Ritt auf dem güldenen Penis

von Martin Krumbholz

Köln, 25. September 2020. 100 Seiten Text? 150? Schlappe 28. Und Schauspieler? Vier oder fünf (wie seinerzeit in München oder Berlin)? Pralle neun. Das Zahlenverhältnis zeigt, worauf es hier ankommt. Sicher nicht auf "Werktreue"; das wäre auch Unfug angesichts der schier aus den Nähten platzenden Jelinek'schen Konvolute, die zu großzügigen Strichen gar selbst noch einladen. Ersan Mondtags Inszenierung verdichtet Elfriede Jelineks 2015 entstandene "Wut" vielmehr zu einer opulenten, wüsten, trashigen, in weiten Teilen formidablen Sprechoper.

Zu Füßen des Vogelwesens

Neben Bühnenbild (Mondtag) und Kostüm (Annika Lu Hermann), beides eine Wucht, ist es nicht zuletzt die Musik (Beni Brachtel), mal wabernd, mal schrill, mal pauken-, mal streichergestützt, die dem zweistündigen Abend in Köln ein Fundament gibt. Schon der Anfang ist fabelhaft. Man sieht die Füße eines Vogelwesens, die zugleich die Türme einer Moschee sind. Mit Fenstern, Lautsprechern und allem Drum und Dran. Dazwischen die Kuppel, deren Rückseite eine Muschel bildet, die unterschiedlich bestückt werden kann.

Es ist wahrscheinlich fünf Uhr morgens, denn eines der Fenster öffnet sich, und der Muezzin (Benny Claessens) hebt an zu singen. Nicht sehr schön, aber eindringlich. Die Schauspielerin Margot Gödrös wird in einer Sänfte auf die Bühne getragen. In "Wut" geht es um die Terroranschläge vom Januar 2015 in Paris. Weder Text noch Inszenierung beanspruchen dabei eine subtile Durchdringung der Motive oder Hintergründe. Die Affekte, Hass, Schrecken, Schmerz, Leid, sollen mehr oder weniger ungefiltert die Bühne beherrschen.

Wut 2 560 JudithBuss uDie Rast der Rasenden oder Verhandlungen vor Vogelfüßen: das "Wut"-Ensemble © Judith Buss

Und auch das Publikum überwältigen? Zu behaupten, Jelineks Texte seien gewissermaßen zeitlos, man könne sie also von ihren jeweiligen Anlässen ablösen und sozusagen kanonisieren, wäre sehr gewagt. "Wut" ist wie alles, was Jelinek schreibt, ein Schnellschuss, unmittelbar an den Anlass anknüpfend und virtuos mit den diversen Themen und Assoziationsfeldern spielend. Deshalb wirkt der Text schon jetzt, nach fünf Jahren, gealtert. Wenn die Spieler in Köln Charlie-Hebdo-Tafeln hochhalten und Schüsse knallen, erinnert man sich natürlich an die schrecklichen Vorgänge und die damaligen Reaktionen darauf, aber ist man wirklich erschüttert?

Ein Mittelpunkt, um den sie rennen, schießen, fallen, schwitzen

So gekonnt Mondtag alle Register zieht, so unübersehbar blutbespritzte Leichen den Boden bedecken, bleibt jene Frage doch offen. Im Text heißt es einmal, Wut mache dumm, Zorn dagegen klug. Der (gerechte) Zorn hat in der Antike eine weit größere Rolle gespielt als in modernen Texten; wenn (blinde) Wut ins Spiel kam, wie bei Herakles, auf den Jelinek anspielt, handelte es sich um einen pathologischen Fall. Die Pathologien der Gegenwart haben erschreckend kurze Verfallzeiten. Auch wenn man weiß: Es kann jederzeit wieder passieren.

Wut 1 560 JudithBuss uLe roi c'est: Benny Claessens, umspielt vom Ensemble © Judith Buss

Was bleibt, ist das Spektakel. Und das ist über weite Strecken grandios. All die wunderbaren Fummel, in denen die Spieler stecken, die Sultansroben, die Pelze und Flügel, die High Heels, die Federkronen – viel gibt's zu sehen. Die Bühne dreht sich, und man schaut in ein gefliestes Badezimmer. Dann wieder in einen Pariser Salon neben dem Eiffelturm. Mindestens zwei Videos rechts und links gleichzeitig. In einem Filmchen reitet Benny Claessens entzückt auf einem goldenen Penis als Kinderbespaßungs-Wackelautomat, den man mit Münzen füttert. Kein Softporno, wird uns erklärt, sondern eine Anspielung auf "weiße heterosexuelle Intendanten". Hm.

Der Mittelpunktspieler Claessens ist an diesem Abend sehr Mittelpunkt: The winner takes it all. Die anderen haben es mitunter schwerer, sich zu profilieren. Die eminent präsente und präzise Lola Klamroth schafft das ohne weiteres; Margot Gödrös als der Ältesten im Ensemble wird entsprechend gehuldigt. Die anderen rennen, performen, schießen, fallen, schwitzen – und ja, das ist sehenswert und abendfüllend. Die notorische Sehnsucht von Schauspielern nach Nähe, Intimität, Corpsgeist, Komplizenschaft ist derzeit ja künstlich unterbunden und schwebt sozusagen als Gespenst im Raum. Man glaubt das zu spüren und leidet mit. Auch das mag dazu beitragen, dass dieser, wie gesagt, an sich fabelhafte Abend am Ende zwiespältige Gefühle hinterlässt.

 

Wut
von Elfriede Jelinek
Regie und Bühne: Ersan Mondtag, Mitarbeit Bühne: Simon Lesemann, Kostüm: Annika Lu Hermann, Video: Florian Schaumberger, Musik: Beni Brachtel, Licht: Rainer Casper, Dramaturgie: Beate Heine.
Mit: Benny Claessens, Yuri Englert, Margot Gödrös, Yvon Jansen, Lola Klamroth, Nicolas Lehni, Elias Reichert, Philipp Joy Reinhardt, Isabel Thierauch.
Premiere am 25. September 2020
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.schauspielkoeln.de

 

Kritikenrundschau

Schrill und wuchtig inszeniere Ersan Mondtag Jelineks verzweifelt fassungslose Reaktion auf die Charlie Hebdo-Anschläge, so Christoph Ohrem bei Deutschlandfunk Kultur (25.9.2020). Auf den komplexen und bilderreichen Text reagiere er "mit einer orgiastischen Flut an Bildern“, es entstehe ein Wettstreit zwischen Text und Bühnenbild – der allein wegen der Lautstärke nicht selten zu Ungunsten der Stückvorlage ende. Aber die Wirkung stimme: "Das gesamte Ensemble spielt furios auf", so Ohrem. Und Benny Claessens binde die Inszenierung mit seiner Bühnenpräsenz und schier unerschöpflichen Energie zusammen.

"Keine Frage, dass das famose Ensemble das Surfen über sprachliche Untiefen souverän beherrscht", schreibt Christian Bos vom Kölner Stadtanzeiger (28.9.2020). Aber Mondtag bremse den Abend immer wieder willentlich aus, überlasse seine Inszenierung zeitweise Benny Claessens. "Doch wie so oft, wenn ein formstrenger Regisseur auf einen formsprengenden Schauspieler trifft, sprühen hier die Funken." Der Kritiker resümiert: "Es ist weniger die Wut als vielmehr die Verzweiflung, die sich hier mit letzter Kraft zur großen Oper aufbäumt. Der Mensch als Opfer seiner Bilder und seines Selbstbildes."

"Doch worauf läuft das alles hinaus?", fragt sich Axel Hill von der Kölnischen Rundschau (28.9.2020). Und antwortet: "Jelinek haut um sich, haut raus, was raus muss, verblüfft dabei immer wieder mit ihrer Liebe zur Sprache, zu großen Sätzen und erschütternden Erkenntnissen." Erklärung sei genauso wenig ihr Anspruch wie das Überwinden der Abgründe zwischen ihren Gedankensprüngen. "Das sollen andere übernehmen – und sei es mit kunterbuntem, höchst amüsantem Regietheater."

Jelineks Assoziationsgewitter entspreche die Bühnenaktivität, "auch wenn selbstredend darauf geachtet wurde, dass Text und Show einander nur bisweilen entsprechen", schreibt Alexander Menden in der Süddeutschen Zeitung (29.9.2020). Mondtags Produktion sichere sich "ganz schlau und präventiv gegen jede Interpretation" ab; bei aller lauten, karnevalesk kostümierten Materialschlachterei bleibe sie daher schwachbrüstig und richtungslo: "Man kann 'Such den Kulturverweis!' spielen – ein bisschen 'Exorzist', ein bisschen Barttracht für das nahöstliche ISIS-Flair... –, während man zusieht, wie die neunköpfige Besetzung Mondtags Meta-Ebenen-Schichttorte mit supergrellem Zuckerguss knapp zwei Stunden lang aufbackt." Und Benny Claessens dürfe, als menschliche Entsprechung zur Drehbühne, "die Zentrifugalkraft seiner campness so sehr auf Touren bringen, dass die anderen Darsteller Mühe haben, sich auf den Beinen zu halten".

"Mondtags Regiestil, als bildmächtig gerühmt, collagiert Requisiten aus dem medialen Fundus", schreibt Patrick Bahners von der FAZ (29.9.2020). "Die Schauspieler fingieren die Improvisation; bei allem, was gemacht wird, hört man, dass es gemacht ist. Nichts kommt zur Sprache ohne Markierung der Sprecherposition. Die Gegenwart wird kommentiert im Medium einer mitlaufenden Kombinatorik, die den sozialen Medien Konkurrenz machen will." Dieses "der Illustration des Vorübergehenden verfallene Theater" sei "vornherein anachronistisch".

 

 

 
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