Harfen in der Dauerschleife

von Jürgen Reuß

Freiburg, 25. September 2020. Er hätte nicht gedacht, dass sich das Theater mal nach Normalität sehnen würde, begrüßt Intendant Peter Carp das Publikum zur Eröffnung der Spielzeit am Theater Freiburg, bevor er die Hygieneregeln für die nachfolgende Schauspielpremiere erläutert. Die Publikum und Akteure einende Sehnsucht, mal wieder Spielfreude unbeschwert organisieren, entfachen, erleben, genießen und anschließend bei Getränken in gelöster Atmosphäre gemeinsam feiern, debattieren oder einfach runterspülen zu können, ist auch hinter den Gesichtsmasken schon beim Einlass spürbar.

Dass auch die folgende Premiere, wie bis auf weiteres auch alle anderen, unter Einhaltung aller Abstandsregeln einstudiert und gespielt werden muss, mag vielleicht wirklich mal als Phase dieser seltsamen Corona-Zeit in die Theatergeschichte eingehen, wie Carp vermutet. So wie das junge polnische Team um Regisseurin Małgorzata Warsicka und Komponist Karol Nepelski die "Elektra" von Sophokles auf die Bühne bringt, mögen solche Beschränkungen fürs Konzept merkbar gewesen sein, drängen sich dem Publikum aber nirgends als störende Unstimmigkeit in den Vordergrund.

Düsteres Mondlicht

Im Zentrum der Bühne scheint ein fahler Erdtrabant gestrandet zu sein, der aber auch mal als übergroßer Türspion und Einlass zum großen Rachespektakel dient. Links und rechts davon, selbstgebaute Harfen in Form von abnehmendem und aufgehendem Mond, davor biegen sich bespannte Äste. Ein düster suggestives Bild, dass Bühnenbildnerin Agata Skwarczynska entworfen hat.

Elektra 1 560 BrittSchilling uDüstere Stimmung mit Harfen, Mondlicht und Erdtrabant in "Elektra" in Freiburg © Britt Schilling

Im Gestänge am linken und rechten Bühnenrand nimmt der Chor der Erinnyen (Yulianna Vaydner, Yeonjo Choi, James Turcotte, Christiane Klier) Platz. Ihre Einflüsterungen im Register der neuen Oper bekommt Elektra (Laura Angelina Palacios) nie aus dem Kopf. Seit Klytaimestra (Anja Schweitzer) mit ihrem neuen Lover Aigisthos (Martin Müller-Reisinger) den Vater Agamemnon getötet hat, hängt sie in der Racheschleife.

Palacios spielt sie mit einer energischen Wut, die zerstörerisch auf handlungsunfähiger Warteschleife rotiert, immer hoffend auf das Erscheinen des vollstreckenden Bruders Orest, der den Rachezyklus endlich in die nächste Generation weitertreibt. Nutzt Aischylos die Orestie noch, um den Übergang vom Clangesetz der Blutrache zu neuen städtischen Aushandlungsformen zu gestalten, versumpft so eine Aufbruchstimmung bei Sophokles im erneut wiederholten Blutrausch.

Im Klangkäfig

Das Überzeugende an der Freiburger Inszenierung ist die Konsequenz, mit der den Akteuren zwar ihre unterschiedlichen Rollen zugewiesen werden, jede Entwicklung, jedes Durchbrechen des Vendettakreislaufs aber im Grunde schon von Beginn an durch das Einbetten in den stringent durchkomponierten Klangkäfig eines Oratoriums zum Scheitern verurteilt wird.

Elektra 3 560 BrittSchilling u Laura Palacios und Stefanie Mrachacz in "Elektra" © Britt Schilling

Sicher darf Chyrsothemis (Stefanie Mrachacz) im energetischen Showdown mit der Schwester Elektra darauf beharren, die nächste Generation nicht in dieselbe Hölle stürzen zu wollen. Aber so ungerührt wie das Klangspektakel weitergeht, wie auch sie selbst an Harfen zupft und ruhig auch mal drauf klopfen darf, so ungerührt dreht sich die Schraube um die nächste Drehung weiter.

Weibliche Super-Kräfte

Orest (Tim Al-Windawe) stolpert hilflos, irgendwie antriebslos zur Tat. Überhaupt haben die Männer in dieser Inszenierung wenig zu melden. Orests Begleiter Pylades (Victor Calero) darf zwar in einem schönen Solo den vermeintliche Tod Orests beim Wagenrennen als actionreiche Superheldengeschichte ausschmücken, aber im Grunde ist das völlig sinnlos. Das Publikum weiß eh, dass Orest noch lebt, und die übrigen Akteure müssen nicht groß übertölpelt werden. Ihnen ist bereits klar, dass der Rachezyklus weitergeht. Irgendwer wird sie schlachten, dann kommen andere, die die Schlächter schlachten – und so weiter ad infintum.

Kein Wunder also, dass auch Elektra vor der Erfüllung ihres großen Wunsches eher verloren wirr als zielstrebig aufgekratzt wirkt. Die Frage für die Zukunft ist, ob Chyrsothemis einen anderen Ausgang findet. Da die Schauspielerinnen immer wieder mal demonstrativ ins Publikum schauen, als ob sie den Fall zur Begutachtung vorlegen wollten, könnte man auf die Idee kommen, dass die Hoffnung auf bessere Entscheidungen von uns aus dem Gestühl kommen möge. Aber dazu müssten wir uns komplett aus der unerbittlich durchkomponierten Inszenierung lösen und uns nicht vom beeindruckenden Schlagwerksolo der schrillen Perkussionistin Teresa Grebchenko mit ins Blutrauschfinale ziehen lassen.

Spiel's noch einmal

Doch dann ist schon alles dunkel auf der Bühne, großer Applaus, Mundschutz auf und raus. Ob die Welt draußen mal ihren zwar nicht mehr antiken, aber durchaus auch tödlichen Schleifenmodus in der Wachstumsspirale verlassen hat? Ach was, einfach mit einem Glas Bier wieder ein Stück Normalität herstellen. Im Hintergrund angenehmes Bar-Oratoriumsgesäusel. Cheers auf einen starken Start in eine neue Spielzeit. Zyklus auf Zyklus auf Zyklus. Ob die pandämischen Störgeräusche in der Stimmlage von Chyrsothemis schrappen? Ach was, du hast es für sie gespielt, spiel's noch einmal für uns, begnadete Perkussionistin.

Elektra
von Sophokles // aus dem Griechischen von Peter Krumme mit Musik von Karol Nepelski
Regie: Malgorzata Warsicka, Ausstattung und Lichtdesign: Agata Skwarczynska, Musik: Karol Nepelski, Chordirektor: Norbert Kleinschmidt, Dramaturgie: Laura Ellersdorfer. Mitarbeit Textfassung: Michal Pabian.
Mit: Laura Angelina Palacios, Stefanie Mrachacz, Anja Schweitzer, Martin Müller-Reisinger, Tim Al-Windawe, Victor Calero, Yulianna Vaydner, Yeonjo Choi, James Turcotte, Christiane Klier, Teresa Grebchenko.
Premiere am 25. September 2020
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.theater.freiburg.de

 

Kritikenrundschau

"Es ist ein heillosen Geschehen – und Malgorzata Warsicka erzählt es nicht als Familiendrama, sondern als mythisches Verhängnis. Die Musik rückt die Tragödie weg vom subjektiven Empfinden in die Objektivität eines Oratoriums. Das ist großartig und konsequent gemacht; ein überzeugender Theaterabend", schreibt Bettina Schulte von der Badischen Zeitung (28.9.2020).

 

 
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