Besoffen vom blauen Kraftlackl

von Dorothea Marcus

Köln, 12. September 2020. Ist es tatsächlich erst 16 Monate her, seit das dramaturgisch so perfekt inszenierte Ibiza-Video in das geschäftige Treiben des Theatertreffens einbrach und fortan kaum noch ein anderes Thema besprochen werden konnte, so lustschauernd schadenfroh und zugleich ungläubig stimmte dieses Realitäts-Kabarett der Neuen Rechten, eine aberwitzige Mischung aus Inszenierung und Wirklichkeit?

Und kann es wirklich sein, dass Elfriede Jelinek über jenen Vorgang, als die FPÖ-Spitzen ihr liebliches Land Österreich an eine vermeintliche russische Oligarchennichte – eine Schauspielerin der Meisterklasse – verscheuern wollten und sich dabei filmen ließen, mit Unmengen Wodka, Red Bull, weißem Pulver (oder waren das nur komische Schatten auf dem Tisch?), sich sieben Stunden lang benahmen wie bösartige Karikaturen ihrer selbst, inklusive blonder Damendeko und Revolverheldenpose, und sich, mehr noch, danach als Opfer von bösartigen Umtrieben stilisierten – kann es also wirklich sein, dass Elfriede Jelinek bereits Anfang 2020 ein Theaterstück darüber fertig hatte

Praktische Text-Steinbrüche fürs Corona-Theater

Auch Stefan Bachmann hatte seine deutsche Erstaufführung im März geplant, dann kam die Theaterschließung – und mit der Wiedereröffnung die Corona-Auflagen. Die fast fertige Inszenierung von "Schwarzwasser" musste verworfen werden, die Neufassung ist nun ein Parcours durch das Kölner Depot geworden, jene Theaterhalle, die eigentlich nur eine Aushilfs-Spielstätte ist. Praktisch, dass sich Jelinek-Texte seit jeher als modulare Textsteinbrüche begreifen. Hier sind die 25 eng bedruckten Seiten nun auf zehnminütige Monologe verteilt, in sechs Gruppen à sieben Zuschauern gehen wir an unterschiedliche Ausgangspunkte, und die "Gruppe 6", die ich erwischt habe, beginnt auf einer barrierefreien Toilette.

                                Kassandra beim Klogang: Jörg Ratjen © Tommy Hetzel

Würdevoll öffnet Jörg Ratjen zu Wagner-Klängen in Jelinek-Perücke die Tür, trägt Badeanzug und Spazierstock, wäscht sich ausgiebig die Hände, betätigt die Spülung, und kann doch die schmutzige Banalität des Videos nicht fortwaschen: "Sie können das nicht rückgängig machen." In einer großartigen Mischung aus listigem Schmunzeln und abschätziger Distanz ist Ratjen die ewige Mahnerin, jene Kassandra der Selbstkasteiung und ewige Zeugnisablegerin: "Ich hab alles mindestens schon einmal gesagt – aber öfter geht bei mir auch", verknüpft die korrupte und zugleich mitleidheischende Selbstdemontage der "neuen Patrioten", die ihr "Vaterland hinter sich herschleppen wie eine blutige Nachgeburt" mit dem Ausverkauf von Wasser oder Meeren mit Leichenbeilage, surft souverän auf den Bedeutungsmöglichkeiten von "richten" und "verfassen", bis sich wieder die Toilettentür schließt.

Es ist immer noch Zeit für Disco

Mit einem hellen Foyerglöckchen werden wir weitergelotst, vorbei an grinsenden Strache-Plakaten und Werbeslogans "Team Strache – Allianz für Österreich". Jelinek-Textteile erscheinen als bunte Graffitis auf den Wänden, sie eignen sich als Poesiealbum-Aperçus: "Es ist immer noch Zeit für die Disco nachher" steht da, oder "Eintritt macht frei", denn selbstverständlich wird thematisiert, dass die neuen Rechten nur alte Nazis imitieren, denn "wir haben es damals nicht zu Ende führen können". Im Heizungskeller, zwischen Putzlappen und Rohrgewirr übernimmt nun Peter Knaack im Bademantel mit Geld-Aufdruck und referiert über die Gesetze, die Populisten gerne für sich selbst beschließen und das ausgiebig gelebte Opfertum ("Opfer sein ist schön! Selbst ist das Opfer"), setzt sich in einen Transporter, ruckt sich nach draußen vors Theater und wieder hinein.

                               Im Brause-Rausch: Tom Radisch © Tommy Hetzel

Aus einem nebligen Gang dröhnt bassiger Techno, und ganz allein darf jeder draußen einen Wohncontainer umrunden, um sich das Re-Enactement des Ibiza-Zimmers anzugucken, ein lichtzuckender Wirklichkeitsschock, der zeigt, wie ikonisch sich das Bild schon in unser Unterbewusstsein eingegraben hat: ein lebensgroßer Papp-Gudenius zückt da die Glock, ein Papp-Strache hält den Daumen hoch, eine Papp-Ehefrau sitzt dekorativ daneben, Abziehbild der Karikatur von Wirklichkeit. Und auf dem Beistelltisch: Red-Bull-Dosen, übervolle Aschenbecher, Wodka, eine Kunst-Installation des hämischen Grauens.

Dionysisches Feierkoma

Und schon macht sich ein durchdringend süßlich-bitterer Red Bull-Geruch bemerkbar, der sich nicht mehr verflüchtigen wird. Vera Flück rülpst ihn uns brüllend entgegen, Lola Klamroth trinkt das Zeug in der kleinen Containerspielstätte "Grotte", während sie an einer Polsterwand Gymnastik vollführt, Tom Radisch liegt platschnass zwischen leeren Dosen unter der Zuschauerempore, und Nicola Gründel wälzt sich im Lastenfahrstuhl gleich in einem ganzen Red Bull-See, umgeben von Dosen. Zuvor hatte sie noch lasziv telefoniert darüber, dass sich die Jugend ins Klima einmischt und dort Männer den Frauen gleichgestellt sind. Und wie immer gehört bei Jelinek natürlich alles mit allem zusammen, wird das dionysische Feierkoma frei mit Euripides "Bakchen" verwoben, der kapitalistische geplante Verkauf der Ressourcen mit dem Klimawandel, die Rückkehr der Rechten ("das Brausen, mit dem unser Land uns bald wieder feiert") mit ihrer Abwehr von Geflüchteten: "Gehen wir im Meer baden, so lange es noch eins ohne Leichenbeilage gibt".

Virus Populismus

Populismus, nach Jelinek, ist wie ein Virus, das alle Lebensbereiche infiziert – da war von Corona noch lange nicht die Rede. Schön ist es, wie Stefan Bachmann den Rundgang mit Assoziationszeichen zusammenhält, wiederkehrende Bademäntel mit Geld-Aufdruck kondensieren etwa präzise das Bild toxischer Männlichkeit. Erstaunlich, wie gut der szenische Parcours zum Jelinek-Text passt, wie er sich mäandernd um die Arbeitsorte des Theaters schlingt, mit Gerüchen, Utensilien, Kabeln zu kommunizieren scheint. Zwar entstehen da zwischen den Etappen manchmal Längen und Wartezeiten, aber in der Theaterkulisse gibt es viel zu gucken, jeder Schauspieler-Monolog ist dann wieder ein Ereignis. Der Abend ist eine leichtfüßige und schwergewichtige Text-Installation, eine trotzige Wiederinbesitznahme des Hauses, eine Grenzüberschreitung von Theater und Bildender Kunst. Am Ende dürfen wir uns sogar selbst eine Red Bull-Dose nehmen, das "Kraftlackl-Elixier", aber der Durst ist uns vergangen. 

 

Schwarzwasser
von Elfriede Jelinek 
Regie: Stefan Bachmann, Bühne: Florian Lösche, Kostüm: Jana Findeklee, Joki Tewes, Komposition und musikalische Einrichtung: Matti Gajek, Choreografie und Körperarbeit: Sabina Perry, Ausstattung szenischer Parcours: Katrin Lehmacher, Licht: Jan Steinfatt, Dramaturgie: Sarah Lorenz.
Mit: Vera Flick, Nicola Gründel, Lola Klamroth, Peter Knaack, Tom Radisch, Jörg Ratjen.
Premiere am 12. September 2020
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.schauspiel.koeln

 

Kritikenrundschau

"Ein sehr guter Abend ist das geworden, bedrückend, berückend, befreiend", schreibt Christian Bos im Kölner Stadtanzeiger (14.9.2020). Stefan Bachmann habe der im März nicht mehr zur Premiere gekommenen Inszenierung eine neue, nämlich virale Form gegeben, und den "vielzeiligen Jelinek-Code" über das gesamte Depot verteilt. "Das ist mit Wartezeiten verbunden, als logistische Aufgabe ist die Produktion der Dechiffrierleistung der Zuschauenden ebenbürtig; dafür gewähren die intimen Zwischenwege intime Einblicke ins Zusammenspiel der Gewerke, und jede Szene erscheint als kostbares Geschenk."

"Bachmann musste sein Konzept zwar zertrümmern, doch dessen Splitter glitzern im faszinierenden Labyrinth des Depots um die Wette", schreibt Hartmut Wilmes in der Kölnischen Rundschau (14.9.2020) über den szenischen Parcours durch den Text." Virtuos nutze Bachmann die Freiheiten der Regie, um ein Hybrid aus Theater und Installation zu erschaffen, das überall Funken schlägt.

 

 
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