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Die braune Soße ist geronnen

von Gabi Hift

Wien, 17. September 2020. Was für ein Coup! Peymann eröffnet die Saison am Theater in der Josefstadt! Für Nicht-Wiener, die vielleicht nicht wissen, wie sensationell das ist: Peymann kam als wilder Revoluzzer 1986 als Direktor ans Wiener Burgtheater, erklärte alles für verstaubt und sich zum einzigen Retter. Ein Deutscher! Piefkinese! Aus anfänglichem Hass entwickelte sich zwischen ihm und den Wiener*innen eine der großen Liebesgeschichten der Theatergeschichte. Und mit "Heldenplatz" von Thomas Bernhard gab es den größten Theaterskandal der Nachkriegszeit. Irgendwann ging er weg, ans Berliner Ensemble, und nun ist er "frei", aber der neue Burgtheater-Intendant Martin Kušej wollte ihm nichts anbieten.

Teufelchen Bernhard

Das Theater in der Josefstadt wiederum galt lange Zeit als das konservativste aller Wiener Theater, wenngleich mit ausgezeichneten Schauspieler*innen. In Bernhards "Heldenplatz" sagt eine Figur: "Im übrigen werden an der Josefstadt selbst die allerernstesten Tragödien als Operetten gespielt." Nun also der Ex-Revoluzzer Peymann an der Josefstadt, und dann auch noch mit Dramoletten von Thomas Bernhard, in denen es, wie in "Heldenplatz", um die Allgegenwart der Nazivergangenheit geht, die Nichtaufarbeitung und Verdrängung in all ihren scheußlichen Facetten.

DeutscheMittagstisch1 560 PhilineHofmann uTafelrunde: Das Ensemble im Bühnenbild von Achim Freyer © Philine Hofmann

Peymann und sein Bühnenbildner Achim Freyer haben alles getan, um den Verdacht, sie könnten jetzt in der altersmilden Operettenfraktion gelandet sein, von Anfang an zu bestätigen: An den Seiten eine lange Reihe aus lauter gemalten Prospekten von nach hinten immer kleiner werdenden roten Vorhängen, ein schräges Bühnenboden-Ei, an der Hinterwand gemalte Bilder für jede Szene. Oben am Portal  der Vorhang durch ein Wappen zusammengerafft, das Thomas Bernhard als putzigen Teufel mit roten Hörnern und roten Blinkaugen darstellt, in den Händen zerquetscht er zwei rosa Putten, das gemalte Blut rinnt zwischen seinen Fingern heraus. Man denkt ans barocke Puppentheater, an den historischen Wiener Praterkasperl, dem Peymann ohnehin sehr ähnlich sieht – und hofft, dass er zusammen mit Bernhard dem Nazikrokodil wieder ordentlich eins auf die Zwölf geben wird.

Ein "Toter" auf der Landstraße

Das funktioniert bei manchen Szenen gut, bei manchen weniger, was nicht an Peymann oder den wunderbaren Schauspieler*innen liegt, sondern daran, dass die Dramolette Kabarettszenen sind, die um 1980 herum von Bernhard als tagesaktuelle geschrieben wurden und die von sehr unterschiedlicher Qualität sind.

DeutscheMittagstisch2 560 PhilineHofmann uFalsches Leben im richtigen Badeurlaub: Ulli Maier, Robert Joseph Bartl, Michael König, Traute Hoess © Philine Hofmann

In "A Doda" entdecken zwei Nachbarinnen auf dem Heimweg von der Kirche auf der Landstraße ein Bündel, das sie für einen Toten halten. Ulli Maier als furios kombinierende, niederbayerische Miss Marple und Lore Stefanek als unter ihrer Fuchtel stehende Angsthäsin beißen sich mit riesiger Lust durch die Bernhard'schen Denkschleifen. Leider ist die Pointe matt: es ist gar kein "Doda", sondern eine Rolle mit Hakenkreuzplakaten, die dem Ehemann der einen Nachbarin vom Moped gefallen sein muss.

Schauriger Sprachwitz

Die zweite Szene dagegen, "Marienandacht", ist die beste. Zwei resche Dorfbewohnerinnen mit ganzen Rosenbüscheln im Dirndldekolletée (Kostüme Margit Koppendorfer) reden über einen Mann aus dem Dorf, der einen tödlichen Unfall hatte. Wie eine giftige Blüte öffnet sich ein Universum aus Begehrlichkeiten, Neid und Sehnsüchten. Bis sich das Knäuel aus Enttäuschung und Frustration in Hass gegen den Ausländer, den Türken, hineinschraubt, in dessen Fahrrad der Verstorbene hineingelaufen ist, ohne zu schauen. Und Traute Hoess in einer fulminanten Bernhard-Suada beim "Alle vergasen müsst ma die" landet. Da stimmt einfach alles, jede psychologische Wendung, jeder schaurige Sprachwitz.

Ganz flach und endlos zäh leider "Alles oder nichts", in dem drei Politiker in einer Promi-Quiz-Show um die Wählergunst buhlen müssen und schließlich die Gewissensfrage "Sind Sie im Herzen / Nationalsozialist?" alle drei mit Ja beantworten. 1979 als Schnellschuss geschrieben, wollte Siegfried Unseld die Szene nicht drucken, sie sei zu "billig witzig". Aktuell daran soll sein, dass Politiker vor der Wahl bereit sind, den ärgsten Schwachsinn mitzumachen, wenn sie hoffen, dass es ihnen Stimmen bringt. Ja, eh. 

DeutscheMittagstisch3 560 PhilineHofmann u"Alles oder nichts": Sandra Cervik, Bernhard Schir (vorne), André Pohl, Marcus Bluhm, Raphael von Bargen (hinten) © Philine Hofmann

Am erschreckendsten ist "Freispruch". Drei Paare feiern den Freispruch eines KZ-Massenmörders, ein befreundeter Richter hat die Anklage fallen lassen. Sie sprechen konkret von Buchenwald. Die Männer schwärmen von den Polinnen, die sie zur Prostitution gezwungen haben und die nach Auschwitz geschickt wurden, wenn sie nicht pariert haben. Am Ende der Szene singen alle gemeinsam lauthals das Horst-Wessel-Lied – nicht bloß als Zitat, sondern eine ganze Strophe. Mir ist sehr unwohl dabei und ich bin sehr unsicher, ob man das überhaupt noch aufführen sollte. Vielleicht soll hier ein Zusammenhang mit Vorkommnissen in der FPÖ gezogen werden, deren Parteimitglieder Nazilieder gesungen haben. Aber diese Zusammenhänge sind so allgemein, dass sie falsch sind. Die Nazis in der FPÖ sind keine Täter von damals. Wenn etwas "wie damals" ist, dann vielleicht in mancher Hinsicht wie 1930 – aber bestimmt nicht wie für Altnazis 1975.

Den Nationalsozialismus mit dem Löffel gefressen

Nur in der allerletzten Szene, dem titelgebenden "Mittagstisch", kommen Figuren vor, die heute noch leben könnten: die Enkel und Urenkel der Familie Bernhard. Mutter hat Suppe gekocht, die Enkerln sitzen ums Bühnenrondell als wär's ein riesiger Tisch – und legen die Köpfe auf die Kante. Und genau so, wie es in den 70er Jahren an den deutschen Mittagstischen war, fangen die Kinder an zu sagen, wer alles ein Nazi ist, bis der Vater (Michael König) brüllt: "Nazisuppe! In jeder Suppe findet ihr die Nazis!" Worauf die Mutter (Traute Hoess) sich entschuldigt: "Wir bekommen in ganz Deutschland keine Nudeln mehr, es quellen immer nur noch Nazis heraus. Ich kann nichts dafür!" Und statt der Weisheit haben alle diese Kinder den Nationalsozialismus mit dem Löffel gegessen. Das ist zum Abschluss ein scharfer Wortwitz. Und ein schönes Bild.

Aber vieles andere ist leider verstaubt. Denn es stimmt eben nicht, was Peymann in Interviews sagt: Bernhard sei visionär gewesen und habe die Rückkehr der Nazis vorhergesehen. Er hat in den guten Szenen sprachlich sehr genau eine Gemeinschaft von Tätern beschrieben, die ihre Verbrechen verleugnen und eine ganze Gesellschaft auf der Basis von Verdrängung aufbauen. Aber was jetzt geschieht, ist keine Wiederholung von Nachkriegsverdrängung. Die jetzigen Rechten haben mit Ausnahme von verurteilten Tätern (noch) nichts zu verdrängen. Es ist eben nicht alles genauso "wie damals". Aber es ist dennoch so gefährlich, dass wir auf dem Theater viel mehr Genauigkeit bräuchten.

 

Der deutsche Mittagstisch
von Thomas Bernhard
Regie: Claus Peymann, Bühnenbild: Achim Freyer, Kostüme : Margit Koppendorfer, Dramaturgie: Jutta Ferbers, Bühnenbild Mitarbeit: Victoria Philipp, Musik, Geräusche: Jan Brauer.
Mit: Ulli Maier, Lore Stefanek, Robert Joseph Bartl, Sandra Cervik, Traute Hoess, André Pohl, Raphael von Bargen, Marcus Bluhm, Michael König, Bernhard Schir.
Premiere am 17. September 2020
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

www.josefstadt.org

 

Kritikenrundschau

"Zaghaft applaudiert das Publikum. Dies war in der Inszenierung der einzig wirklich beklemmende Moment", schreibt Martin Lhotzky in der FAZ (21.9.2020). Die bewusst als Provokation geschriebenen Szenen hätten ziemlich viel Staub angesetzt und empören niemanden mehr. Das Ensemble führe altbacken wirkendes Theater auf. Fazit: "Dass man von Claus Peymann offenbar heute nicht mehr erwarten darf, bleibt als traurige Conclusio aus dem noch dazu überlangen Abend zu ziehen."

"Das weiß-blaue Personal Thomas Bernhards, reich an Jahren und von unvermindert brauner Gesinnung, hat sich anno 2020 ins Varieté geflüchtet", meint Ronald Pohl im Standard (18.9.2020). Regisseur Claus Peymann wolle "mitten im achten Bezirk ... jenen Höllenspaß liefern, den ihm, an anderer (älterer) Wirkungsstätte, Martin Kušej verwehrt". "Fix in der Vergangenheit" beließen Peymann und sein Bühnenbildner Achim Freyer "die Empörungsanlässe dieser Anti-Heimatliteratur", die Figuren – "niedliche Wiedergänger der alten Nazi-Chargen, aus grobem Puppenholz geschnitzt" – seien Bernhards Kindheitswelt am Traunstein verpflichtet: "ein Nest von tortenfressenden Visconti-Vampiren". Gespielt werde "mit tobender Inbrunst", Schauspielerinnen wie Lore Stefanek und Traute Hoess brächten die Bernhard-Suada zum Glühen – und auch wenn manches heute "weitgehend witzlos" geworden sei, behalte Peymann sein "Händchen für das Herunterziehen von Charaktermasken". "Wer sonst", fragt der Rezensent, "soll Bernhard derart treffsicher inszenieren?"

"Vergangenheitsbewältigung als Softporno", urteilt Norbert Mayer von der Presse (18.9.2020). Wie die Vorstellung gewesen sei? Mit einer Romanfigur Bernards: "'Entsetzlich.' Wir schauen längst schon sentimental in 'eine Senkgrube der Lächerlichkeit'. Peymanns Elan ist zur sanften Pappnasen-Show mutiert." Eine ausgewachsene Tragödienlänge dauere "dieser alte Spaß". Die Texte seien von unterschiedlicher Güte, "sie reichen von treffsicheren Dialogen bis zum tiefsten Witz". In "Freispruch" spüre man noch "die Eiseskälte, da zeigt sich noch die Kraft seiner Sprache, die Freude an der Provokation, die Lust an der Wahrheit in der Übertreibung". Bei anderen Szenen dürfe man sich fragen, ob der Autor Bernhard "nicht langsam an Attraktivität verliere". Vollends sicher sein könne man sich bei "Alles oder nichts": "Läppisches über längst verblasste Spitzen der BRD". Überragend allerdings spielten Ulli Maier sowie die Gäste Traute Hoess und Lore Stefanek: "Allein wegen der Szenen 'A Doda' und 'Maiandacht' lohnte sich der Abend", schreibt Mayer. "Sie sind so prägnant wie böse".