Auf Probe

von Tobias Prüwer

Dresden, 16. September 2020. Wie anfangen? Wie neu anfangen? Wenn das Leben von Beginn an nur auf Probe, weil zerbrechlich ist – wie uns gegenwärtig besonders bewusst wird? Sebastian Hartmann lässt sich einfach treiben, wie es seine Art ist. In "Der nackte Wahnsinn + X" erfindet er einen wilden, hoch emotionalen Assoziationsreigen, in dem alles auf dem Spiel steht.

dernacktewahnsinn 002 presse fotosebastianhoppeUnterm Sternenzelt der existenziellen Fragen: Yassin Trabelsi, Philipp Lux © Sebastian Hoppe 

Bühne und Hinterbühne des Dresdner Staatsschauspiels sind zum Weißraum ausgeleuchtet. Oft bleibt er leer. Zwischendurch werden mal ein Klavier, ein paar Bauzäune oder eine Wand mit Türen und dem Schriftzug "Wahnsinn" von Technikern mit Mundnasenschutz vorbeigeschoben. Diesen Charakter des Provisoriums hält auch die Spielebene durchgängig aufrecht. Die bei Michael Frayn angelegten Perspektivwechsel – Generalprobe, Tourneespiel und letzte Aufführung eines türenklappernden Boulevardstücks, in der alles schief geht – gibt es hier nicht. Man erlebt eine Theatertruppe, die dauerhaft mit sich ringt, loszulegen, Spannung aufzubauen und daran scheitert.

Immer misslingt etwas

Das "+ X" im Titel deutet an, dass Hartmann keine reine Wiedergabe des Boulevardklassikers über drei Aufführungen einer Provinztheatertruppe plante. Er hat einen eigenen Monolog beigesteuert. Anders als vor neun Jahren in Leipzig arbeitet er sich nicht mit spitzer Übertreibung an den Bühnenkonventionen ab. In Dresden wird er grundsätzlicher, verzichtet auf die im Text angelegten Mittel wie den Einsatz der Drehbühne. Bilder erzeugen Projektionen an die Hinterwand, ein bisschen Nebel sowie einzelne Spotlights und Strahlerwände. Drückende elektronische Livemusik (Samuel Wiese) fügt akustischen Bombast hinzu.

Lose geben die Darstellenden einige Fragmente von Michael Frayns Originalstoff wieder. Wirklich folgen kann man dem nicht, aber man bleibt durchs um alles ringende Spiel an den Tableaus des Scheiterns hängen. Da treten vom herrischen Kunstgeneral bis zum kumpelnden Hanswurst allerlei Regisseurklischees auf. Aus dem Off meldet sich der Inspizient in Wort und Bild. Und immerzu misslingt etwas, stimmt die Requisite nicht, laufen Verabredungen ins Leere, klemmt ein Reißverschluss oder erfolgt der falsche Einsatz. Die Szenen strotzen vor Theaterjargon. Das ist schickes Spiel aller Darstellenden. Und ihr Timing zeigt: Sie hätten die klassische Screwballkomödie gemeistert – wäre es darum gegangen.

Die Luft rauslassen

Denn hinter dem ulkigen Dauerzustand des Scheiterns offenbart sich eine existentielle Ebene, die übers Theater hinausweist. Anders als in Frayns Stück bekommen die Schauspielenden den Abend nie fertig. "Ich kriege diesen Wahnsinn nicht zusammen", stöhnt eine Regisseurtype einmal. Den entstehenden lebendigen Bildern fehlt auch jede komödienhafte Lockerheit und Leichtfüßigkeit, sie sind emotional bedrückend. Während die Kultur strauchelt, ziehen im Hintergrund projizierte Wale ihre Kreise, tauchen ein Korallenriff und das Innere eines Organismus auf. Ein Dinosaurierdarsteller ringt um Atem und mehrfach geht es ums Luftrauslassen aus Aufblastieren und Szenen. Dann zieht im Hintergrund der Kosmos auf, in dessen Vakuum die Erde nur eine winzige Blase ist.

dernacktewahnsinn 018 560 sebastian hoppe uIm Weißraum: Torsten Ranft, Cordelia Wege © Sebastian Hoppe

Diese symbolisch aufgeladenen Bilder kann man pathetisch finden. Oder als Wendung des Stoffs zur existentiellen Frage. Denn wie sollen die Menschen wieder anfangen, weitermachen, wenn alle gesellschaftlichen Verabredungen ins Wanken geraten sind? Wenn nur auf Probe und Wiederruf so ein Zusammenleben in Distanziertheit möglich ist? War die Natur jemals mehr vom Menschen bedroht als heute, während das Virus nun alles Gesellschaftliche zum Stillstand bringt? Das mögen Fragen sein, die Sebastian Hartmann bewegt haben, das theatrale Provisorium auszuweiten. Gerade auch, als der den Schlussmonolog verfertigte.

Am Ende hypnotisch

Der dreht sich um viele Ismen, um Gewalt, Feuer, Alltägliches und Kunstgriffe. Alles, was sich reimt, wird hier zusammengefügt, während das lyrische Amalgam um den "Tod im Bett" kreist, der sich als zitierte Konstante durchzieht. Inhaltlich ist das alles und nichts. Aber der lange Monolog wird von einer großartigen Cordelia Wege gegeben, die ihn mit wenigen stimmlichen und gestischen Untermalungen in den Raum spricht. Nur von hinten mit einem Spot angestrahlt steht sie da, eine neongrüne Qualle schwebt projiziert über ihr. Der Klang von Weges Worten hat etwas Hypnotisches, was vielleicht den Wahn spiegelt, mit dem sich Sebastian Hartmann textlich auseinandersetzt. Das zu wissen, ist aber nicht wichtig. Hier zählt allein die Faszination des präzisen, unmittelbaren Moments. Wenig Wunder, dass der Kritiker bei den letzten Worten rätseln muss. Hieß es da: "Endlich, Atemzug" oder "Endlich atemlos"? Das Flüchtig-Zerbrechliche verfestigt sich zur Frage.

 

Der nackte Wahnsinn + X
von Michael Frayn
aus dem Englischen von Ursula Lyn
Regie und Bühne: Sebastian Hartmann, Kostüme: Adriana Braga Peretzki, Musik: Samuel Wiese, Video: Christian Rabending, Schnitt: Thomas Schenkel, Diana Stelzer, Animation: Tilo Baumgärtel, Licht: Andreas Barkleit, Dramaturgie: Jörg Bochow.
Mit: Nadja Stübiger, Luise Aschenbrenner, Cordelia Wege, Yassin Trabelsi, Ursula Hobmair, Viktor Tremmel, Torsten Ranft, Eva Hüster, Philipp Lux; Samuel Wiese (Live-Musik), Christian Rabending (Live-Kamera).
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause
Premiere: 16. September 2020

www.staatsschauspiel-dresden.de

 

Kritikenrundschau

Hartmann zeige "dekomponierte Bruchstücke eines Stücks, das seinerseits vom Zerfall der Welt erzählt, und vom Scheitern, sie auf der Bühne in die Logik einer Erzählung zu bringen", so Eberhard Spreng in Deutschlandfunk Kultur (16.9.2020). Das Theater-im Theater inszeniere er als "ironisch-lakonische Revue", die sich weit von der dramatischen Vorlage entferne. Das "…+X" im Titel sei eine von Cordelia Wege überzeugend vorgetragene Wortkaskade, die Sebastian Hartmann mit starken grafisch verfremdeten Bildern unterlege: "Ein Lautgedicht mit dadaistischen Zügen zu apokalyptischen Bildern einer im Schnee versinkende Stadt …  Assoziationskaskaden eines Geistes in Agonie?" In diesem 20-Minüter sei Hartmann "wieder auf dem Niveau seiner rauschhaften Theaterrituale". Doch Frayns Komödie wirke hier nur als Vorspiel, damit die Inszenierung auf die abendfüllende Länge komme.

Postdramatisch inszeniere Sebastian Hartmann die Michael Frayn-Komödie, so auch Stefan Petraschewsky bei MDR Kultur (17.9.2020). Die klassische Regisseurrolle werde "quasi unendlich aufgeblasen", Torsten Ranft spiele den Regisseur und parodiere zugleich Castorf, er trete als Clown auf, "die Zirkusmethapher als Bild der Welt schwingt mit, zeigt mehr als nur Frank Castorf, den Theatergott", so Petraschewskiy. In Hartmanns Monolog agiere Cordelia Wege "meisterhaft" und verleihe dem Text "viele Farben" – und doch findet der MDR-Kritiker das "Strickmuster", nach dem Hartmann auch schon "Lear / Die Politiker" inszeniert habe, "etwas unbeholfen und nachgemacht". Im Monologtext gebe es starke Bilder und starke Worte, aber "es fehlt mir eine Tiefe und eine literarische Qualität, auch eine zweite Dimension, ein Flow", so Petraschewsky. Der Mix aus Pleiten, Pech und Pannen sei im Komödien-Teil "herrlich pointiert und witzig" auf die Bühne gebracht, und so bilanziert der Kritiker: "Am Ende ist es für mich trotz literarischer Schwächen im Epilog ein gelungener Abend".

Viel bleibe nicht von der Vorlage, schreibt Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (19.9.2020): Hartmann reduziere Hartmann-getreu das Original "auf ein paar lose herausgehauene Bestandteile" und blase diese "auf seine hochgestochen-ausgelassene Manie zu einer verrückten, ungezügelten, anmaßenden Performance" auf. An Frayn vorbei erzähle die Inszenierung (aka der "Regie-Hackbraten") viel vom nackten Wahnsinn einer Theaterproduktion, "von der Gefährdung künstlerischer Träume und den Mühen des alltäglichen Spielbetriebs". Theatralisch überzeugend, intensiv und einfallsreich bringe Hartmann "diesen Alptraum" über die Bühne. Im "+ X" allerdings nehme sich die zuvor bewusst anarchische Vorstellung "plötzlich schrecklich ernst", so Bazinger. "Und Sebastian Hartmann, der stolze Stückezertrümmerer, lässt seinen eigenen Text weihevoll und bombastisch deklamieren, was ihn nicht besser macht."

Starke Soli der Spieler*innen und Schauwerte von Kostüm bis Animationen hielten einen Abend über Wasser, der die Frayn’sche Farce durch den Fleischwolf drehe und "immer wieder in die „Klamottenkiste des Meta-Theaters greift", schreibt Wieland Schwanebeck in den Dresdner Neuesten Nachrichten (18.9.2020). "Dass schwaches Material nicht stärker wird, wenn man es im Dialekt vorträgt, gilt nicht nur auf der Kabarettbühne, und dass die gattungstypischen Zoten links liegen gelassen werden, sich das Ensemble dann aber untenrum freimachen darf, dürfte Geschmackssache bleiben." Der Schlussmonolog erinnere "inhaltlich zwar etwas an die Fieberfantasie eines über seiner James-Joyce-Hausarbeit eingepennten Studenten", aber hier sei der Regisseur möglicherweise der Farce doch am nächsten gekommen. Dem Wortsinn nach sei diese "ja auch nur ein Füllsel, das man auf den Teller legt, wenn der Hauptgang eher überschaubar geraten ist".

Zum Niederknien sei das audiovisuelle Gesamtkunstwerk, das Sebastian Hartmann mit Tilo Baumgärtel (Video), Andreas Barkleit (Licht) und Samuel Wiese (Musik) geschaffen habe, schreibt Johanna Lemke in der Sächsischen Zeitung (18.9.2020). Werde Frayns Farce meist akribisch als "Tür-auf-Tür zu-Komödie" inszeniert, fragmentiere Hartmann alles: "Bühnenbildteile werden planlos über die Bühne geschoben, Schauspieler irren in Kostümrudimenten umher, Textteile werden aneinandergereiht." Auf geniale Weise holten die Schauspieler*innen Frayns Blick hinter die Kulissen ins Heute, imitierten Schauspieler-Gehabe und -Allüren. Um Corona komme die Inszenierung nicht herum, auch wenn die Abstände nur selten auffielen. "So wie die Menschen in Pandemie-Zeiten probieren die Darsteller auf der Bühne, irgendwie einen Umgang miteinander finden", so Lemke. "Funktioniert noch das, was wir kannten? Oder muss ein neues Requisit her?"

"Jede Szene bleckt hier ihre Zähne und reißt das Stück in Stücke", freut sich Hans-Dieter Schütt im Neuen Deutschland (25.9.2020). "Die Verwechslung ergreift die Macht, das Missverständnis startet Attentate; das Unglück organisiert, wie überall, seinen Lieblingszustand: sich selbst." Dann aber dringe es "in den zwei Spielstunden doch immer wieder ins bedrückend Existenzielle". "Grandios" sei Torsten Ranft als Regisseur, "umwerfend" Cordelia Weges Schlussmonolog: "Saitenspiel auf den eigenen Nervensträngen. Ein Lebenstotentanz mit einer Stimme, die das Vokaldunkle wie etwas Schluchtgefährliches liebt." Hartmanns Abend sei eine "Komödie", die "haltsuchend" die "Hand der Tragödie" ergreife.

 
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