Wie man Amerikaner wird

von Shirin Sojitrawalla

16. Oktober 2020. Das Motto für seinen zweiten, um es vorwegzunehmen brillanten Roman, leiht sich Ayad Akhtar bei der Autorin, Comiczeichnerin und Test-Erfinderin Alison Bechdel: "Ich kann mir nur etwas über Dinge ausdenken, die schon geschehen sind …". Das Zitat, das Akhtar dem Buch voranstellt, birgt den Kern seiner Poetik. Alles, was er schreibt, mag es noch so unwahrscheinlich daherkommen, ankert in der Wirklichkeit. Das gilt für seine Theaterstücke wie für seine Romane. Nach seinem Debüt-Roman "Himmelssucher" (2012), der Coming-of-Age-Geschichte eines amerikanischen Kindes pakistanischer Eltern, legt er jetzt mit "Homeland Elegien" seine gefakte Autobiografie vor und treibt damit das Genre Autofiktion zur neuen Blüte.

Trumps Leibarzt

Der Ich-Erzähler des Romans ist nicht Ayad Akhtar selbst, darauf legt er Wert. Er ist zwei Jahre jünger, ähnelt seinem Schöpfer aber in vielem. So stammen seine Eltern auch aus Pakistan, ist er wie Akhtar in den Vereinigten Staaten geboren und schreibt preisgekrönte Theaterstücke, in denen er die Gegenwart Amerikas fokussiert. Akhtar erzählt die Geschichte dieses Schriftstellers und die seiner Eltern, Einwandergeschichten von muslimischen Amerikanern. Während seine heimwehgeplagte Mutter bewegend beweist, dass man das richtige Leben im falschen Land leben kann, arbeitet sein Vater zunächst als erfolgreicher Arzt, der unter anderen Donald Trump behandelt und bewundert. Sein Sohn ist zwar Amerikaner, findet aber, wenn er in den Spiegel schaut, er sehe nicht wie einer aus.

Ähnlich wie der in London lebende pakistanische Schriftsteller Mohsin Hamid in seinem Roman "Der Fundamentalist, der keiner sein wollte" erzählt auch Akhtar von den gesellschaftlichen Verschiebungen seit den Anschlägen vom 11. September 2001. Plötzlich gehören Muslime nicht mehr dazu. Oder hatten sie auch zuvor nicht dazu gehört?

Stars and Stripes-Flagge vorm Haus

Akhtar nähert sich Fragen wie dieser, indem er unterschiedliche Erfahrungen personifiziert. Sein Ich-Erzähler antwortet nach 9/11 auf die Frage nach seiner Herkunft "Indien" und nicht mehr "Pakistan" und kauft Stars and Stripes-Flaggen in Mengen, um seine Zugehörigkeit zur amerikanischen Nation breitflächig zu demonstrieren.

Cover HomelandElegienAkhtar folgt der weitverzweigten Familie seines Erzählers nach Pakistan, erzählt von der Teilung des Subkontinents, vom Krieg in Afghanistan, der unrühmlichen Rolle der Vereinigten Staaten und den Anfängen von Al-Qaida sowie von der migrationsbedingten Fremdheit zwischen Eltern und Kindern und von Muslimen, die ihre Sehnsucht nach einem Zuhause mit Religion stillen. Die Diaspora als hartes Pflaster. Der Erzähler hält mit Witz, Esprit und vitalen Dialogen dagegen. Wie in seinen Theaterstücken bereitet es ihm diebische Freude, seine Figuren in Dilemmata zu stecken wie in Zwangsjacken.

Sein mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnetes und 2016 zum Theaterstück des Jahres gekürtes Drama "Geächtet" spielt mit dem moralischen Zwiespalt sowie mit dem Umstand, dass man nie genau weiß, wie eigentlich der Autor selbst zu all dem steht.

In seinem Roman duckt er sich abermals hinter die vielen von ihm aufgefädelten Lebensläufe. Sie erzählen davon, wie man in Amerika reich und wieder arm wird, die Liebe sucht und Sex findet, sein Geld verspielt und seinen guten Ruf wahrt. Die alles überwölbende Frage aber lautet: Zu welchem Wir gehört man? Und zu welchem will man gehören?

Zustand der ganzen Welt

Akhtar erzählt mitunter rasend komisch von einem gravierenden Vater-Sohn-Konflikt und vom Abstieg Amerikas. Dabei erweist er sich als herausragender Erzähler, dem man stundenlang zuhören möchte. Er vermisst die moralische Landkarte Amerikas neu, prangert den finanzmarktgesteuerten Turbokapitalismus an und ergeht sich in vielerlei berechtigten Pessimismen. Es ist auch ein bitteres Buch. Seine elegische Grundhaltung bezieht sich auf Pakistan wie auf die Vereinigten Staaten, ja: auf den Zustand der Welt.

Sein Titel "Homeland Elegien" erinnert an einen Essayband von Salman Rushdie mit dem Titel "Imaginary Homelands". Rushdie und die Fatwa gegen seinen Roman "Die satanischen Verse" spielen in Akhtars Roman auch eine Rolle. Beide Autoren leben in New York und sind zumindest dem Papier nach Muslime. Kein Zufall, dass einer der Blurbs auf dem Cover von Rushdie stammt ("Leidenschaftlich, verstörend, fesselnd"). Ähm. Da schließe ich mich lieber der ebenfalls in New York lebenden Autorin Sigrid Nunez an: "Jeder, der wissen möchte, wie Amerika zu dem wurde, was es heute ist, und auf welchen finsteren Wald es sich zubewegt, sollte dieses Buch lesen."


Homeland Elegien
von Ayad Akhtar
aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren
Claasen Verlag, 466 Seiten, 24 Euro

 

Nachtkritiken zu Stücken von Ayad Akhtar:

Geächtet am Residenztheater München (2/2016)

Geächtet am Burgtheater Wien (11/2016)

Die unsichtbare Hand am Schauspielhaus Bochum (12/2016)

The Who and the What am Schauspielhaus Hamburg (1/2017)

Geächtet am Schauspiel Köln (5/2017)

Junk am Schauspielhaus Hamburg (4/2018)

 
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