Der letzte Prinz 

von Andreas Wilink

18. August 2020. Während der Ruhrtriennale-Produktion Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir 2008 in der Gebläsehalle Duisburg zeichnet Christoph Schlingensief in seine Lebenslinie den nach oben und unten für ihn geltenden Toleranzbereich ein. Übertreten hat er diesen Schutzbezirk oft, hat ihn "zerschlagen", wie er sagt, nicht nur während seiner Arbeit am "Parsifal" in Bayreuth 2004. Da war er in den Vierzigern und sah immer noch aus wie Anfang 30: er selbst auch ein ewiger Parsifal, der den Gral sucht.

Außerhalb dieser Schutzzone konnte er sich selbst zum Fremden und Anderen werden. Sechs Kinder hätten seine Eltern gern gehabt, erzählt er in einer Szene von Bettina Böhlers Dokumentation "In das Schweigen hineinschreien". Sie bekamen nur ihn, Christoph: "Dann bin ich eben sechs Kinder", habe er beschlossen – und so sei er Viele geworden. Eine multiple Persönlichkeit. Ich und Ich und Ich ...

Brennbares Material

Der Vater drehte Super-8-Filme, die schon mal versehentlich Doppelbelichtungen enthielten. So bekam der Sohn Impulse, nahm früh die Kamera zur Hand und gründete zehnjährig die "Amateur Film Company 2000", lange bevor er von der Filmakademie München abgelehnt und Assistent von Werner Nekes in Mülheim an der Ruhr wurde. Impulse für sein Erforschen dessen, was zwischen den Bildern liegt und wie diese sich schichten, überblenden und ins Mehrdeutige changieren; Entdeckerfreuden für die Lücke und die Fehler in den Systemen, denen er künftig nachging und die er methodisch seinem Werk aneignete.

 

Hier liegt ein Ursprung seines kreativen Dilettantismus, der die eigenen Obsessionen transformiert und durch sie hindurch sich hellsichtig macht für kollektive Zwänge, Phantasien und Exzesse. Überforderung erklärte er zum Prinzip. Simulation und das Heraustreten aus ihr war ihm ein zentraler Begriff.

Schlingensiefs Filme sind auf katastrophal komische Weise Heimatfilme – brennbares Material. An anderer Stelle sprach er von ihnen als "Kriegsschauspielen". Ursprünglich sollte der auf der Berlinale uraufgeführte Film von Bettina Böhler (die u.a. Schlingensiefs Filme "Terror 2000" und "Die letzten Tage von Bottrop" schnitt und mit diesem Film als Regisseurin debütiert) im Frühjahr in den Kinos anlaufen. Wie so vieles wurde der Termin verschoben. Nun fügt es sich, dass der Film exakt in der Woche des zehnjährigen Todesdatums am 21. August startet.

Christoph Schlingensief war der Liebe-Suchende und so sehr Geliebte, der Angst-Getriebene und Angst-Gestalter, der begnadete Metaphysiker, der mit dem Tod lebenslang per Du stand und auf der Venedig-Biennale die "Church of Fear" errichtete. Der ehemalige Messdiener in der Herz-Jesu-Kirche fand im Katholischen seine starke Bildergläubigkeit. Der Regiestuhl war für ihn, auch, Beichtstuhl.

Schmerzverwalter und Provokateur

Schlingensief (1960 bis 2010) performte an der Volksbühne, im Fernsehstudio, auf der Straße, neben der Wiener Staatsoper ("Ausländer raus" im Container) und im Wolfgangsee, inszenierte mit Aktionen sein "Theater der Handgreiflichkeit" und wurde für das Happening "Tötet Helmut Kohl" von der Polizei abgeführt. Er, zu dessen Getreuen Margit Carstensen, Irm Hermann, Sophie Rois und Tilda Swinton, Alfred Edel und Udo Kier gehörten, der sich auf Beuys, Bunuel und Fassbinder berief und mit Alexander Kluge philosophierte, war der letzte Prinz der schwarzen Romantik. Auch eher Prophet als Provokateur, letzteres einzig im Wortsinn des Hervorrufens und – wie in einem unendlichen Echo – Weitertragens dieses Rufs, der ganz nahe bei der Berufung war. Im übrigen zitierte er gern Joseph Beuys: "Was soll denn das, auch Provokation ist nur ein Produktionsmittel."

Als Extremismus-Forscher und Schmerzverwalter betrieb er Exorzismus an Deutschland, Hitler und Wagner, an der Bananen-Republik der Einheit und ihrer Blutspur des Hasses. Der Apothekersohn und Alchemist aus Oberhausen vergiftete mit mehr oder weniger homöopathischen Dosen, um die Menschen zu entgiften. Seine bitteren Pillen darf man Lebenselixier nennen. Als Operateur am offenen Herzen entzündete er Infektionsherde, legte Wundkanäle bloß, diagnostizierte Metastasen am Körper der Gesellschaft – und starb an Lungenkrebs.

Schlingensief IndasSchweigen 560 BettinaBoehler xChristoph Schlingensief in New York "Boycott German Goods"  © Screenshot aus Bettina Böhlers Film

Bettina Böhlers Film bildet selbst Synapsen, die auch Schlingensiefs Kunst prägen: Schaltstellen, Überträger und Modulatoren von Erregungs-Energie. Grandios, wie die Montagemeisterin und Regisseurin Böhler in den zwei Stunden Interviews, Filmszenen, Performance-Situationen, Kunst-Theorie, Horror- und Trauer-Momente, das Private und Öffentliche, Person und Werk zur Synthese bringt.

Mediale Sensationsartistik

Der große Kommunikator, Entertainer-Anarchist, der vom Melodram alpträumte, und Störfaktor Christoph Schlingensief – darin Harald Schmidt gewachsen, gewitzt, jedoch frei von Zynismus, ein Stratege, ohne taktisch zu sein – hat sich bei aller ihm virtuos zur Verfügung stehenden medialen Sensations-Artistik eine kindliche Reinheit und Radikalität des Herzens und persönliche Unmittelbarkeit bewahrt. Mehr noch, er hat diese Eigenschaften der öffentlichen (Kunst-)Figur, seiner eigenen "sozialen Skulptur", implantiert, bis die Konturen zwischen den Wesenheiten und Realitäten verwischten, vielleicht auch für ihn selbst es taten.

Auch dies veranschaulicht Böhlers Film, fast möchte ich sagen, auf erschütternde Weise. Wer diesen Film sieht, kommt dem Wahrheitsfanatiker, Widerständler, Wunderknaben und Wahl-Afrikaner Christoph Schlingensief sehr sehr nahe.

 

Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien,
Regie und Montage: Bettina Böhler
Mit: Christoph Schlingensief, Margit Carstensen, Irm Hermann, Volker Spengler, Alfred Edel, Udo Kier, Sophie Rois, Bernhard Schütz, Kerstin Grassmann, Helge Schneider, Dietrich Kuhlbrodt, Susanne Bredehöft, Tilda Swinton, Artur Albrecht, Achim von Paczenzky, Helga Stöwhase, Sebastian Rudolph u.v.a.
Deutschland 2020, 124 Min.
Kinostart: 20. August 2020

www.filmgalerie451.de

 

 
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