Die grausame Logik der Shakespeare-Maschine

von Regine Müller

Essen, 10. Oktober 2008. Kleiner Unfall mit großer Wirkung: Viola wollte nur ein Glas Wasser trinken und verschluckt sich am Sturm, der unbemerkt im Gefäß tobte. Der Sturm schwillt zum Orkan mit Schiffbruch, und der verirrte Schluck wird zum drohenden Tod durch Ertrinken. Nur verzweifeltes Rudern – auf dem Trockenen – und Prusten retten Viola an den Strand des fernen Illyriens.

Ein Auftakt wie aus einem Comic-Strip, an den sich eine endlose Verfolgungsjagd anschließen könnte. Oder eine turbulente Reihe weiterer absurder Unfälle. Und so ähnlich kommt es auch in der neuen "Was ihr wollt"-Inszenierung am Essener Grillo-Theater, denn die Geschlechterverwirrungen und Liebesräusche der folgenden knapp drei Stunden werden handfest ausgetragen und gehen für alle nicht ohne Blessuren ab. Ein Ort feinsinnigen Liebeswerbens und romantischer Verzückung ist dieses Illyrien ohnehin nicht, und man darf bezweifeln, ob es das je war.

Zwei Schmuddelecken und ein stattliches Loch
Ein eher öder denn traumverlorener Ort, der schon bessere Tage gesehen hat. Patricia Talacko und Dirk Thiele haben eine Bühne auf der Bühne gebaut: ein steiles Podest, dahinter ein riesiger Vorhang, der sich nie öffnet, aber ein stattliches Loch besitzt. Jenes dient dem Narren (mit staubtrockener Ironie: Günter Franzmeier) als Lieblingsplatz, von dessen Hochsitz er das wahnwitzige Treiben wie ein heimlicher Regisseur beobachtet. Vor dem Podest ein abgewetztes Ledersofa britischer Bauart, an den Seiten zwei Schmuddelecken. In der rechten hat sich die Ein-Mann-Band Karsten Riedel eingenistet, in der anderen darben die Liebeskranken im Fauteuil neben dem Kühlschrank.

Herzog Orsino (Fritz Fenne) trägt Rockermähne und Rüschenhemd offen, steckt spindeldürr in Cowboystiefeln und Bleistiftjeans und scheint eher Woodstock-Träumen als der schönen Olivia nachzuhängen. Diese (Therese Dörr) gibt im Gruftie-Look erst die Abweisende, offenbart sich jedoch im erwachenden Begehren für die in Männerkleidern steckende Viola als kreischende Hysterikerin. Sarah Viktoria Fricks Viola ist ein dralles, handfestes Wesen in Turnschuhen und Unterhemd, dessen zerbrechliche Seiten sich nur ganz zögerlich offenbaren.

Stimmig, schräg und überdeutlich
Die Saufkumpane Sir Toby (Holger Kunkel) und Sir Andrew (Nicola Mastroberardino) geben raufend und marodierend Unterschicht-Folklore britischer Couleur: Sir Toby grölt glatzköpfig und feixend mit nacktem Schmerbauch überm Schottenrock seine bösen Lieder, und Sir Andrew zappelt als nervöser, präpotenter Ballermanntourist immer hinterdrein. Ein finsteres Gebräu aus Dünkel, Hass, Rachegelüst und Verzweiflung brodelt unter der Maske des albern blasierten Malvolio, den Robert Riebeling lustvoll mit allen Facetten eitler Niedertracht ausstattet.

Immer wieder und ein paar Mal zu oft übernimmt an dem von David Bösch turbulent organisierten Abend die Musik das Wort. Karsten Riedel gelingt dabei Stimmiges, Schräges, Melancholisches, manchmal Überdeutliches. Wie überhaupt das Zuviel dem Abend zunächst im Weg steht, der sich im Muskelspiel der Mätzchen zu verzetteln droht. Da jagt eine Episode die andere, Witzchen, Klamauk und platte Pointen – was Shakespeare ja durchaus verträgt – wollen einander überbieten und verpuffen dabei.

Das Ende der Mätzchen
Nach einem längeren Durchhänger im ersten Teil findet Bösch jedoch allmählich den roten Faden und lässt ihn dann nicht mehr los. Das Geschehen verdichtet sich, die Mätzchen versiegen und die Lacher bleiben im Halse stecken. Je mehr sich das Geschehen verdüstert, desto mehr zeigt Bösch, was er wirklich kann. Denn nun konzentriert sich das Spiel wundersam und gewinnt enorm an Brisanz, Timing und Intensität. Wie geölt läuft die Shakespeare-Maschine, mit grausamer Logik treiben die Figuren hilflos dem Chaos entgegen. Nun stimmt jede Geste, jeder Blick, jeder Lacher.

Am Ende sortiert der Narr schockstarre Figuren zu Paaren und nimmt erschöpft auf dem Sofa Platz. Und tauscht die rote gegen eine schwarze Clownsnase aus. So genau wollten wir es nun auch wieder nicht wissen. Dennoch großer Jubel für einen Abend, der ein Wurf mit kleinen Abstrichen ist.

 

Was ihr wollt
von William Shakespeare
Regie: David Bösch, Bühne: Patricia Talacko, Dirk Thiele, Kostüme: Meentje Nielsen, Musik: Karsten Riedel, Licht: Michael Hälker.
Mit: Sarah Viktoria Frick, Fritz Fenne, Therese Dörr, Holger Kunkel, Nicola Mastroberardino, Roland Riebeling, Kristina Peters, Günter Franzmeier, Lukas Graser, Raiko Küster.

www.theater-essen.de

 

Weitere David Bösch-Inszenierungen hier.

Kritikenrundschau

Für Vasco Boehnisch von der Süddeutschen Zeitung (13.10.2008) erzählt David Böschs Essener "Was ihr wollt"-Inszenierung mit einem "Wahnsinnsaufwand an Bühne, Musik, Kostüm" "letztlich herzlich wenig": "Kein Blick unter die Oberfläche, keine berührenden Momente." Zentrale Themen haue der Regisseur "mit dem Schenkelklopfer weg". Dabei seien Sir Toby und Sir Andrew "grölende, grunzende Pub-Nasen", die "Geschlechterverwechslung" um Viola bloß eine "Grabscherei mit Kussschnute". Zwar beherrsche Sarah Viktoria Frick "das Comic-Register aus dem Effeff, nur alles Menschliche ist ihr fremd: kein glaubhaftes Gefühl". Und Roland Riebeling verkalauere den Malvolio zur "Kerkeling-Karikatur". Wenn Bösch szenisch nicht weiter wisse, müsse "ein Popsong her" – so werde "Shakespeare noch für die letzte Essener Schulklasse komik-kompatibel". Spannend findet Boehnisch lediglich Therese Dörr als "sprunghaftes Gothic-Girl" Olivia.

Bösch bleibt für Jens Dirksen von der Neuen Rhein Zeitung (12.10.2008) auch mit dieser durchaus "straffbaren" Inszenierung "der Mann fürs Junge und Frische am Essener Theater". Fricks grandiose Schiffbruch-Pantomime sei ein "Glanzstück" und münde "am rettenden Ufer einer bitteren Wahrheit: Was wollt ihr denn – ist doch alles nur ein Spiel!". Es gehe "um das Elend der Postmoderne", also "das Spiel, das den Ernst ersetzt, ohne ihm noch etwas entgegenzusetzen". Das werde "streckenweise heiter und mehr als das: witzig, kalauernd, scherzend, derb und manchmal sogar shakespearisch". Dabei mache z.B. Riebeling "in grandioser Kleinkariertheit aus dem scharwenzelnden Spießer Malvolio einen armen Teufel von Format", ein "leibhaftiges Mitleids- und Schreckensgespenst". Am Ende füge der Narr "in mürrischer Ungeduld zusammen, was zusammen nicht wachsen, zueinander nicht kommen konnte" und vielleicht auch gar nicht zusammengehöre.

Auch auf dem Online-Portal Der Westen schreibt Martina Herzog (12.10.2008) über Fricks "großartige" Viola. Ihr Identitäten-Spiel, die "Macho-Gesten und der breitbeinige Gang" seien "bis zum Ende einen Lacher wert", auch wenn ihr die neue Rolle "zunehmend zur Bürde" werde. In Illyrien seien alle zur Berechnung "zu instinktgetrieben", "Spielbälle ihrer Launen und übermächtigen Gefühle – in einer Welt ohne jeden äußeren Zwang sind sie doch Gefangene ihrer selbst". Nur der Narr beobachte das Treiben mit "gütiger Distanziertheit" und singe einige "wunderbare Lieder". Für Herzog fügt sich das alles zu einer "mitreißend schlüssigen Deutung" der Komödie, deren Originaltext die Darsteller bisweilen verlassen, ergänzen oder in moderne Umgangssprache übergehen lassen, "ohne der Vorlage Gewalt anzutun". Denn sie machten das "so geschickt, dass die Grenzen zwischen alt und neu verschwimmen". Fazit: die "federleichte Rundumüberholung eines Klassikers".

 
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