Senfpralinen, ein Leben lang

von Shirin Sojitrawalla

Darmstadt, 20. August 2020. Wie oft kann man eigentlich Tschechows "Drei Schwestern" schauen, ohne ihrer gepflegten Existenzschmerzen überdrüssig zu werden? Ohne zu ermüden angesichts von Olgas Vernunft, Maschas Übermut und Irinas Nesthäkchentum. Ohne Kopfweh zu bekommen von ihrem immer gleichen Blues. Ohne vor Langeweile zu sterben beim Anblick ihrer dramatisch hoch geschnürten Melancholik. Wie oft? Vermutlich so zwei-, dreihundert Mal, um in der Zeitrechnung des Stücks zu bleiben. 

Wie ein Griff in die Steckdose

Eigentlich sind die drei ja eh zum Lachen, doch leider werden sie viel zu selten so in Szene gesetzt. Bei Katrin Plötner kommen sie jetzt quietschbunt und ziemlich angefritscht daher. Im Vergleich zu Peter Steins eleganten Transusen wirken die Darmstädter Schwestern, als hätten sie zuvor gierig in die Steckdose gegriffen. Drei höhere Töchter mit irrem Blick und Legitimation zum Luxusweib.

Zu Beginn räkeln sie sich an der Bühnenrampe und benehmen sich wie Kühlerfiguren oder Robben bei der Fütterung im Zoo. Affektierte Frauen in grünen Kleidern, sehr blauen Schuhen und rosafarbenen Strümpfen. Formvollendet verrenken sie sich, gleiten geübt in Yoga-Stellungen und zappeln auf dem Boden herum. Lebensversuche. Das könnte lustig sein, ist es aber nicht. Bloß schwerfällig albern. 

DreiSchwestern1 560 Robert Schittko uWie Robben bei der Fütterung: Ensemble im Bühnenbild von Camilla Hägebarth © Robert Schittko

Das Beste ist die Bühne: Eine gekippte Spiegelwand begrenzt die Spielfläche und verdoppelt das Geschehen. Alles, was vorne konkret vonstatten geht, entfaltet hinten seinen diffusen, beinahe abstrakten Charme. Die Figuren geraten regelrecht ins Schlingern, während sie auf der Bühne mit den Armen rudern wie auf den Rücken gefallene Käfer. Diese Spiegelwand rettet einen beim Zuschauen immer wieder, denn auf ihr geschieht das Besondere. Schlierende Raumerfahrung. Der Bühnenboden ist reclamheftgelb ausgeschlagen, später glänzt alles gülden wie eine Pralinenschachtel. 

Nölend nach Moskau

Laut Forrest Gump ist die Sinnbild fürs Leben: "Man weiß nie, was man kriegt." Auch die drei Schwestern wissen nicht, was sie kriegen. Sicher ist nur, sie werden es nicht mögen. Mascha (Marielle Layher) ihren zu früh geheirateten Ehemann nicht, Olga (Antonia Labs) ihr jungfräuliches Schulleben nicht und Irina (Edda Wiersch) ihren Kurzzeit-Bräutigam Tusenbach nicht. Das gelingende Leben muss ihnen vorkommen wie eine Farce. Elf Jahre versauern sie jetzt schon in der Provinz und trösten sich mit dem Schlachtruf "Nach Moskau! Nach Moskau!". In Darmstadt tun sie das weniger sehnsüchtig als nölend. 

Auch ihr Bruder Andrej ist zu nicht viel zu gebrauchen, hier verschmilzt er konsequenterweise farbmäßig mit seiner Umgebung. Hans-Christian Hegewald gibt ihn als schlaksigen Loser mit Männer-Dutt. Seine Frau Natascha indes scheint die einzige Figur, die ihr Leben im Griff hat. Anfangs von allen gemobbt, geht sie als Gewinnerin vom Platz. Katharina Knap spielt sie als durchtriebenes Wesen mit kalkuliertem Mutterinstinkt. Die Männer indes sind an diesem Abend eher Staffage, selbst der von Daniel Scholz schön kernig verkörperte Spinner Werschinin. Doch wie beinahe alle brüllt auch er zeitweise seinen Text in Grund und Boden. Nuancen gehen im Marktgeschrei unter, ganz zu schweigen davon, dass man gar nicht versteht, was sie da schreien.

Lange verschobene Premiere

Zwischendurch ist es auch mal bohrend öde, weil nicht klar ist, zu welchem Zweck dieses Stück inszeniert wird. Wo liegt das Erkenntnisinteresse? Ja, ja, ich versteh' schon: Was wollen uns Tschechows "Drei Schwestern" heute sagen...

Vielleicht ist der Inszenierung aber auch die lange Pause nicht bekommen. Eigentlich war die Premiere nämlich für Ende März vorgesehen, doch zwei Wochen davor wurden wegen Corona die Theater geschlossen. Shit happens, nicht nur bei Tschechow. 

Ob das dem Abend den Elan genommen hat, ist schwer zu sagen. Auf alle Fälle braucht er rund 100 Minuten, um dem trostlosen Stück schlussendlich noch einen kleinen Hoffnungsschimmer aufzusetzen. Und wer weiß, vielleicht wird das Leben auf der Welt ja wirklich unvorstellbar schön werden, in zwei-, dreihundert Jahren. Relativ sicher ist, dass von dieser Inszenierung außer einigen stimmungsvollen Bildern nicht viel in Erinnerung bleiben dürfte. Zu wenig, um beherzt "Nach Darmstadt!" zu rufen.

Drei Schwestern
von Anton Tschechow, Deutsch von Elina Finkel
Regie: Katrin Plötner, Bühne: Camilla Hägebarth, Kostüm: Johanna Hlawica, Musik: Markus Steinkellner, Dramaturgie: Maximilian Löwenstein. 
Mit: Hans-Christian Hegewald, Katharina Knap, Antonia Labs, Marielle Layher, Edda Wiersch, Robert Lang-Vogel, Daniel Scholz, Mathias Znidarec, Victor Tahal, Hubert Schlemmer, Karin Klein.
Premiere am 20. August 2020
Dauer: 1 Stunde und 45 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-darmstadt.de



Kritikenrundschau

"Plötners Inszenierung sucht neben den starken Schwestern gar keine weiteren Charakterstudien. Sie nutzt das Unvermögen, die erwünschte Veränderung in die Hand zu nehmen, zur zugespitzten Groteske", berichtet Johannes Breckner (€) im Darmstädter Echo (22.8.2020) über diese "Turnstunde mit Tschechow", die "keinen richtigen Rhythmus findet" und stattdessen mit den Hauptfiguren "eckige Studien der Körperlichkeit" veranstaltet, "ungelenk und virtuos zugleich". Der Kritiker gibt zu Protokoll: "Eine Weile schaut man dieser Stilübung mit wohlwollendem Interesse zu. Aber mit jedem Aktwechsel schwindet die Hoffnung, dass dieses Konzept fürs ganze Stück tragen könnte. Es gibt ziemliche Durststrecken, in denen die Aufmerksamkeit nicht mehr recht wachgehalten wird."

Katrin Plötner verfolge den "Ansatz, die Unzufriedenheit, Überreizung, tatenlose Verzweiflung vollständig und karikierend nach außen zu stülpen", berichtet Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (22.8.2020). Ihre "Inszenierung kennt hier kein Erbarmen und selten eine Nuancierung" und biete ein "reines Tableaux einer degenerierten, optisch aufgezwirbelten und dabei aber doch erstaunlich lahmen Gesellschaft", schreibt die Kritikerin. "Selbst wenn man diesen bösen Blick auf die Schwestern sogar teilen würde, auf diese durchaus üble Mischung aus Egoismus, Jammerei und als Träumerei getarnte Schlappheit nämlich, zeigt sich, dass Verächtlichkeit gegenüber dem Personal eines Stückes letztlich dem Theaterabend nicht dient, ihn eindimensional macht."

"Niemand hier präsentiert einen psychologisch plausiblen Charakter, kein Wesensmerkmal hat eine Geschichte, eine irgendwie hergeleitete Tiefe. Warum wer mit wem einsam und unglücklich ist, spielt keine Rolle", berichtet Matthias Bischoff im Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (22.8.2020). Tschechow "nahm seine Figuren ernst, führte sie nicht vor, aber er wies zugleich darauf hin, dass das Urtraurige mit der nötigen Distanz immer auch urkomisch ist. An dieser Balance scheitert Katrin Plötners Inszenierung". In dieser Dekonstruktion "vermisst man das, was die großen Dramen Tschechows so sehenswert macht: echte Menschen mit echten Gefühlen".

 

 
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