Hitler braucht einen Coach

von Andrea Heinz

Wien, 9. Oktober 2020. Es erhärtet sich der Verdacht, dass Burgtheater-Direktor Martin Kušej sich an der Ära Peymann abarbeitet: Zur Eröffnung inszenierte er letztes Jahr Kleists Hermannsschlacht. In der zweiten Saison gibt es nun, kurz nachdem Peymann drüben an der Josefstadt bei der Generalprobe der Bernhard-Dramolette Der deutsche Mittagstisch huldvoll einem verzückten Publikum zuwinkte, Taboris "Mein Kampf". Die Uraufführung erregte zu Peymanns Zeiten an der Burg die Gemüter. Hauptdarsteller Ignaz Kirchner bekam während der Proben Scheiße zugeschickt, schön verpackt in einem Demel-Karton. (Für alle Nicht-Wiener*innen: k.u.k. Hofzuckerbäcker.)

Großer Saal, kleine Bühne

Inszeniert hat "Mein Kampf" Itay Tiran. Und soviel kann man gleich am Anfang sagen: Scheiße wird dafür niemand geschickt bekommen. Während die Uraufführung damals im Akademietheater stattfand, hat man das Ganze nun ins große Haus verlegt. Wegen der großen Bühne eher nicht, das kluge Bühnenbild von Jessica Rockstroh, ein dreiseitiger Wandverbau aus Paneelen von deutscher Sauna-Eiche, die sich flexibel weg-, aus- und zum Bügelbrett hochklappen lassen, füllt nur die Vorderbühne. Aber man rechnet wohl damit, dass, zumal mit Corona-Saalplan, der Publikumsandrang zu groß sein wird für das Akademietheater. Das kann gut sein.

 MEIN KAMPFFarce von George TaboriDeutsch von Ursula Grützmacher-TaboriPremiere am 09.10.2020, BurgtheaterSaison 2020/21Regie: Itay TiranBühne: Jessica RockstrohKostüme: Su SigmundMusik: Dori ParnesLicht: Michael HoferDramaturgie: Alexander KerlinHerzl: Markus HeringLobkowitz: Oliver NägeleHitler: Marcel HeupermanGretchen: Hanna HilsdorfHimmlisch: Rainer GalkeMizzi, ein Huhn: "Birne"Das Bühnenbild von Jessica Rockstroh © Marcella Ruiz Cruz

Der Abend hat Tempo, das Ensemble ist toll: Marcel Heuperman spielt den jungen Hitler als Oliver-Hardy-Riesenbaby in Kniestrümpfen, das sich ständig die rutschende Unterhose über den nackten Hintern zieht, Markus Hering im Dittsche-Look den grundsympathische Schlomo Herzl, der sich aufopfernd um den egozentrischen Hitler kümmert, ihn quasi coacht, bis dieser zu dem Diktator und Massenmörder wird, als den wir ihn kennen. Wirklich großartig auch Oliver Nägele als Lobkowitz. Bei Rainer Galke wiederum fragt man sich schon langsam, wieso man den Mann vom Volkstheater geholt hat, wenn man ihn nun kaum zeigen lässt, was er kann – dass er etwas kann, hat er auf der anderen Ringseite doch hinreichend bewiesen. Hier hat er dazu als Hitlers Scherge Himmlisch nur kurz Gelegenheit.

Gefährliche Harmlosigkeit

Der Abend schnurrt also schön dahin – und da liegt genau das Problem. Man kann schon verstehen, wieso sich Tiran als Enkel einer Holocaust-Überlebenden diesen Stoff ausgesucht hat, der ja, bei allem beißenden Witz, etwas wahnsinnig Trauriges hat: Fantasiert das Stück doch, dass ausgerechnet ein Jude die Macht gehabt hätte, Hitler zu dem zu machen, der er war. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass er auch die Macht gehabt hätte, ihn zu verhindern. Dazu passt, wie Hering in kleinen Pausen, bei gedimmtem Licht, seine Mitspieler*innen herumrichtet und drapiert, als würde er das Ganze inszenieren. Eine Allmachtsphantasie, während man die eigene Ohnmacht mit erdrückender Klarheit erlebt, denn natürlich entgleitet ihm "seine" Inszenierung immer wieder und wendet sich schließlich gegen ihn.

Wie dieses Stück hier aber inszeniert wird, gibt ihm eine gefährliche Harmlosigkeit: Die Typenparade, angefangen beim feisten Hitler-Baby, das ständig, hihi, furzt, macht das Geschehen zu einer Art NS-Folklore, die niemandem weh tut. Man muss es vielleicht noch mal dazusagen, aber dieses Stück ist vor 33 Jahren uraufgeführt worden. Damals fing man, auch im Zuge der Waldheim-Affäre, erst zaghaft an, die Opferdoktrin von Österreich als erstem Opfer Hitlers zu hinterfragen.

MEIN KAMPFFarce von George TaboriDeutsch von Ursula Grützmacher-TaboriPremiere am 09.10.2020, BurgtheaterSaison 2020/21Regie: Itay TiranBühne: Jessica RockstrohKostüme: Su SigmundMusik: Dori ParnesLicht: Michael HoferDramaturgie: Alexander KerlinHerzl: Markus HeringLobkowitz: Oliver NägeleHitler: Marcel HeupermanGretchen: Hanna HilsdorfHimmlisch: Rainer GalkeMizzi, ein Huhn: "Birne"Hitler am Boden: Marcel Heupermann © Marcella Ruiz Cruz

Und auch das Verhältnis der Geschlechter war noch ein wenig anders. Wahrscheinlich wurde auch die Männerphantasie in "Mein Kampf" noch anders wahrgenommen, in der sich das 14-jährige Gretchen (!) die Kleider vom Leib reißt und sich an den doch ein wenig reiferen Schlomo heranschmeißt, der sie, schon auch geschmeichelt, abwehrt, aber sie natürlich unbeirrbar: "Ich habe dir mein Hymen gebracht". Man kann sich dazu verhalten als Regie. Aber man kann natürlich auch einfach eine leicht bekleidete Schauspielerin (Hanna Hilsdorf) nehmen, sie mit Goldfarbe einsprühen und bäuchlings, die Beine Fragonard-mäßig in der Luft schwingend, auf den Boden legen und mit halb geöffneten Lippen den monologisierenden Schlomo anhimmeln lassen.

Überhaupt weiß man mit den Frauenrollen nicht viel anzufangen. Dass das kulturgeschichtliche Motive sind, die Frau als Körper, als Sex oder (von Sylvie Rohrer schön abgedreht gespielt) Frau Tod, sollte ja eigentlich bekannt sein. Regisseure wie Christoph Marthaler wissen damit, etwa in seiner Festwochen-Inszenierung von Horváths Glaube Liebe Hoffnung, auch umzugehen. Hier wird so getan, als wäre das halt einfach so. Und aus.

Fehlende Auseinanderstzung

Das weit größere Problem dieses Abends ist aber, ähnlich wie schon bei der jüngsten Peymann-Premiere in der Josefstadt, sein Umgang mit der NS-Thematik. Wenn man so einen Text auf die Bühne bringt, sollte man schon wissen, was man damit sagen will und wie. Einmal kurz, während Schlomo Hitlers Lederhose bügelt, im Radio ein bisschen HC Strache reden zu lassen, das reicht nicht. Wenn man diesen irgendwie doch sehr gediegenen Abend so sieht, hat man das Gefühl, das mit dem Nationalsozialismus war zwar eine schlimme Sache, aber ist ja jetzt vorbei und passiert auch nie wieder. Das mag schon stimmen, übersieht aber, dass die Antisemit*innen und Demokratieverächter*innen heute anders aussehen als vor 30 oder 70 Jahren.

Es ist in etwa so, wie sich in Deutschland alle überschlagen vor lauter Hitlers Hunden und Frauen und Lieblingsessen, vor Staatsräson und Nie wieder – und sich dann wundern, dass es plötzlich überall Rassist*innen und Rechtsradikale gibt, die schauen ja ganz anders aus, die haben wir nicht erkannt. Vor 33 Jahren war es noch skandalös, ein Stück über die NS-Vergangenheit zu zeigen. Heute gehört das zum Standard-Repertoire. Wirklich mit der Thematik auseinanderzusetzen scheint sich aber kaum mehr jemand. Das ist, angesichts dessen, was um uns herum gerade passiert, beinahe schon fahrlässig.

 

Mein Kampf
von George Tabori
Regie: Itay Tiran, Bühne: Jessica Rockstroh, Kostüm: Su Sigmund, Licht: Michael Hofer, Dramaturgie: Alexander Kerlin, Musik: Dori Parnes.
Mit: Markus Hering, Oliver Nägele, Marcel Heuperman, Hanna Hilsdorf, Sylvie Rohrer, Rainer Galke.
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause.

https://www.burgtheater.at/

 

Kritikenrundschau

Der "Kraftschauspieler" Marcel Heuperman "ist ein kotzendes, den gröbsten Unsinn herausposaunendes Ereignis: halb Oger, halb Oliver Hardy", schreibt Ronald Pohl in Der Standard (10.10.2020). Aber sonst kranke die Inszenierung "dezidiert an ästhetischer Unentschlossenheit": "So wichtig es ist, George Taboris Werk wiederaufgeführt zu wissen: Es ließen sich eine wildere, anarchischere Abrechnung mit der Schöpfung denken."

"Das Ensemble spielt exzellent, übertaucht auch gekonnt einige Längen in der Mitte dieser pausenlosen, 130 Minuten langen Aufführung", schreibt Norbert Mayer in Die Presse (10.10.2020).

"Der Kontrast zwischen dem massigen und großgewachsenen Heuperman und Hering, der in der Nähe des Hitler-Darstellers wie unter Strom steht, könnte nicht größer sein. Die beiden Schauspieler stürzen sich todernst in ihre komödiantischen Duelle, die zu den Höhepunkten der zweistündigen Aufführung gehören, sie bringen einen zum Lachen, obwohl einem eher zum Weinen zumute ist. Szenischer Amoklauf, Paarlauf deluxe", schreibt Petra Paterno von der Wiener Zeitung (11.10.2020). Aber allmählich entgleite der Abend, verliere er Form und Rhythmus. "Der ohnehin schon zugespitzte Text, Schmerz und Scherz sind bei Tabori stets zwei Seiten einer Medaille, wird immer noch überdrehter dargestellt, der szenische Mehrwert ist allerdings fraglich. Der berückende Regieansatz, 'Mein Kampf' als Trauma-Flashback, geht in dem ganzen Wirbel leider unter."

"Abgrundtief tragikomisch" sei dieser Abend, so Martin Lhotzky in der Frankfiurter Allgemeinen Zeitung (13.10.2020). "Ich weiß, ich weiß alles. Behalten Sie’s bitte für sich", erwidert Schlomo Herzl auf Frau Tod. "Ja, er weiß es. Tabori wusste es. Und wir, selbst wenn wir es zuvor noch nie gehört haben sollten, dürfen es nach diesem Abend niemals vergessen."

Regisseur Tiran habe Auschwitz in das Stück eingeschrieben, so Wolfgang Kralicek in der Süddeutschen Zeitung (14.10.2020): "In seiner Fassung hat Schlomo nicht nur 2000 Jahre Judenverfolgung hinter sich, sondern auch die Shoah, auf seinen Unterarm ist eine Nummer ('mein VIP-Stempel') tätowiert; dass diese zeitlose Figur hier offenbar in die Zukunft reisen kann, ist ein stimmiger, plausibler Kunstgriff." Besonders angetan hat es dem Kollegen Schauspieler Markus Hering: "Schlomo Herzl ist die Rolle, auf die er lange warten musste, und das Warten hat sich gelohnt. Hering ist immer ganz bei sich, er spielt natürlich und kontrolliert, verzweifelt und komisch zugleich: Hiob als Komiker, der ewige Jude als Woody-Allen-Figur."

 
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