Lügen sind wie Giftpilze

von Christian Muggenthaler

24. September 2020. "Mit dem Gurkenflieger in die Südsee", "Das Fleischwerk", "Margarete Maultasch" und diverse weitere Stücke – bisher kannte man Christoph Nußbaumeder als Dramatiker. Jetzt geht er einen Schritt weiter. Vier Jahre lang hat er daran gearbeitet, aus seinem Stück "Eisenstein" (uraufgeführt 2010 am Schauspielhaus Bochum) einen Roman zu erarbeiten: "Die Unverhofften". Einen Roman über eine bayerische Unternehmerfamilie, die "Hufnagel-Dynastie", in mehreren Generationen.

Es ist eine Geschichte in der südostbayerischen Provinz, die pars pro toto über das ganze Deutschland erzählt, über die Haltbarkeit von Schuld, über Schicksalswendungen. Und eine Geschichte, die auch vorführt, dass Lügen Wunden sind, die ewig schwären. Lügen sind wie Pilze des Unglücks, die im Verborgenen groß und giftig werden. Das zeigte bereits das Theaterstück und das zeigt jetzt auch, an seinem Gerüst entlang und darüber hinaus, dieser saftige Roman.

Gebannt von der Wucht der Worte

Nußbaumeder verstrickt Figuren miteinander, wie das nur ein mit allen Wassern gewaschener Romancier kann. Immer wieder hält er an bei entscheidenden Momenten in den Lebensgeschichten, bei Augenblicken, die in die eine, aber auch ganz gut in die andere Richtung laufen können.

Cover Die UnverhofftenDie Dramaturgie des entscheidenden Punktes – auf der Bühne, im Leben, im Roman: Nußbaumeder zeigt gekonnt das Geschick in all seinen Wendungen. Drehung um Drehung um nochmal Drehung. Es ist ein Sondieren der verborgenen Lebensweichen. Das, was mit einem mal passiert. Was rummst: "Stille. Nichts als Stille. Reglos hockten sie da und glotzten einander an. Sie, die es gesagt hatte, und er, der es gehört hatte, waren gleichermaßen gebannt von der Wucht der Worte. Aus einer unendlich weiten Entfernung hörte man, wie Eisen auf Stein schlug, in hoher Taktung, hartnäckig und enervierend."

Diese Weichenstellungen des Geschicks befahren die Figuren unentwegt in "Die Unverhofften". Das liegt beim gelernten Dramatiker nahe. Der Roman behandelt eine weitverzweigte Familiengeschichte, mit Lebensbahnen, Lebensknoten, erdig und ehern erzählt, Jahrzehnte, Jahrhunderte durchmessend.

Nußbaumeder berichtet mit klarer Kante und Haltung, mit einer präziser Wiedererkennbarkeit von Menschen und ihren Umständen. Kante und Haltung bedeutet ein präzises Bewusstsein von gesellschaftlichen Schichtungen, von der Konfrontation zwischen moralischer Haltung und dem Realismus des Überlebenwollens und von den Auf- und Abstiegen einzelner Menschen in den düsteren Wellenbewegungen deutscher Geschichte. Von der Konfrontation zwischen Arbeiterbewegung mit den Glas- und später Holzproduzenten Hufnagel tief im Bayerischen Wald. Über die Verstrickungen dieser Unternehmerfamilie in die Nazizeit bis hin zum wirtschaftlichen und politischen Aufstieg des Georg Schatzschneider, der aus dieser Familie hervorgegangen ist, in der Nachkriegszeit, erzählt der Roman.

Landschaften von Trauer und Glück

Von 1899 bis 2019 geht die erzählte Zeit von "Die Unverhofften", die durchmessene Landschaft reicht von den Glashütten im Bayerischen Wald bis zum Landtag und Firmentower in München und zur Werkshalle in Obertraubling, die Soziotope von der kleinstädtischen Weißbierwirtschaft bis zum großstädtischen Etepetete.

Nußbaumeder steht hier ganz in der kraftvollen Tradition bayerischer Erzähler*innen (Lena Christ, Emerenz Maier, Oskar Maria Graf) und Dramatiker*innen (Martin Sperr, Marieluise Fleißer) und deren zupackender Kraft des Geschichten-hinaus-Hauens, in denen auf der Mikroebene von Menschen und Menschelndem die große Makrogeschichte zwischen Menschlichkeit und Unmenschlichkeit erzählt wird. Geschichte zerlegt sich hier in Geschichten und – gesellschaftliche – Schichten, die sich im stetigen Vulkanismus historischer Prozesse auffalten in eine unterirdische Landschaft von Trauer und Glück wie Kohle und Gneis.

Die inneren Verwerfungen

Die Romanhandlung einer großen Liebe und deren Scheitern an einer großen Lebenslüge ist denn auch so ein vulkanischer Prozess im Roman, der mit den Zeit- und Gesellschaftsschichten spielt wie die Wissenschaft der Geologie: Man kann in den "Unverhofften" immer auch beobachten, warum Menschen in ihrem inneren Gewordensein so sind, wie sie sind. Warum sie so handeln, wie sie handeln: Weil ihre inneren Verwerfungen dies eben nahelegen. Das Gewordensein ist ein Geworfensein.

Was dann allerdings auf der Oberfläche des Miteinanders zwischen diesen geologischen Körpern so alles passiert, das entzieht sich schlussendlich der Kontrollierbarkeit: "Nicht einmal die Erde selbst", heißt es gleich zu Beginn, "kann sich daran erinnern, wie vor ewigen Zeiten feiner Sand und Ton in ein Urmeer schwappten und sich dort absetzten."

Die Unverhofften
Christoph Nußbaumeder
Verlag Suhrkamp, Berlin, 671 Seiten

 

 
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