Die rostende Revolution

von Frauke Adrians

Potsdam, 2. Oktober 2020. Ein Stück mitten aus dem Leben der wiedervereinigten Nation, uraufgeführt zum 30. Jahrestag: Ein Denkmal soll errichtet werden, um an die friedliche Revolution und ihre mutigen Revolutionäre zu erinnern. Zur Auswahl stehen drei Denkmalsentwürfe auf riesigen Papierbahnen, einer dämlicher als der andere. Nun muss eine Jury entscheiden, welches Modell dem Geist des zu feiernden Weltereignisses am ehesten entspricht. Die Plexiglasbox, in die der Bürger seine Zettelchen mit guten Wünschen einwerfen darf? Der undefinierbare Bronzefladen, gestaltet von einem hawaiianischen Weltkünstler und garniert mit viel verbalem Ethno-Schwurbel? Oder die 30 Meter hohe Eisenstele, die binnen 30 Jahren symbolträchtig verrosten und sich auflösen soll?

Auf so einer Basis ließe sich eine womöglich nicht tiefschürfende, aber immerhin lustige Satire über die Unfähigkeit selbst der Wohlmeinendsten und Geschichtsbewusstesten inszenieren, der deutschen Wiedervereinigung ein Denkmal zu setzen; das Wort "Wippe" schwingt mit.

Front deutscher Gedenkkultur

Aber Julia Schoch hat mehr vor mit ihrem ersten Theaterstück. Die titelgebende Jury tritt vierköpfig in Erscheinung, besteht aber im Grunde nur aus zwei Frauen und ihren gegensätzlichen Positionen. Marion Grothmann (Bettina Riebesel) wird von den anderen halb ehrerbietig, halb überdrüssig als "Revolutionärin der ersten Reihe" tituliert. Sie hütet eifersüchtig ihre Erinnerungen, denn sie war dabei, damals, und leitet daraus den Anspruch ab, allein über "ihr" Denkmal bestimmen zu dürfen, auch wenn sie den anderen stets Gemeinsinn predigt. Jenny Adler (Franziska Melzer) hingegen bekleidet die Position der kunstsinnig Intellektuellen, ist aus Überzeugung individualistisch bis egozentrisch und kann die alte Leier der Revolutionsveteranen nicht mehr hören.

jury 664 600 Thomas M JaukStreitende Geister: Franziska Melzer als kunstsinnig Intellektuelle, Bettina Riebesel als Revolutionärin und die Frage, welches Denkmal das richtige ist © Thomas M. Jauk

So typenhaft Julia Schoch die beiden Frauenfiguren angelegt hat – und so zugespitzt Catharina Fillers sie auf die Bühne des Hans-Otto-Theaters bringt, dauerempört und zu Tränen neigend die eine, kühl und spöttelnd die andere –, so uninteressant sind sie für den Zuschauer.

Verdammt lang her

Es liegt eine gewisse Tragik in Marions Erkenntnis, dass sie mit ihren Erinnerungen niemanden mehr hinter dem Ofen hervorlocken kann, nicht mal den eigenen Enkel, und dass das künftige Denkmal bloß manifestieren wird, dass das alles wirklich ganz schön lange her ist. Aber letztlich schmeckt der Theaterabend so abgestanden wie die Memoiren der alternden Veteranin von 1989/90, weil er über Klischees nicht hinauskommt, die kein bisschen jünger sind.

jury 684 600 Thomas M JaukIm Terrarium: Urwalds-Bühnenbild von Maria Wolgast in "Die Jury tagt" in Potsdam © Thomas M. Jauk

Das gilt auch für die beiden männlichen Randfiguren in der Jury: Moritz Böck (Henning Strübbe), Twitterbeauftragter seines Ministerpräsidenten, unbefleckt von jeglicher eigenen Meinung, und Robert Gericke-Wysenthal (Joachim Berger), Pharmaerbe und Immobilienmillionär, der die halbe Stadt aufgekauft hat, insbesondere die Fläche, auf der das Denkmal stehen soll, für das er im Übrigen auch das Geld gibt. In dieser Anordnung haben die Figuren notwendigerweise auch etwas Komisches: der junge Böck, der den alten Gericke-Wysenthal stotternd als "Sponsor-Spender-Mäzen" tituliert, und der so angesprochene Senior-Wessi, der die junge Adler mit ranzigen Komplimenten nervt.

Draußen toben Demonstranten

Aber weil auch diese komische Note nicht für einen unterhaltsamen Theaterabend reicht und weil Julia Schochs Figuren keinen neuen oder auch nur interessanten Gedanken zum Thema "30 Jahre Wiedervereinigung" beizutragen haben, greift Catharina Fillers mit beiden Händen zum Mittel der Verfremdung und verlegt die Jurysitzung in eine bizarre Umwelt: halb Terrarrium, halb Urwald, zudem tobt vor der Tür eine gewaltsame Demonstration von zunehmend bedrohlichen Ausmaßen. Je mehr die Zusammenkunft unter diesen Umständen aus dem Ruder läuft, desto stärker tritt die animalische Seite der Jurymitglieder zutage.

Das hat einen gewissen Schauwert, mehr aber nicht. Es erzeugt nicht einmal Spannung. Und als seien auf der Bühne nicht schon genug Klischees unterwegs, hat Julia Schoch ihrem Stück auch noch einen Engel (Mascha Schneider) mitgegeben, der zeitlose Betrachtungen zum Aufbauen und Abreißen von Mauern anstellt. Immerhin: Sein Auftreten verleiht Catharina Fillers' Inszenierung einen Rahmen. Nur, was wird da eigentlich umrahmt, was man nicht schon in ach-so-vielen Diskussionsrunden gehört, in Leitartikeln gelesen und auf anderen Bühnen gesehen hat?

 

Die Jury tagt
von Julia Schoch
Uraufführung
Regie: Catharina Fillers, Bühne & Kostüm: Maria Wolgast, Musik: Marcel Schmidt, Dramaturgie: Bettina Jantzen.
Mit: Joachim Berger, Bettina Riebesel, Franziska Melzer, Henning Strübbe, Mascha Schneider.
Premiere am 2. Oktober 2020
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.hansottotheater.de

 

Kritikenrundschau

Karim Saab spricht in der Märkischen Allgemeinen (5.10.2020) von einer "gewagten Umsetzung" des Stücks, dem es ebenfalls nicht an feinem Humor und weiterführenden Gedanken mangele.  Auch stehe diese Uraufführung Potsdam gut zu Gesicht. Aus Sicht des Kritikers erweist es sich als Glück, dass Regisseurin Catharina Fillers  im Kinder- und Jugendtheater beheimatet sein, "und die dort üblichen Überzeichnungen und irrwitzigen Gags" auf die Erwachsenenbühne übertrage. So hauche sie der nicht ganz ausgereizten Satire unterhaltsame Theatralik ein.

Von einem "Text von Yasmina-Reza-mäßiger Plauderhaftigkeit spricht Lena Schneider in den Potsdamer Neuesten Nachrichten (5.10.2020) und hat speziell am starken Dialogpingpong ihren Spaß. Manchmal allerdings findet die Kritikerin die Sätze größer als die Figuren und fragt: "Wird man den Menschen so gerecht?" In der Inszenierung Katharina Fillers kaum, so die Antwort. "Alles in ersten Linie Komödianten. 

Ohne die vielen, manchmal surrealen Effekte und Phantasieebenen, denen Michael Laages in der Sendung "Fazit" von Deutschlandradio Kultur  (3.10.20920) durchaus einiges abgewinnen kann, bliebe die Kerndebatte des Stücks um Geschichte und das Bewusstsein von ihr eher ein bisschen mürbe. Die Potsdamer Uraufführung aber füge ihr nun eine Portion Albtraum hinzu.  "Und das ist auch gut so".

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