"Ich bin nicht bereit, gerettet zu werden & Pandemie - Eine Wiedergängerin" vom Kunstfest Weimar

1. September 2020. Als Sommerspecial zeigten wir vom Kunstfest Weimar die von Marie Bues mit Niko Eleftheriadis inszenierte performative Kollage Ich bin nicht bereit, gerettet zu werden von Sivan Ben Yishai, die sich zu ihrem Text von einem Corona-Interview mit Frank Castorf im Spiegel inspirieren liess. Dazu gehörte Marie Bues' Theaterfilm Pandemie - Eine Wiedergängerin auf der Basis eines Texts von Natascha Gangl.

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Auf der Webseite des Kunstfests Weimar heißt es dazu:

1_Ich bin nicht bereit, gerettet zu werden*

Und bevor wir aufstehen für die  "Ich bin mir meines Privilegs bewusst"-Hymne, kurze Pause: Essen ist fertig, der Spargel steht schon auf dem Tisch und nach dem zweiten Dish treffen wir uns pünktlich um 19 Uhr auf dem Balkon und applaudieren den Pfleger*innen, die sterben – als Teil des Jobs, die sterben – damit ihr leben könnt, die sterben – und "es ist immer traurig, wenn ein Mensch stirbt (…) aber es ist der Lauf der Dinge, den wir akzeptieren müssen"; Richtig: Akzeptanz! Das Drama ist vorbei, bye, thx, next! Und jetzt klicken wir auf den "Care"-Button, because we care, und jetzt klicken wir auf den "Soli"-Button (coming soon auf deinem lokalen Facebook), der Kapitalismus hat sich seine Gegner*innen wieder einverleibt, Vulnerability ist der Hype, Empathie ist jetzt ein Slogan und hey: Frau Merkel! Können wir bitte das weinerliche Gesicht loswerden? Wir brauchen einen Anführer, keine Nanny! #freedom #MyLifeMatters #ReOpenDieFriseursalons

Eine performative Collage, erarbeitet von Privilegierten (die wissen, dass sie es sind) (und sich dessen bewusst sind) (sehr bewusst) (dass sie aus einer privilegierten Position sprechen) (und sprechen) (und sprechen) (und immer weiter sprechen)

*Frank Castorf, Der Spiegel, 28.4.2020

2_Pandemie - Eine Wiedergängerin

Was, wenn ein Virus nicht nur der schwere Befall eines Organismus wäre? Wenn es die Gesellschaft nicht in den Kollaps, sondern aus ihm herausführte? Das Virus führt eine Ärztin und einen Patienten im weitläufigen Labyrinth der Bühnenräume des HAUS DER ANTIKÖRPER zusammen. In gemeinsamer Quarantäne geben sie sich allen Phasen eines Krankheitsverlaufes mit entsprechenden Wechselwirkungen hin. Aus gegenseitiger Ansteckung, Immunisierung, Gefährdung und Heilung erwächst das Modell einer eigensinnigen, widerständigen und stolzen Gemeinschaft.

 

Ich bin nicht bereit, gerettet zu werden*
von Sivan Ben Yishai
Regie: Marie Bues, Video: Marie Bues, Niko Eleftheriadis,
Mit: Sivan Ben Yishai, Niko Eleftheriadis.

Kunstfest Weimar
Theater Rampe 

Pandemie - Eine Wiedergängerin
ein Theaterfilm von Marie Bues, Niko Eleftheriadis, Marie Ulbricht, Luise Heiderhoff und Annatina Huwiler.
Text: Natascha Gangl

Theater Rampe
Theater Lübeck
Backsteinhaus Produktion

Kunstfest Weimar

Kommentare

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#1 nk-Stream, Ich bin nicht bereit: launig-kabarettistischKonrad Kögler 2020-10-17 23:22
Das SPIEGEL-Interview von Frank Castorf, das Ende April so hohe Wellen schlug, kommt in dieser kleinen Performance, die Marie Bues als Koproduktion des Theaters Rampe mit dem Kunstfest Weimar schuf, erst gegen Ende vor.

Leitmotiv der knapp 40 Minuten ist stattdessen die Geschichte einer Entmietung: ein Investor kauft das Haus in der Altstadt von Esslingen auf, in dem Nikos Eleftheriadis (oder die Figur, die er spielt) mit seiner Mutter wohnt. Ein Jahr haben sie Zeit, eine neue Wohnung zu finden. Doch dann kommt der Corona-Lockdown dazwischen.

Die performative Collage, deren Autorin Sivan Ben Yishai mit Eleftheriadis gemeinsam auf der Bühne steht, ist ein launig-kabarettistischer Rückblick, geprägt von der relativ sorglosen Stimmung des Sommers, als die Warnungen vor einer 2. Welle im Herbst von vielen verdrängt oder lächerlich gemacht wurden.

Eingestreut in die Erzählung von der Wohnungssuche sind Rückblicke auf die ersten Meldungen aus Wuhan, die unvermeidlichen Klopapier-Hamsterwitzchen und die ersten Lockerungen des Frühjahrs. Der kleine Abend plätschert unterhaltsam dahin, so als wäre Corona nur noch eine ferne Erinnerung.

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