Ist es falsch, nichts zu fühlen?

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 11. Oktober 2008. Erst einen bunten Ball. Dann den rosa Elefanten. Einen riesigen Hasen hinterher. Und Tiger. Pferdchen. Pandabär. Immer weiter, immer mehr. In hohem Bogen fliegen die Flauschesachen auf die Bühne, treffen lautlos auf, ganz weich, schmerzlos. Bleiben wie tot liegen. Mitten drin auf diesem Friedhof der Kuscheltierchen: Torvald, der mit seiner Vorfreude auf sein Ungeborenes wie ein Kind um sich wirft. Und Nora. Eine junge Frau mit einem dicken Bauch, die plötzlich Angst bekommt. Vor sich selbst, vor der eigenen Schuld und der großen Leere.  

Die infantile Spielzeugkaskade als Symptom einer Generation von unreifen Mitdreißigern zwischen Drogen, Coolness und kleinbürgerlichem Verantwortungsstress. Dazu ein Sofa in einem offenen Designerloft mit Stehbar, das Ganze geschmackvoll und teuer anmutend integriert in eine phantasievolle Halfpipe.

Saufend und koksend durchs Leben
Schließlich war Torvald (Sebastian Nakajew) mal ein Skatergott, doch nach der Frühverrentung verdient er nun als berufsjugendlicher Chefredakteur im Zielgruppenmagazin "Nobored" seinen exklusiven Lebensunterhalt. Irgendwann lief es nicht so gut und die eigentlich ziemlich lässige Nora ging mit dem Junkie Frode Quale (Florian von Manteuffel) ins Bett, damit sich finanziell wieder alles einrenkt. Jetzt ist sie schwanger, wahrscheinlich von Frode Quale, der bei Nobored für schmuddelige Sonderaufgaben zuständig ist.

Das stört nicht weiter. Nora und Torvald wünschten sich ja ohnehin seit Längerem ein Kind. Und mit dem Faktotum des Hauses, dem immer anwesenden, unterhaltsam suizidgefährdeten und latent in Nora verschossenen Dr. Rank würde diese stylische Postpubertätskommune bis in alle Ewigkeit saufend und koksend durchs Leben skaten. Doch dann kommt unerwartet Kristine ins Spiel.

Was das Bühnenbild von Jan Freese allerdings immer wieder verspricht, vermag der Text nicht zu halten. "Noras Baby" von Matias Faldbakken als deutsche Erstaufführung im Stuttgarter Staatsschauspiel will eine freie Interpretation von Henrik Ibsens Nora sein, wo die perfide Ökonomie der gesellschaftlichen Verhältnisse eine Frau dazu zwingt, sich gegen ihren Ehemann und ihre Kinder zu entscheiden.

Tiefgekühltes Alphamädchen
Ein Skandal im 19. Jahrhundert. Um den Tabueffekt zu steigern, ersetzt Faldbakken sinnigerweise den Burn-out der romantischen Mutter durch die von einem tiefgekühlten Alphamädchen vorgenommene Kindstötung. "Ich war der Body-Bag, der ein Leben beinhaltete, von dessen Wert ich nichts ahne. Ein Leben, das noch kein Leben ist. Eine lebende Tote. Ein Ding." Rank, der vermeintlich zynische Hausintellektuelle, drückt die Hemmschwelle, in dem er eloquent zum postnatalen Abort ermuntert und selbst die Todesspritze im schreienden Körbchen ansetzt.

Als wissenschaftliche Fußnote erwähnt er eine Studie der Universität Berkeley mit der legitimierenden These, die Schwangerschaft würde nach der Geburt längst nicht enden und das eigentliche Leben noch nicht beginnen. Der dunkle, am Ende mit unsentimentaler Klarheit besiegelte Pakt zwischen Rank und Nora, zwei Menschen, die an nichts mehr glauben, die nicht mehr fühlen können, ist das Aparte an diesem merkwürdigen Ibsenabend, der keiner ist.

Die Idee der Abtreibung außerhalb des Frauenkörpers rechtfertigt noch lange nicht die vorausgehende krude Vergewaltigung des guten, alten Nora-Stoffes. Man schaut verwundert zu, lässt ein konstant pseudohysterisches "Scheiße, Scheeeeiße"-Staccato in seine Gehörgänge prasseln und fragt sich dazwischen des Öfteren: In einer Welt, in der die Leute dauercool und superindividuell sind und eine Frau für Geld mit einem Mann schläft, der nicht ihr eigener ist, warum sollte die dann erpressbar sein? Oder: Warum wollte überhaupt jemand den tölpelig-harmlosen Torvald ("Tschüssikowsky, der Herr") töten? Überhaupt: Weshalb investierte der Frauenflachleger Frode Quale ("Fickt alles") für eine kurze Affäre mit Nora dermaßen viel? Und: Wieso ist erst Torvald impotent, dann aber Frode Quale steril?

Aufgesetzter tragischer Überbau
All diese zugegeben mäßig verstörenden Fragen hätte man vielleicht mit einer Farce, mit einer völlig überdrehten Satire auf diese Bohème der halbintelligenten Versager und Bierchenschwenker beantworten können, doch weder Autor noch Regie (Katja Wolff) hatten offensichtlich den Mumm, einer Generation den fiesen Zerrspiegel vorzuhalten, die ungefähr so tiefgründig und anregend ist wie die oszillierende Retrotapete hinter einem DJ-Pult in einem total angesagten Club kurz vor halbdrei in der Großstadtfrüh: Faldbakken feat. Ibsen.

Man riskiert lieber die dramatische Fallhöhe, motiviert gewissermaßen von hinten das winzige Mordsstück durch das vorangegangene große, brave, viel zu ernst genommene Schwaller-Dramolett. Die Schauspieler spüren das, schwanken zwischen Jargontreue, Witz, Selbstironie einerseits und dem aufgesetzten tragischen Überbau andererseits.

Hanna Scheibe hat es am schwersten, weil sie ihre durchgeknallte Zottelnora am liebsten der Lächerlichkeit preisgegeben hätte. Außer im eindrucksvollen Spiel mit Sebastian Röhrle, der seinen guruhaften Dr. Rank sehr geschmeidig einbringt und mit verführerischem Intellekt versieht: Ganz leicht gehen dieser Nora die Worte über die Lippen, als sie auf ihren High-Heels zum Publikum stehend mit kajalverschmierten Riesenaugen sinniert: "Ist es falsch, nichts zu fühlen? Ganz kalt zu sein?"

Noras Baby
von Matias Faldbakken (DEA)
nach Ibsens "Nora (Ein Puppenheim)"
deutsch von Hinrich Schmidt-Henkel
Regie: Katja Wolff, Dramaturgie: Christian Holzhauer, Bühne: Jan Freese.
Mit: Hanna Scheibe, Sebastian Nakajew, Stephanie Schönfeld, Sebastian Röhrle, Florian von Manteuffel.

www.staatstheater.stuttgart.de

Mehr lesen? Im Januar brachte Volker Lösch den Debütroman des norwegischen Schriftstellers und Bildenden Künstlers Matias Faldbakken (*1973) The Cocka Hola Company auf die Bühne des Stuttgarter Theaters.

Kritikenrundschau

Matias Faldbakken habe sich mit seinem Theater-Erstling "Noras Baby" als "gewiefter Psychodramatiker" entpuppt, meint Jürgen Berger in der Süddeutschen Zeitung (13.10.2008). Er warte mit exzellenten Dialogen auf und biete "eine derart einschneidende 'finale' Lösung, dass man sein Stück auch als moralphilosophische Fragestellung im Zeitalter der Reproduktion von Humanmaterial verstehen kann." Katja Wolff inszeniere die Stuttgarter Aufführung "eher zurückhaltend, im Dienst des Autors, und schick realistisch im Stil eines Thomas Ostermeier", erlaube sich aber eine "entscheidende Akzentuierung", indem sie die Protagonisten als "Vertreter etwas tiefer gelagerter sozialer Schichten" charakterisiere. "Interessanterweise" passe das "verblüffend gut zur Atmosphäre des Stücks".

Martin Halter bezeichnet Matias Faldbakkens "Noras Baby" in der Frankfurter Allgemeinen (13.10.2008) als "ein kaltes Produkt des Provokationsgeschäfts", "eine 'Nora' der härteren, postdramatischen Sorte". Hanna Scheibe als Nora denke und spreche "über ihre Schwangerschaftsgelüste wie Charlotte Roche über ihre Feuchtgebiete oder Britney Spears übers Jugendamt". Alles sei wie bei Ibsen, nur "die Moral ist von einem anderen Stern": "Emanzipierte sind Prostituierte; die Freiheit, deretwegen Nora aus ihrem Puppenheim auszog, führt geradewegs zu Abtreibung und Mord. Eine erzreaktionäre These, aber das Thesendrama über Mutterschaft in der Wegwerfgesellschaft funktioniert ja auch nicht, jedenfalls nicht in Katja Wolffs Inszenierung."

Für die Stuttgarter Nachrichten (13.10.2008) hat Nicole Golombek in Faldbakkens Stück einige Ungereimtheiten aufgespürt, Faldbakken halte "sich recht schludrig an die Dramaturgie der Vorlage", ihn interessiere jedoch anderes, und so lasse er die Frage stellen: "Ist der nach der Geburt noch so lange allein nicht lebensfähige Säugling überhaupt schon ein Mensch? Sollte man postnatale Abtreibung zulassen?" Regisseurin Katja Wolff betone "die Kleinkariertheit der Figuren durch boulevardeske Eheprügelszenen, wie sie nicht im Textbuch standen. Durch wortlose Gesten" zeige sie zudem "Gespür für Timing". Das Ensemble agiere "entspannt" und lasse doch "die Kleingeistigkeit der Figuren durchscheinen". Fazit: "Was bleibt, sind einige starke Bilder."

In der Eßlinger Zeitung (13.10.2008) schreibt Inge Bäuerle, dass bei Faldbakken "das alte, von Normen gesteuerte Ibsen-Bürgertum durch ein aktuelles ersetzt" werde, "das aus der Subkultur kommt (...) und moralische Werte durch kapitalistische Beziehungsstrukturen, Modedrogen und Lifestyle ersetzt. Bevor man zu überlegen beginnt, ob das in dieser Überdeutlichkeit sein muss, zieht einen das Beinahe-Kammerspiel, das Katja Wolff mutig und temporeich inszeniert, in den Bann." Wolff schaffe "liebenswert lächerliche Momente (...), um im nächsten Moment die Komik in Grauen zu wenden". Brillant sei es, "wie sich das Ensemble über die Schwächen des konstruierten und recht eindimensionalen Ibsen-Abglanzes" navigiere. "Fast übersieht man, dass die moderne Nora gar keine Fallhöhe hat".

 
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