziger Riesenkörper erschient. So wurde kollektiv Macht symbolisiert und ein innerer Zusammenhalt hergestellt. "Aus Kunst ist eine Waffe geworden", lautete frei nach Friedrich Wolf das Credo des Zentralorgans Arbeiterbühne.

Die Arbeiterbewegung kannte Sprechchöre als politisches Mittel auf Demonstrationen. Nun wurde ihr künstlerischer Wert sichtbar. Für die eigene Ästhetik der Massenfestspiele kombinierte man sie mit Bewegungschören – Menschen, die gemeinsame Bewegungen ausführten. Diese Geschlossenheit erzielte gewaltige Wirkung, weshalb die Leipziger Festspiele der Jahre 1920 bis 1924 prägend für spätere Zugriffe aufs Theater der Menge wurden. Bald nutzte die Arbeiterbewegung Massenchoreografien reichsweit. Auch die Nationalsozialisten haben sich später ihrer bedient.

Historische Klassenkampfbezüge

Die Gewerkschaftsspiele knüpften an sowjetische Vorbilder an. Ob sie sich auch an den Arbeiten Max Reinhardts orientierten, der schon in den Jahren nach 1900 Masseninszenierungen erprobte, ist zwar nicht belegt, aber wahrscheinlich. Denn es liefen zwar Amateure bei den Gewerkschaftsspielen auf. Die künstlerische Leitung lag jedoch in professionellen Händen. So verfasste Ernst Toller die Texte für drei der Festspiele. Mit Adolf Winds führte zweimal der Oberspielleiter des Städtischen Theaters Magdeburg Regie, der Schauspielhaus-Regisseur Josef von Fielitz ebenso. Involviert waren auch die Meisterin des Leipziger Balletts Emma Grondona, Volksbühnen-Schauspieler Herbert vom Hau, der Dirigent Werner Ladwig und Alwin Kronacher, Schauspieldirektor am Alten Theater.

MassenfestspieleLe Konrad 560 StadtmuseumLE Z0082844Immer voran auf dem Weg in die klassenlose Gesellschaft – mit dem Stoff "Der arme Konrad" aus den Bauernkriegen zum Beispiel © Stadtgeschichtliches Museum Leipzig,  Z0082844

Wie bei den sowjetischen Vorbildern nahm man in Leipzig Bezug auf konkrete historische Ereignisse. Auf einer Fläche von mehr als 64.000 Quadratmetern zeigte man den Spartacusaufstand, den Bauernkrieg und die Französische Revolution, bevor die Stoffe mit der Weltrevolution allegorischer ausfielen. Symbolisierte die Masse stets die Einheit der Bewegung, so sollte die inhaltliche Ebene pädagogisch überzeugen: Mit der Geschichte geht es voran, die klassenlose Gesellschaft ist nah.

In Kreisen und Spiralen

Am Abend des ersten Augustsonntags 1920 wurde die Radrennbahn am Leipziger Cottaweg – heute: Kleinmesse-Gelände – zum Kampfplatz der Sklaven gegen Rom. Auf dem Menschenmarkt bilden sie die erste Massenszene. Unzählige fast nackte, sich windende Leiber sehen für den Zuschauer aus der Ferne wie ein einziger gedemütigter Sklavenkörper aus. Auf der Bildgewalt ruht der Schwerpunkt im ersten Leipziger Festspiel. Ohne viele Worte wird der Inhalt für die Betrachter sofort verständlich, machen die Bewegungen der 900 Darsteller die Aussage der Inszenierung plastisch.

Verfeinert findet sich diese Technik im nächsten Jahr am 14. August. Für "Der arme Konrad" wird die Dammkrone der Radrennbahn zur Burgmauer, auf der Ritter, Richter, Kleriker wachen. Auf einen fröhlichen Totentanz und feist dinierende Adlige folgend, ziehen hungernde Bauern in langen Reihen zu den Toren herein. Auch ihr Aufstand wird zerschlagen, bis unter dem Auftritt des Todes auch die Macht der Krone erstirbt.

Aufgrund seiner Geschlossenheit beschreiben Augenzeugen dieses als das künstlerisch gelungenste Massenfestspiel. Die Choreografen, so ein Kritiker, hätten es verstanden, "Bewegung und Gliederung und Rhythmus" in die 1.800 Beteiligten zu bringen, "so daß nirgends ein toter Punkt blieb". Die Musik schuf Einigkeit und Gleichförmigkeit der vielen Körper, die zum Beispiel des Schnitters Flötenspiel beim Totentanz in Kreisen und Spiralen folgten.

Synchronschwimmer formen Sterne

Das Amalgam aus Musik und chorischer Bewegung war ein Novum der Leipziger Spiele. In der geschlossenen Dramenform wurde die Handlung über das Bild vermittelt. Naturalistische Szenen dominierten, auch wenn bereits stilisierte Elemente eingesetzt wurden, wie die sich zur Musik bewegende Schlange der Bauern. Eingeflochtene Volkstänze halfen bei der Rhythmisierung der Inszenierung und verliehen ihr Dynamik, indem sie die Einzelbilder zum Ganzen verbanden.

TurnfestLeipzig19977 560 Bundesarchiv Bild 183 S0730 104 Leipzig Turn und SportfestAuch die großen Sportfeste, nicht nur in der DDR,  greifen auf die Tradition der Massenspiele zurück. Hier: Turn- und Sportfest der DDR / Leipzig 1977 © Peter Koard / Bundesarchiv, Bild 183-S0730-104 / CC-BY-SA 3.0

Für das Massenfestspiel 1924 änderte man den ästhetischen Zugriff – und floppte. Am 3. August führten 1.000 Spieler und Sportler "Erwachen" auf. Der Auensee und seine Ufer waren die Spielflächen. Sie zeigten, wie die Welt dem Kolonialismus abschwört, die Völker friedvoll zusammenrücken; wie sich Schwerter zu Pflugscharen verwandeln und Kanonenboote in Fischkutter. Dafür fuhren mit Lampions geschmückte Schiffe Parade und Synchronschwimmer formten Sterne und andere Figuren aus Fackeln. Aller Bewegung zum Trotz sollte das gesprochene Wort die Inszenierung tragen.

Ein Fehler: Weil die Zuschauer weit weg saßen, verstand man die Sprecher kaum. Warum man nicht mehr auf die beweglichen Chöre als erzählerisches Mittel vertraute, ist unverständlich. Ebenso ist nicht überliefert, ob das Fiasko ausschlaggebender Grund war, die Massenfestspiele einzustellen. Sie fanden jedenfalls nicht mehr statt.

Dezentrale Entfesselung

Die Mobilisierung des Sprechchors zum Bewegungssprechchor gab zusammen mit der einflussreichen choreografischen Arbeit Rudolf von Labans Impulse für die Entwicklung des Arbeitertheaters. Die Einbindung der Masse wurde zum Beispiel zum zentralen Inszenierungsbestandteil der DDR-Turn- und Sportfeste in Leipzig. Hier bildeten Bewegungschöre sich langziehende Fahnenreihen und -kreisel, Menschenpyramiden und lebendige Bilder. 

 Ligna Radioballett 560 EikoGrimbergFerngesteuertes Synchronwinken beim "Radioballett" von Ligna 2003 im Leipziger Hauptbahnhof © Eiko Grimberg

Daran wollte vor einigen Jahren im Zentralstadion das Performance-Projekt "Turn!" erinnern, scheiterte aber an der kritischen Masse. Die Choreografie sollte ergründen, wie man Menschengruppen zu gemeinsamen Formen mobilisiert, ohne dass das Individuum ganz verschwindet. Statt der anvisierten 2.000 nahmen nur 150 Menschen teil und das Projekt überstieg die Wirkung eines Aerobic-Kurses nicht.

Die Macht einer Masse als kritisches Zeichen hingegen entfesselte die Gruppe Ligna 2003 im Leipziger Hauptbahnhof. Hunderte Menschen verschmolzen zu einem dezentralen Bewegungschor, der via Radio gesteuert wurde. Sie klopften an Schaufenster, setzten sich auf den Boden und übten andere in diesem halböffentlichen Raum untersagte Tätigkeiten aus – ohnmächtig schauten die Sicherheitsleute zu.

 

Tobias Prüwer, Jahrgang 1977, studierte Philosophie und Geschichte in Leipzig und Aberdeen. Theater-, schließlich Chefredakteur des digitalen Stadtfeuilletons Leipzig-Almanach. Lebt als Theaterredakteur beim Magazin "Kreuzer" sowie als freier Autor und Philosoph in Leipzig und versucht, sich entlang der Fluchtlinien Journalismus/Essay/Feuilleton der monokulturellen Spezialisierung zu entziehen.

 
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