Hochseil-Spaziergang in düstere Höhen

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 12. September 2020. Im Februar nächsten Jahres wäre die britische Dramatikerin Sarah Kane 50 Jahre alt geworden. Erst 50 Jahre. Sie selbst sorgte dafür, dass es nicht so weit kam, indem sie sich mit 28 Jahren das Leben nahm. Hinterlassen hat sie fünf Stücke, welche die Makel der Welt mit der eigenen Unfähigkeit, zu leben in eins setzen. "Gier" ist das vorletzte von ihnen und ihr wohl kryptischstes. Von einem theatral-poetischen Langgedicht spricht das Programmheft folgerichtig.

Kathedrale des Existenzschmerz

Vier Stimmen, C, M, B und A umkreisen darin ein splitterndes Ich und verlieren nicht viele Worte. Der Regisseur Robert Borgmann, bekannt für seine kühnen Bühnen- und Bildentwürfe macht daraus eine üppige Oper des Schmerzes. Die Spielfläche im Bockenheimer Depot ist ein Laufsteg im Breitbildformat, zu dessen Längsseiten die Zuschauer*innen in zwei langen Reihen Platz nehmen.

Links auf einem Podest tanzt wie aufgezogen Heiko Raulin, in der Mitte führen Stufen zu einer Schlafstatt, dort liegt Laura Sundermann, zu Anfang mit schwarzer Maske vorm Gesicht und langen grauen Haaren, später dann als junge, verzweifelte Frau. Daneben verendet ein Kleinwagen und ganz rechts pflanzt sich ein mächtiger Baumstamm aus dem Boden. Samuel Simon ist mal da, mal dort und Marta Kizyma spaziert schwindelerregend auf einem Hochseil über den Dingen.

GierCrave1 560 Robert Schittko uDüstere Bilder, virtuelle Welten, schwarze Masken: Heiko Raulin in Robert Borgmanns "Gier:Crave" © Robert Schittko

Tom Müller und Philipp Weber wiederum erzeugen Live-Musik mit Gitarre, Elektronik, dem eigenen Körper und anderem mehr. Ein zu Beginn vor allem laut dröhnender Sound, der den englischen Originaltext untermalt. Der deutsche Text wird zunächst nur auf einer Tafel eingeblendet. An beiden Seiten der Bühne stehen zudem noch Leinwände, die mal die abgefilmten Figuren auf der Bühne zeigen, mal Seelenlandschaften wiedergeben: Meereswellen, Graslandschaften, virtuelle Welten. Das alles zusammen fügt sich zu einer Überforderung. Alles geschieht gleichzeitig, niemand kann alles im Blick haben.

Sich aufspaltendes Ich

Diese Überforderung mag der Überforderung des sich aufspaltenden Ichs in "Gier" gleichen. Dabei schließt Robert Borgmann den Text nicht auf, sondern generiert Bilder, die den Gefühlskosmos des Stücks einkreisen. Kanes Versuch, sich selbst zu entziffern mündet hier in ein vielschichtiges Panorama des Schmerzes. Im Original heißt das Stück "Crave", ein umfangreicherer Begriff als Gier, zielt er doch explizit auf die Sehnsucht und das Begehren.

Der Liebesgeschichte, die sich aus dem Stimmenwirwarr schält, ist die Enttäuschung ebenso eingeschrieben wie der Missbrauch. Borgmann lässt viel Originaltext sprechen, der schärfer und brillanter tönt, und rückt dem Stück ansonsten gewohnt undezent zu Leibe. Doch es ist gerade das Unbotmäßige seiner Regie, das dem ausgesprochenen Wahnsinn Sarah Kanes gut bekommt.

GierCrave2 560 Robert Schittko uKräftespiel in "Gier:Crave" mit Heiko Raulin und Samuel Simon und einem Auto, das nicht anspringen will © Robert Schittko

Beide haben sie ein Faible für lakonische Einsprengsel, herzzerreißendes Pathos und die Freiheiten des Inkommensurablen. Immer wieder erklingen an diesem Abend dieselben Sätze, wiederholen sich Szenen wie erneut durchlebte Erinnerungen oder Traumata. Die motorische Unruhe seelisch Verwahrloster treibt die Inszenierung an. Bilder der Verzweiflung und Grausamkeit gesellen sich zu denjenigen der Daseinsqual und der unerfüllten Liebe. Ebenso wichtig wie der Bildreichtum ist die Tonspur des Abends. Die beiden Musiker klopfen den Text sorgfältig ab, lauschen ihm nach, übersetzen ihn in Ton- und Klanglandschaften. Alles zusammen türmt sich an diesem Abend zu einer Kathedrale des Existenzschmerzes und der bodenlosen Traurigkeit.

Großer Erlöser

Das geht nicht ohne Peinlichkeit ab, manchmal trieft es vor Horrorkitsch, dann wieder tritt alles furchtbar auf der Stelle. Ein kaputter Anlasser dient als Sinnbild für ein nicht gelingendes Leben. Irgendwann steht Heiko Raulin auf dem Baumstamm und jodelt, und man ahnt, dass das genauso viel mit ihm selbst zu tun hat wie mit Sarah Kane. Nie aber hat man das Gefühl, es stecke keine Absicht dahinter. Der Abend soll strapazierend sein und er strapaziert. Zuweilen schmettert er einen regelrecht nieder in seinem Versuch, Szenen der Trauer mit solchen der Ekstase zu verbinden.

Dass nur ein Buchstabe das Wort Crave vom Wort Grave (Grab) trennt, kann kein Zufall zu sein. Denn der Tod tritt hier als der große Erlöser in Erscheinung. Am Ende gewährt die Aufnahme eines frei laufenden Tieres einen seltenen Moment der Ruhe und des Glücks. Eine Theatererfahrung, die man nicht alle Tage macht.

Gier:Crave
von Sarah Kane
Deutsch von Marius von Mayenburg
Regie und Bühne: Robert Borgmann, Kostüme: Bettina Werner, Video:Krzysztof Honowski, Musik: Tom Müller, Philipp Weber, Dramaturgie: Lukas Schmelmer.
Mit: Marta Kizyma, Heiko Raulin, Samuel Simon, Laura Sundermann.
Premiere am 12. September 2020
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.schauspielfrankfurt.de

 

Kritikenrundschau

"Auch wenn es immer erfreut, Sarah-Kane-Text über weite Strecken auf Englisch zu hören", schreibt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (14.9.2020), "stellt sich die Frage, ob eine durchgängig deutsche Fassung die Dürftigkeit der Unternehmung womöglich zu deutlich herausgestellt hätte." Interessanter als diese "Tändelei mit Kostümen , mit Abschweifungen" scheint die Kritikerin einen Programmheftbeitrag zu finden, in dem Sarah Kane fragt: "Warum kann Theater nicht so packend sein wie ein Fußballspiel?" Der "Fußballvergleich" jedenfalls falle für diese Inszenierung "auch nach einem mäßigen Pokalnachmittag katastrophal aus".

Mit starken Umsetzungen finde Robert Borgmann einen Weg, um ein Maximum an Gefühlen zuzulassen, so Bettina Boyens in der Frankfurter Neuen Presse (14.9.2020). Borgmanns Begeisterung und "heiße Liebe" sowohl zu den Stücke Sarah Kanes als auch zum Spielort Bockenheimer Depot sei in jeder Premierenminute zu greifen, "auch, wenn nicht jeder Einfall zündet, streckenweise Überforderung, Langeweile und szenische Willkür die Nerven strapazieren".

"Man könnte meinen, die Gier nach Relevanz, nach Spiel und Publikum setze in Künstlerinnen und Künstlern entsprechend explosive Kräfte frei", schreibt Christiane Lutz in der Süddeutschen Zeitung (17.9.2020), um dann gleich klarzustellen: "Am Schauspiel Frankfurt allerdings ist wenig zu spüren von Dringlichkeit oder Sehnsucht." Der "Fehler" in Robert Borgmanns installativer Inszenierung liege "in der Annahme, dass man Bilder schaffen könnte, die einem Text wie 'Gier' ebenbürtig sind oder auch nur für ihn stehen könnten." Dabei gerate der Text allerdings zum bloßen "Beiwerk".

 

 
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