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Escape Room des Schreckens

von Sabine Leucht

Memmingen, 2. Oktober 2020. Die Suche nach dem Schlüssel oder Code, der sie des unbekannten Rätsels Lösung näherbringt, beginnt in Zimmer Nummer eins: "Dem Anschein nach ein vollgepacktes und mit Dingen aus aller Welt angefülltes Wohnzimmer, in völlig unterschiedlichen Stilen und Farben, wie ein Filmset von Almodóvar", heißt es bei Maya Arad Yasur. Auf der Bühne des Landestheaters Schwaben blinkt einem dagegen ein penibel dekoriertes Tortenstück entgegen. Ein fettes Tortenstück immerhin, ein ganzes Drittel vom vollen Drehbühnenrund – "angefüllt" mit nur wenig Mobiliar – und ganz und gar schlagsahneweiß. Valentina Pino Reyes hat drei solcher Räume gebaut und die zwei in ihnen eingesperrten Figuren in ebenfalls weiße Wäsche gesteckt.

Quasi-kriminalistische Wahrheitssuche

"Sie" trägt darüber einen silbernen Pagenkopf, "Er" einen zu lang und schlapp geworden Ex-Iro. "Sie" ist elegant, er eher ulkig, wenn er immer wieder in diese gezierte Tennis-Aufschlagspose schnellt. Sie spielt Agnes Decker, ihn Jens Schnarre. Und dass die beiden je miteinander zu Potte kämen, glaubt man vom ersten Moment an nicht. Da nutzt es auch nichts, wenn sie sich immer wieder synchron auf die Schenkel klopfen und gemeinsam in einer freudlosen Lache erstarren. Sie haben sich mehr zu- als miteinander verirrt in Sapir Hellers Inszenierung und vielleicht ja auch in Yasurs Stück, das davon handeln könnte, wie sie sich wiederzufinden versuchen und sich zugleich davor fürchten, jeder für sich, der eine im anderen, oder doch beide gemeinsam ihre verdrängte Vergangenheit? Man weiß es nicht.

BlaueStille3 600 Forster uAgnes Decker und Jens Schnarre © Forster

"Blaue Stille" ist ein seltsames Stück, seltsamer und deutungsoffener noch als das 2019 ebenfalls von Heller am Münchner Volkstheater inszenierte "Amsterdam", aber wie dieses auf quasi-kriminalistischer "Wahrheits"-Suche, wobei Enthüllungen und Verschleierungen schwer voneinander zu unterscheiden sind. Als "Theaterstück in fünf Zimmern", in dem durch sprunghaftestes Assoziieren und wildes Kombinieren immer der Weg in das jeweils nächste gefunden werden muss, hat es ein bisschen was von Sartres "Geschlossene Gesellschaft" – die zwei sind einander auf Gedeih und Verderb ausgeliefert –, Becketts "Warten auf Godot" sowie von einem albtraumhaften Escape Room, in dem der Weg nach oben zwischen den Leichen im Keller endet und in einem Kleiderschrank ein Mädchen hängt.

Verdränger brüten Verschwörungstheorien

Heller hat ein Händchen für die eigenwilligen, nicht-realistischen Bewegungssprachen, nach denen die Stücke der israelischen Autorin verlangen. Die Schatten an den weißen Wänden hinter ihnen spielen mit, wenn Decker und Schnarre einen mirakulösen Kreis vor dem Körper beschreiben oder wie Taschenmesser zusammenklappen. Der Variantenreichtum ihrer Posen ist reduziert. Das verdeutlicht das Gefängnis, aus dem sie nicht entkommen, lässt aber leider auch das Interesse an ihren inneren Regungen abflauen. Die Schlüssel zu sich selbst haben diese beiden eigenhändig weggeschmissen, ihre "Gedächtniskarten", wie sie es nennen. Auch wenn sie reflexartig "die Behörden" oder einen gewissen Sasportas beschuldigen, der vermutlich Jude ist. Verschwörungstheoretiker, die Sündenböcke suchen?

BlaueStille2 600 Forster uDecker, Schnarre, Musikerin Franziska Roth © Forster

"Blaue Stille", schreibt Yasur, ist "das, was passiert, wenn man die Karte rausnimmt, wenn das System ohne Geräusche ist" und das Gedächtnis leer. Diese Leere füllt sich praktisch automatisch mit Verdachtsmomenten; durch sie wird hier mit Worten navigiert, die sich vom assoziativen Dialog im Konjunktiv immer wieder ins Erzählen in der zweiten Person zurückziehen: "Du tippst die Worte aus voller Kehle" oder "deine Brüste standen aufrecht wie die Statuen eines Diktators", heißt es da etwa. Mit forciertem Schwulst hält man eine Wahrheit auf Abstand, die offenbar schwerer zu ertragen ist als ausbuchstabierte Katastrophenszenarien von einem "nuklearen Holocaust". Im Text ist diese Wahrheit amorph, unklar, ob es eher um Verdrängung geht oder um das Offenhalten des Möglichkeitsraums, in dem man Fotograf, Kunstkritikerin oder Serienmörder sein kann und nichts davon sein muss.

Die bedeutsame Dritte

In Memmingen werden die fünf Möglichkeitsräume von Raum zu Raum konkreter. In einem mischen sich Requisiten in Yves-Klein-Blau ins Weiß, im nächsten steht "BLUT" an der Wand und eine rote Scherenschnitt-Pfütze liegt auf dem Boden. Außerdem ist von Beginn an eine dritte Person auf der Bühne, die Yasur nicht als dramatis personae aufführt: Man kann Franziska Roth einfach als die Musikerin sehen, die Geige und Klavier spielt und die anderen singend übertönt.

Wer das Stück gelesen hat, denkt bei der Riesenschleife im weißen Haar gleich an das abgetriebene, ermordete oder anderweitig verlorene Kind, das als das greifbarste Vergangenheits-Partikel durch die Räume spukt. Ihm einen Körper zu geben ergibt damit zwar Sinn und balanciert die Szene optisch und spannungstechnisch aus. Gleichzeitig aber schiebt sich so das Verdrängungsthema naseweis in den Vordergrund. Das macht den Möglichkeitsraum für die eigene Phantasie unnötig klein.

 

Blaue Stille (The Exiteers)
Uraufführung
Schauspiel von Maya Arad Yasur
Aus dem Hebräischen von Matthias Naumann
Inszenierung: Sapir Heller, Bühne und Kostüme: Valentina Pino Reyes, Dramaturgie: Thomas Gipfel.
Mit: Agnes Decker, Franziska Roth und Jens Schnarre.
Premiere: 2. Oktober 2020, Landesheater Schwaben
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.landestheater-schwaben.de

 

 

Kritikenrundschau

Ein "fabelhaftes, höchst konzentriertes, temporeiches, spannendes Kombinationsspiel" hat Brigitte Hefele-Beitlich für die Memminger Zeitung (5.10.2020) gesehen: "Nichts ist sicher in diesem eigenwilligen Escape-Raum des Lebens. Das hat Heller fein herausgearbeitet, mit Schauspielern, die sich mit großer Spiellust einlassen auf die 'Blaue Stille'."