Monologe über sterbende Eltern

von Elske Brault

Berlin, 2. Oktober 2020. Dabei sein war alles vor 22 Jahren. Premierenkarten erschlich ich mir, indem ich beim Rundfunk Vorab-Berichte oder Porträts der Regisseure ablieferte. So begann ich meine Karriere als Theaterkritikerin. Dabei sein ist auch jetzt wieder alles: Sehr kurzfristig für einen Kollegen eingesprungen, buche ich extra eine Zugreise um, mit Kosten, die mehr als die Hälfte meines Honorars ausmachen. Was würde ich nicht tun für meine erste Theater-Premiere nach dem Lockdown! Meine einzige Möglichkeit, das Stück überhaupt zu sehen: Die nächsten fünf Termine sind bereits ausverkauft.

Und es ist ja nicht irgendeine Premiere. Es ist DAS Stück zur Corona-Krise von DER Regisseurin Yael Ronen. Ihr Markenzeichen ist es, im gleichen Ich-Stil wie der Beginn dieser Kritik Schauspieler das eigene Leben reflektieren zu lassen. Die Schranke zwischen Rolle und Persönlichkeit wird ausgehebelt, das wahre Leben kommt da auf die Bühne, unser Leben in der Pandemie.

Unter Wasser

Es ist hart, dieses Leben, es ist kalt. Hart wie die Steintreppen, auf denen sich die Premierengäste vor dem Theater niederlassen, weil man in das Theater selbst vorab nicht mehr hineinkommt, in geschlossenen Räumen nicht mehr in Grüppchen beisammenstehen und reden darf. Kalt wie die Cola, die Zuschauer als Kaffee-Ersatz trinken, denn Heißgetränke gäbe es nur in der Theaterkantine, und die ist geschlossen oder genauer: Der Corona-Regeln wegen nur noch dem geschlossenen Kreis der Gorki-Mitarbeiter zugänglich.

deathpositive mg 8861 600 c ute langkafel maifotoWenn schon Schutzbedeckung, dann als coole Kostüme: Orit Nahmias, Tim Freudensprung, Aysima Ergün, Lea Draeger in "Death Positive" © Ute Langkafel / Maifoto

Abstand, Abstand, Abstand: Im Theatersaal ist jede zweite Reihe entfernt, auf einen benutzten Sitz kommen zwei gesperrte. "Da können Sie sich jetzt doch mal richtig ausbreiten, machen Sie es sich gemütlich, ziehen Sie die Schuhe aus!" ruft Darsteller Nils Bormann von der Bühne. Wie die fünf anderen trägt er einen weiten weißen Schutzoverall und eine Maske. Natürlich keine simple Mund-Nasen-Maske, sondern einen Ganzkopf-Gummihelm mit drei Schlauch-Ausgängen.

Es gibt auch die an eine Tiefseetaucher-Ausrüstung gemahnende Schutzkugel mit dunklen Augenlöchern "Du sollst durch die Augen atmen!") oder den langen spitzen Vogelschnabel. Den allerdings lehnt Knut Berger vehement ab: "Durch das Ding klingt alles dumpf, da versteht ja keiner mehr meinen Monolog!"

Eingesperrt oder ausgesperrt?

Lea Draeger hingegen ist dank Mikrofon auch in ihrem Ganzkörper-Kunststoff-Kubus gut zu verstehen: Ihr Text widmet sich der Einsamkeit und Monotonie in den ersten Tagen des Lockdown. Das Eingesperrtsein in den eigenen vier Wänden grenzt an die Einkerkerung im Zimmer einer psychiatrischen Anstalt und lässt Sarah Kanes "4,48 Psychose" anklingen, Kanes letztes Stück, bevor die britische Dramatikerin sich das Leben nahm.

deathpositive mg 8616 600 c ute langkafel maifotoAuftritt Lea Draeger, Monolog über die Einsamkeit in "Death Positive" © Ute Langkafel / Maifoto

Lea Draegers Tirade im Plastikzelt steigert sich zu ähnlicher Intensität. Ihre zarten Zeichnungen von Skeletten mit zwei Wirbelsäulen oder Kindern mit ausgeklappten Lungenflügeln sind Herzstück der Lichtprojektionen auf der weißen Bühnenwand, sie persiflieren poetisch anatomische Lehrbilder. Das ist alles wirklich schön, aber eher beliebig. Die Corona-Pandemie bietet verdammt wenig Stoff fürs Theater, sie theatralisiert ja schon unseren Alltag. Wenn einer der Darsteller von der weißen Showtreppe der Bühne (Magda Willi) hinunter und ins Publikum zu gehen droht, ertönt ein Warnsignal, blinkt rotes Licht. So gelingt es Regisseurin Ronen, die Abstandsregeln zugleich einzuhalten und zu veralbern.

Knut Berger hält einen Monolog über das Sterben seiner Mutter, Orit Nahmias über das Sterben ihres Vaters. Die Mutter starb an Krebs, der Vater an Herzschwäche. Nix Corona, gestorben wird immer. "Ich glaube, diese Gesellschaft hat ein seltsames Verhältnis zum Tod, sie versteckt den Tod", sagt einer der beiden. Das war aber vor Corona eher noch schlimmer. Pflegeheime als letzte Lebensstation alter Menschen sind mit Besuchsverboten noch schreckenshafter, ein Wunschort waren sie noch nie.

Titel: Death Positive - States of Emergency. Regie: Yael Ronen, Text mit dem Ensemble. Buehne: Magda Willi. Kostueme: Cleo Niemeyer. Video: Stefano Di Buduo. Dramaturgie: Jens Hillje. Ort: Gorki Theater. Urauffuehrung: 2. Oktober 2020. no model release. Spieler: Tim Freudensprung vor derProjektion und Knut Berger u.a.. Theater mit Hygienekonzept unter den Abstandsregeln der Corona Pandemie.Engl: theatre, actorcopyright: david baltzer / bildbuehne.deDie Toten tanzen © David Baltzer / Bildbuehne.de

Wenn überhaupt etwas an diesem Abend in Zeiten der Krise zutage tritt, dann unsere Sehnsucht danach, berührt zu werden, uns berühren zu lassen. Vollautomatische Plüschkatzen sind auf der Bühne verteilt, Kuscheltiere mit grünem oder lila Kunstpelz, die auf Knopfdruck miauen oder mit den Augen rollen. Zu Beginn säubert Nils Bormann ihnen mit einem Desinfektionsspray die Pfötchen, streichelt sie, bis sie sich wohlig strecken oder schnurren. Wir wissen alle, dass es sich um Puppen handelt, und dennoch erzeugen die "Reaktionen" der künstlichen Katzen Anteilnahme und Schmunzeln. Vielleicht, wenn Kinder an Covid-19 reihenweise stürben, würden wir die Krankheit ernster nehmen.

Weiterspielen ist alles

"Death Positive – States of Emergency" ist kein schlechter Theaterabend. Aber eben auch kein guter. Auftritt, Monolog, Abgang, nächster Auftritt, nächster Monolog. Ein simpler Kuss wäre in diesen Zeiten ein Skandal. Hätte das Gorki "Romeo und Julia" auf den Spielplan gesetzt statt "Death positive", es würde gleich viel oder wenig bewegen. Weitermachen, weiterspielen ist alles. Dabei sein ist alles. Obwohl die Karten heute noch begehrter sind: Es fühlt sich nicht so gut an wie vor 22 Jahren.

Death positive – States of Emergency
von Yael Ronen und Ensemble
Regie: Yael Ronen, Bühne: Magda Willi, Kostüme: Cleo Niemeyer, Musik: Yaniv Friedel / Ofer Shabi, Video: Stefano di Buduo, Zeichnungen: Lea Draeger, Dramaturgie: Jens Hillje.
Mit: Knut Berger, Nils Bormann, Lea Draeger, Aysima Ergün, Tim Freudensprung, Orit Nahmias.
Premiere am 2. Oktober 2020
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.gorki.de

 

Kritikenrundschau

"Ronens Produktion triggert tagesaktuelle Branchen-Fragen – ohne zu behaupten, mit deren Beantwortung selbst weiter zu sein als das Publikum", schreibt Christine Wahl im Tagesspiegel (4.10.2020). Performativ lege "der Abend von den Krisen- und damit auch seinen eigenen Entstehensbedingungen Zeugnis ab: Es herrscht Isolation; jeder und jede bleibt mit aller Konsequenz in seiner oder ihrer eigenen Situationswahrnehmung und -befindlichkeit".

"Der Abend ist 70 Minuten kurz und intensiv, ein Festival von Monologen, die ans Eingemachte gehen und mit komischen Hygieneslapsticks verbunden werden", berichtet Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (online 3.10.2020)

Für rbb|24 (3.10.2020) berichtet Ute Büsing: "'Death Positive' ist die erste explizite Auseinandersetzung mit dem Coronavirus und der Covid-19-Pandemie auf einer Berliner Bühne. Lange erwartet, vielleicht auch ein bisschen befürchtet. In verschiedenen Stationen werden Erkrankung, Sterben und Tod, generiert aus persönlichen Erlebnissen des Ensembles, durchgespielt. In nur 70 Minuten entsteht aus den multiplen Befunden durchaus große Dichte."

"Seuchenzeiten sind Zeiten der Monologe. Dialoge sind nur aus sicherer Entfernung oder vermummt möglich, und auch dieser Fall wird uns in maximaler Konsequenz vorgeführt", schreibt Katharina Granzin in der TAZ (online 6.10.2020). Und dennoch: "Es sind Klischees, die uns, auch wenn sie hier in pointiertester Ausprägung vor uns treten, nichts Neues erzählen." Erst die persönlichen Monologe von Knut Berger und Orit Nahmias führten im Sprechen über ihre Eltern "auf ganz selbstverständliche Weise hinaus aus einer gefühlten Blase der Uneigentlichkeit in etwas, das viel realer scheint."

Für seinen Überblickstext zum deutschen Streamtheater im Winter 2020/21 für die New York Times (4.12.2020) nimmt sich A.J. Goldmann diesen Abend in der Onlineausspielung vor und fokussiert auf den Auftritt von Orit Nahmias: "With humor and a dash of sap, Nahmias connects with her audience — in-person and virtual — with warmth and generosity. It’s just the sort of openhearted gesture we need as we contemplate the prospect of a winter without live theater."

mehr nachtkritiken

Kommentare

Kommentare  
#1 Death positive, Berlin: Dramaturgie?SM 2020-10-03 10:34
Inhaltlich leider enttäuschend und lässt die frühere Komplexität von Yael Ronen mit dem Umhang von Biografie auf der Bühne stark vermissen.
#2 Death positive, Berlin: leerAnna 2020-10-03 14:48
Leider ist der Abend auf die gleiche Weise inhaltsleer, wie die letzten Abende von Frau Ronen. Aus der dieser Kritik erfahre ich mehr über die schreibend Frau, als über den Theaterabend.
#3 Death positive, Berlin: SackgasseKonrad Kögler 2020-10-10 14:14
Das Spannende an dieser Stückentwicklung ist, dass der 75minütigen Revue autobiographischer Monologe anzumerken ist, wie Hausregisseurin Yael Ronen und ihr Ensemble in einer Sackgasse landeten und sich wieder herausarbeiteten.

Der Abend beginnt als Corona-Kabarett: Niels Bormann kommt als Hygiene-Beauftragter auf die Bühne, trägt in schönstem Bürokratendeutsch genüsslich die besten Stilblüten aus dem Rahmenkonzept des Senats vor und markiert die Bühne mit Absperrband: Das ist jetzt sein Revier. Fast die gesamte Breite der Gorki-Bühne nimmt die abgesperrte Zone ein. Die lieben Kolleg*innen könnten sich ja eigene Spielzonen markieren, irgendwo weiter hinten. Für Dialoge ist in Zeiten der Pandemie eh klein Platz, führt Bormann aus und fühlt sich in seinem Rampensau-Monolog sichtlich wohl.

Die Kabarett-Nummern der ersten Hälfte sind gut gemacht, aber zünden doch nicht so recht. Das liegt vor allem daran, dass die Ideen zu naheliegend sind. Nur einen Tag vor der Premiere am Gorki Theater hatte Sarah Franke einen ganz ähnlichen Auftritt als Corona-Hygiene-Beauftragte, die in der ohnehin überfrachteten „Orestie“-Inszenierung an der Volksbühne wie ein Fremdkörper wirkte. Die Klopapier-Witze, die Magda Willi für ihr Bühnenbild nutzte, waren schon im April abgedroschen.

Als der Kabarett-Revue die Luft auszugehen droht, nimmt der Abend jedoch eine völlig andere Richtung: sehr ernste Töne schlagen Knut Berger und Orit Nahmias ein. Beide erzählen in langen Monologen, die zum Herzstück der Inszenierung werden, vom Sterben ihrer Eltern und vom schwierigen Prozess des Loslassens. Allerdings starben die Eltern weder an Corona noch in den vergangenen Pandemie-Monaten, sondern schon vor einigen Jahren an Krebs oder Herzversagen.

„Death Positive – States of Emergency“ ist alles andere als aus einem Guss. Zu offensichtlich ist hier, wie das Team versuchte, unterschiedliche Miniaturen zu verbinden und neu zu arrangieren, den Druck des Premierentermins im Nacken. Aber gerade darin besteht auch ein Reiz des Abends, in seinem Facettenreichtum und in seiner Risikobereitschaft, sich mittendrin auf neue Wege vorzutasten.

Komplette Kritik: daskulturblog.com/2020/10/10/death-positive-state-of-emergency-yael-ronen-gorki-theater-kritik/
#4 Death positive, Berlin: AusnahmezustandSascha Krieger 2020-10-11 11:57
(...)Die beiden zentralen Monologe finden dagegen im Licht statt und sie gehen über Corona hinaus. Zum Kern, zum Eingemachten: dem Tod. Knut Berger spricht über den Tod seiner Eltern, Orit Nahmias über den ihres Vaters. Unterschiedliche Umgehensweisen werden thematisiert: den Kampf der Berger-Familie gegen das Unausweichliche, das Verdrängen, das Verweigern des Loslassens, der Auseinenadersetzung, aber auch die Akzeptanz der Mutter und das sich-Verschließen des Vaters. „Der Tod war wie so eine Kiste. Wir haben gekämpft, sie nicht aufzumachen“. Aber er lässt sich nicht wegleugnen, die Kiste muss irgendwann geöffnet werden. Der Tod bleibt das größte Tabu und ironischerweise das einzig sichere im Leben. Wo Bergers ruhig reflektierte Auseinandersetzung still berührt, bringt Nahmias Humor in die Sache, das Lachen am Grabe. Ihr Thema ist die Angst vor dem Tod und die Befreiung, die dieser bringt: „The moment he died I was reborn“. Beide eint der Appell, sich vom Tod nicht irre machen zu lassen, ihn anzunehmen, den sterbenden das Loslassen zu erlauben.

Das lässt dann auch Bormann nicht kalt. Seine Figur kann nicht raus aus ihrer Angst, am Ende steht er zu ihr als Motivator, als Antrieb für sein totalitäres Über-das-Ziel-Hinausschießen. „Wie könnt ihr Zukunftspläne machen?“, fragt er das Publikum, „Ich kann das nicht.“ Da ist er ganz nahe an so mancher*m Zuschauer*in, die sich auch tagtäglich fragen, wieviel Zuviel ist, was vernünftig ist und wie viel Unvernunft man sich erlauben dürfte. „Ich mag nicht, wenn etwas zu Ende ist“, sagt Bormann und dann wird es schwarz. Die Bühne, sie ist auch ein Schutzraum, ein Ort, an den sich Flüchten lässt, aber eben nur temporär. Dann muss man wieder hinaus in die Welt, in die Realität, dort, wo es keine einfachen Antworten gibt, wo man sich vor den Fragen fürchtet, wo jeder Tag zum Balanceakt wird. Diesen probiert dieser Abend, spielerisch, ironisch, aber ebenso ratlos wie wir alle. Da funktioniert einiges besser als anderes, bleiben Klischees nicht immer fern, wechselt das Tiefsinnige mit dem Banalen. Fast wie im richtigen Leben. Es ist eben ein Ausnahmezustand.

Komplette Rezension: stagescreen.wordpress.com/2020/10/11/warum-machen-wir-das-hier/

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