Kotzen auf Kokoschka

von Simone Kaempf

Berlin, 17. Mai 2007. Da stehen sie und können nicht anders. Korrekt gekleidete Menschen in einer gestylten Wohnschachtel, die die Welt retten wollen, teilweise zumindest, und in einer Zimmerschlacht enden.

Der Anlass ist nichtig: Der Sohn der Reilles hat dem der Huoillés auf dem Schulhof zwei Schneidezähne ausgeschlagen. Das nachmittägliche Treffen zwischen den Eltern soll den Schaden wiedergutmachen. Aber schon das Wörtchen "bewaffnet", das Véronique, die Mutter des verletzten Jungen, in die gemeinsame Erklärung schreibt, heizt die Stimmung aggressiv an.

Krisenkonversation im Salon

Véronique ist Schriftstellerin und sitzt an einem Buch über Darfur. Ihr Mann Michel verkauft Küchengeräte. Annette ist Vermögensverwalterin. Alain arbeitet als Rechtsanwalt. Wie er, gespielt von Michael Maertens, nebenbei mit seiner Kanzlei telefoniert und ungeniert einen Pharmaskandal vertuschen will, könnte man meinen, die vier kennen sich schon seit Jahren. Aber die anderen hören nur genauso ungeniert mit. Die Wohlerzogenheit bröckelt, und mit ihr verliert jeder schrittweise die Beherrschung. Véronique verplappert sich auch noch, dass Michel den Hamster ausgesetzt hat, was den Stein nur noch schneller ins Rollen bringt.

Ausgetragen wird die Krisenkonversation in einer von Johannes Schütz´ Bühnenschachteln, diesmal in der supercleanen Labor-Version: weiß, mit heller Neonbeleuchtung, gestapelten Kunstbänden, Stühlen und zwei Vasen mit weißen Tulpen. Eine abstrakte Version des Bürgersalons, Bühne für den Krieg im Mittelstandsmilieu, zu dem es dann aber doch nicht reicht. Dafür wirken die Ausbrüche einfach zu gut gestylt, die Jürgen Gosch im forcierten Plauderton auf die Bühne bringt.

Gären unter der Oberfläche

"Der Kokoschka, oh Gott", brüllt Véronique (Dörte Lyssewski) wirkungsvoll durch den Raum, als Annette in einem Übelkeitsanfall die Kunstbände der Gastgeberin vollkotzt. Die Bände werden gewaschen, geföhnt, parfümiert, zum großen Vergnügen des Publikums, und mit der Sauberkeit kehrt zumindest wieder für Minuten gutmenschelnde "Wir können zivilisiert damit umgehen"-Vernunft zurück. Corinna Kirchhoff spielt die dünnhäutige Annette, der die ganze Situation unendlich peinlich scheint. Das Handy ihres Mannes versenkt sie in einem Wutanfall in der Blumenvase, worauf Alain nun mit den Nerven am Ende ist: "Dich müsste man einsperren! Das ist bodenlos! Da ist alles drin! Es ist ganz neu, ich hab Stunden gebraucht, um es zu konfigurieren."

Die Paare verzanken sich gegenseitig, miteinander und kreuzweise. Vom ausgeschlagenen Zahn ist längst keine Rede mehr. Ähnlich wie in Rezas "Kunst", wo der Kauf eines monochromen weißen Gemäldes nur den Anlass abgibt, dass drei Freunde über ihre Beziehung zueinander in Streit geraten, umkreist "Gott des Gemetzels" beständig jene Hitzeflecken im bürgerlichen Wohlstandsleben, an denen es unter den schönen Oberflächen gefährlich gärt, und man weiß nicht warum.

Lachen über Lieblingsspieler

"Nehmen wir eine Tragödie und beschleunigen sie, so haben wir eine Komödie", stellte Eugène Ionesco einst fest. Reza befolgt die alte Regel, und  Goschs Inszenierung hält das Tempo. Die Komödie indes verliert unterwegs die Tragödie. Es bleibt beim allgemein moralischen Anspruch, der immerhin Schmerz daraus zieht, dass man so wenig an seiner Rolle als Frau, Mann, Künstler, Anwalt ändern kann. Es trifft, wenn Alain sagt: "Ich glaube an den Gott des Gemetzels. Das ist der einzige Gott, der seit Anbeginn der Zeiten uneingeschränkt herrscht." Über die Motive allerdings, warum  Veränderung so schwer fällt, verrät der Abend fast gar nichts. Man bleibt eben in seinen Rollen gefangen. Punkt.

Eindreiviertel Stunden kann man sich natürlich dennoch leidlich über die Pointen amüsieren. Das Berliner Publikum nutzte jede Chance. Selbst das übervolle Einschenken eines Wasserglases mit Rum provozierte Gelächtersalven. Man feierte seine Schauspielerstars, die man von früher gut kennt. Aber zufrieden konnte einen der Abend nicht machen.

 

Der Gott des Gemetzels
von Yasmina Reza
Inszenierung: Jürgen Gosch, Bühne: Bühne: Johannes Schütz.
Mit: Dörte Lyssewski, Corinna Kirchhoff, Michael Maertens und Tilo Nest.

www.berlinerfestspiele.de/theatertreffen
www.schauspielhaus.ch

 

 
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