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Rakete im Anflug

von Michael Laages

Benneckenstein, 7. August 2020. Das Drama ist historisch verbürgt, es hat sich vor etwas mehr als sechzig Jahren ereignet. Da entwickelte nämlich die Jugendbuch-Autorin und Fernseh-Dramaturgin Ilse Obrig nach dem Arbeitsplatzwechsel vom Ost-"Berliner Rundfunk" zum West-Berliner SFB eine Fernsehfigur, die zur doppelten Legende wurde: das Sandmännchen. Doppelt und dramatisch geriet der Fall, weil der Deutsche Fernsehfunk der DDR (DFF) Wind vom West-Plan der früheren Ost-Kollegin Obrig bekam und in rasender Geschwindigkeit vom Bühnen- und Kostümbildner Gerhard Behrendt die Konkurrenz entwickeln ließ: das Sandmännchen-Ost. Und so schnell war Behrendt, dass die Figur aus Berlin-Adlershof am 22. November 1959 noch vor dem West-Sandmännchen Premiere feiern konnte.

Nah am Grenzstreifen

Diese deutsch-deutsche Medien-Geschichte ist eh schon grandios. Auf Grund einer weiteren historischen Pointe aber wird sie jetzt beim jungen Dramatiker und Regisseur Sören Hornung zur inspirierenden Phantasie. Hornung hatte mit "Sieben Geister" den ersten größeren Erfolg – und folgt mit "Es ist noch nicht so weit", eine Art finstrer Nach-Wende-Bilanz.

Die Uraufführung steht am Beginn vom Festival "Theaternatur" auf der Waldbühne im Harzer Städtchen Benneckenstein, sozusagen in Rufweite vom einstigen Grenzstreifen. Festival-Chef Janek Liebetruth, vor Ort aufgewachsen und als Regisseur mittlerweile auch überregional fleißig unterwegs, zeigt Hornungs Stück als schräge Groteske.

NEUnochnichtsoweit1 FrankDrechsler uDie Dachluke ist geöffnet. Und hier räsoniert nicht nur grimmig das Sandmännchen-West, sondern wird auch für eine Fernsehshow angeworben. © Frank Drechsler

Dies ist das zweite und eher schmerzhafte Drama in der Geschichte vom doppelten Sandmann – mit der Wende nach 1989 wird nämlich nicht etwa die Fernsehfigur-Ost in Rente geschickt, sondern das West-Pendant; das Sandmännchen ist einer der ganz wenigen Wende-Gewinner aus dem alten Osten. Das ist Hornungs zentrale Idee: Sandmann-West räsonniert grimmig und enttäuscht aus der Dachluke seines Hauses herab, im Dialog mit Kassandra, so heißt sinnigerweise Sandmanns Tochter.

Gewinner-Geschichte

Der eigentliche Schwarzseher und Finsterling ist aber er – ihm hat halt die Geschichte die Geschichte geklaut. Zutiefst verbittert, will er aber auch nichts wissen von fremder Leuts Verlierer-Geschichten, wie sie plötzlich an seiner Dachluke vorbei schwirren. Einer ohne Arbeit kommt als Vorbote einer Fernseh-Show vorbei, die später eine wichtige Rolle spielt; jetzt würde er so gern schon einen Prolog für das Ereignis liefern.

Das will Herr Sandmann nicht hören - auch nicht das Gejammer der ungebeten herein schneienden Putzfrau, die daheim in Bietigheim-Bissingen, nicht weit von Stuttgart, den Job verlor und nun manisch putzt; mit Sand übrigens, weil der tiefer säubert. Danach platzt noch eine Fernseh- und Kamera-Frau in Sandmanns Haus, tritt sogar die Türe ein – sie ist mit dem Wende-Versprechen der "Freiheit" nicht fertig geworden und hat sie ausgerechnet im fernen Afghanistan zu verstehen versucht. Der Kriegseinsatz endete tödlich - für Hans Otto, den Freund. Nach dieser Schreckensbotin neuer medialer Wirklichkeit schwebt schließlich per Rakete Sandmanns Double herbei: der Wendegewinner.

Super-Sonder-Sendungsshow

Nach dem ziemlich gelungenen Geschichten-Sortiment der Verlierer zu Beginn treibt’s Hornung nun doch ein bisschen weit aus der Kurve – der Sandmann-Ost, angetan mit dem magischen Umhang des Einheitszauberers, will die große Zukunfts-Vision entwickeln für die Glotze: die "Super-Sonder-Sendungsshow", bei der sich das Publikum wie die Mitwirkenden nur fest an den Händen halten und "Ja!" brüllen müssen, damit alles gut wird; irgendwie…

Sandmann-West hält widerborstig dagegen, mit kräftigem "Nein!". Und weil er das verlogene Getue nicht aushält, sprengt er lieber das eigene Anwesen in die Luft. Fürs Gemeinsame (das ist die Bilanz von Hornungs Stück wie des traurigen kleinen Liedes zum Schluss) ist die Zeit noch lange nicht gekommen.

Ost-Sandmann im Anflug

Janek Liebetruth wuchtet immens viel Technik und Abenteuer auf die Waldbühne – das Bühnenpodest von Hannes Hartmann, eine Dachschräge zunächst mit zwei Luken drin, kann tatsächlich (mit menschlicher Schiebe-Kraft!) gedreht werden und zeigt hinten Sandmanns Wohnung, die schließlich (nach dem Scheitern von Fernsehshow und Ost-West-Versöhnung) mit großem Effekt zusammenklappt. Tatsächlich erscheint sogar ein kleiner Raketen-Nachbau auf dem Dach, mit dem Ost-Sandmann im Anflug – nicht weit von der Waldbühne in Benneckenstein gibt's übrigens das Ostdeutsche Fahrzeug- und Technikmuseum, und da steht tatsächlich etwas Raketenartiges im Vorgarten!

NEUnochnichtsoweit2 560 FrankDrechsler uHans Klima und Achim Wolff © Frank Drechsler

Viel Video und Sound belebt die Bühne – und mit den Figuren der Eröffnung, dem ewigen West-Nörgler Hans Klima samt Tochter Elaine Cameron sowie mit den schrägen Verlierer-Typinnnen und –Typen Benjamin Kramme, Carolin Wiedenbröker und Jennifer Sabel entwickelt Hornungs Stück in Liebetruths Regie beträchtliche Kraft. Für die völlig überdrehte Figur des Ost-Sandmanns allerdings (Achim Wolff) wäre wohl eine rabiatere, schmerzhaftere Form nötig; etwa mit Schwellkopf-Masken wie denen, die Andreas Auerbach immer mal wieder für Inszenierungen von Claudia Bauer entworfen hat.

Hornungs Story hats in sich, auch durch den realen Kern der Fabel. Weitere Annäherungen wären durchaus erwünscht. Auch und gerade im noch immer so geschunden wirkenden alten Grenzrandgebiet – ein anderer Text von Hornung heißt "Die Ballade von Sorge und Elend"; unter anderem so heißen hier die kleinen Städte… Der Abend zur Festival-Eröffnung jetzt hat besonderen Charme: "Endstation: Einheit!" ist das Festival im Kulturrevier Harz überschrieben, bis zum 23. August versammelt es mehr als ein Dutzend Produktionen aus allen Sparten, unter anderem gegen Ende das "Mauerschau"-Stück von und mit Nele Stuhler.

Die Hotels in Sorge und Tanne und Hohegeiß und Benneckenstein haben sicher noch Zimmer frei.

Es ist noch nicht soweit
von Sören Hornung
Regie: Janek Liebetruth, Bühne: Hannes Hartmann, Kostüme: Leah Lichtwitz, Video: Lucian Patermann, Lichtdesign: Ingo Jooß.
Mit: Elaine Cameron, Hans Klima, Benjamin Kramme, Jennifer Sabel, Carolin Wiedenbröker und Achim Wolff.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause
Premiere am 8. August 2020

theaternatur.de/

 

Kritikenrundschau

Wolfgang Schilling von MDR Kultur (10.8.2020) sagt, Sören Hornung habe die Geschichte der deutschen Einheit einmal auf links gedreht und mit den wahnwitzigen Erfahrungen unserer aktuellen Zeit in Beziehung gesetzt. Janek Liebetruth sei ein kurzweiliger Abend gelungen, der trotz viel Spaß in die Tiefe gehe. Mit leichter Hand zeige er das deutsche-deutsche Miteinander in der aktuellen Krise.