Durch den Gulli ins Herz

von Max Florian Kühlem

Kassel, 17. Oktober 2020. Seit 2451 Jahren denkt die (europäisch sozialisierte) Menschheit jetzt schon über diese Frage nach: Wie konnte Medea nur ihre Kinder umbringen? Man hat ihre schreckliche Tat als blutrünstige Rache, Akt der Verzweiflung, Selbstermächtigung oder feministischen Impuls in einer patriarchalen Gesellschaft gedeutet. Vielleicht ist sie aber bloß als Auftragswerk in die Literatur gewandert, weil die Korinther Euripides bestachen: Sie wollten nicht mehr so schlecht dastehen, weil sie es im Ursprung des Medea-Mythos waren, die Medeas Söhne lynchen wollten. Johanna Wehners konzentrierte Medea-Meditation am Staatstheater Kassel beschäftigt sich allerdings nicht nur mit dieser Frage.

Unerhört einsame Menschen

Der Regisseurin, die für ihre "Orestie" am selben Ort 2017 den FAUST-Theaterpreis bekam und also einige Expertise in der Auseinandersetzung mit dem antiken Mythos vorweisen kann, gelingt das Kunststück, gleichzeitig konsequentes Corona-Theater und trotzdem anregendes, körperliches, psychologisches Sprech- und Diskurstheater zu schaffen. Ihre fünf Figuren sind unerhört einsame Menschen. Sie bewegen sich auf Benjamin Schöneckers Bühne, die eine schummrige Straßenecke einer beliebigen europäischen Kleinstadt – oder die Szenerie aus einem Film des italienischen Neorealismus – darstellen könnte, nur in ihren eigenen Denk- und Erfahrungsräumen. Man kann sagen: in ihren eigenen Filterblasen.

medea 1 560 c n klinger uAn der schummrigen Straßenecke des eigenen Denkens: Rahel Weiss als Medea © N. Klinger

Christian Ehrich hat in Pelzmantel und mit goldener Kette (Kostüme: Miriam Draxl) den ersten Auftritt. Sein König Kreon lässt schwere Ringe an den Fingern seiner Faust klappern und seufzt: "Jaja, das Glück. Wer lebt glücklich?" Dieser Kreon ist einerseits existenzialistischer Philosoph, sieht das Leben als ein Spiel von Schatten, das in jeder Sekunde unerwartet vorbei sein kann. Andererseits ist er ganz der Welt abhanden gekommener, abgehobener Monarch, der sich viel einbildet auf die Zivilisation von Korinth, die die Barbarei angeblich hinter sich gelassen hat – und der nicht versteht, warum er eigentlich in den Konflikt um Medea hineingezogen wird. "Ich, ich, ich", flötet er gegen Ende. Dieser Bereich ist ihm – wie fast allen anderen Figuren – heilig und genug.

Vor den Trümmern der Liebe

"Ich" sagen können in dieser monologischen Inszenierung alle Figuren gut. Wenn Medea und Jason übereinander sprechen, dann benutzen sie allerdings keine Personalpronomen, sondern Artikel: "die" und "der", es fehlt nur der Zusatz "Alte". Dieser Slang würde jedenfalls passen zum Gestus des Kleinstadthelden, mit dem Hagen Bährs Jason auftritt: Er trägt eine Emo-Frisur, eine reich behängte Argonauten-Fantasie-Uniform und auf seiner Brust prangt ein Tattoo mit Schiffsrad und dem Namen der Königstochter Glauke, die er zu lieben glaubt. So wie Johanna Wehner ihn anlegt, ist jedoch klar, dass es ihm nicht um echte Liebe oder Glück oder den sozialen Fortschritt seiner Familie geht, die in Korinth quasi Flüchtlingsstatus hat, sondern vor allem um den eigenen Aufstieg. König werden, das wäre es doch!

Medea ist in diesem Spiel die einzige, die zumindest irgendwann mal nicht nur an sich selbst gedacht hat. Sie hat Jason wirklich geliebt, für seine Argonauten-Bande alle eigenen Bande gekappt, die Heimat verlassen und den eigenen Bruder getötet. Jetzt steht sie vor dem Trümmern dieser Liebe, Jason, das Königshaus und die ganze Stadt behandeln sie wie Abschaum und tatsächlich steigt sie bei ihrem ersten Auftritt aus der Kanalisation.

medea 2 560 c n klinger uAlles aufgegeben für die Argonauten-Bande: Hagen Bähr, Rahel Weiss @ N. Klinger

Wie Jason steht sie nahe eines Gullideckels, wenn sie über die gemeinsame Zeit räsoniert, und dieses auf den ersten Blick profan wirkende Requisit wird auf einmal multidimensionales Tor: zum eigenen und kollektiven Unterbewusstsein. Die Kanalisation rauscht aus ihm wie die tosenden Wellen auf den gemeinsamen Fahrten, erinnert an die mit ihnen verbundenen Versprechen an eine glückliche Zukunft, die nicht eingelöst wurden.

Töten, was sie geboren hat

Rahel Weiss' Medea-Monologe, die sich nicht nur aus der modernen Euripides-Übertragung, sondern zu großen Teilen auch aus Heiner Müllers "Medeamaterial" speisen, sind äußerst berückend, das Herzzentrum des Abends. Natürlich wird auch aus dieser Inszenierung niemand hinausgehen und sagen: "Klar, die musste ihre Kinder einfach umbringen!" Aber als Zuschauer versteht man doch, dass diese Frau in einer zutiefst patriarchalen Gesellschaft mit jeder Faser ihres Körpers ihrem Mann gehört – egal, ob er treu ist oder untreu. "Ich deine Hündin deine Hure ich / Ich Sprosse auf der Leiter deines Ruhms", sagt sie mit Heiner Müller vor unterdrückter Wut zitternd.

Medea hat mit ihrer Vergangenheit gebrochen und keine Zukunft mehr. Wenn sie Jason gegenübertritt, dann ist die Bühne voller Schatten, die größer erscheinen als die in ihrer gegenwärtigen Welt Gefangenen. Bloß: Jason kann seine Welt noch gestalten, Medea ihre nicht mehr. Der Mord an ihren Kindern entspringt dem Wunsch nach kompletter Selbstauslöschung – sie will töten, was sie geboren hat. Er ist somit ein letzter Akt der Selbstermächtigung und bleibt trotzdem ewiges Rätsel. Johanna Wehners neues Nachdenken darüber erntet verständlicherweise (für Corona-Verhältnisse) riesigen Jubel und lang anhaltenden Applaus.

Medea
von Euripides. Deutsch von Holger Teschke nach einer Interlinearübersetzung von Heinrich Kuch unter Verwendung von zwei Passagen aus Heiner Müllers "Medeamaterial"
Regie und Fassung: Johanna Wehner, Bühne: Benjamin Schönecker, Kostüme: Miriam Draxl, Musik: Ole Schmidt, Dramaturgie: Julia Hagen und Michael Volk, Licht: Brigitta Hüttmann.
Mit: Rahel Weiss, Hagen Bähr, Christian Ehrich, Lukas Umlauft, Judith Florence Ehrhardt
Premiere am 17. Oktober 2020
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-kassel.de

 

Kritikenrundschau

Gesa Esterer schreibt in der Hessisch Niedersächsischen Allgemeinen (19.10.2020) über die "neu zusammengebaute", "ergreifende" Inszenierung von Johanna Wehner. Die fünf Schauspieler stülpten ihr Innerstes nach außen und bannten das Publikum "mit der Geschichte über Abgründe menschlichen Daseins, komplexe Abhängigkeiten, Widersprüche".

Andreas Wicke auf hr2 (22.10.2020) zeigt sich unzufrieden, mit dem, was er auf der Bühne sah. Das habe sich ihm nur zum Teil erschlossen. Seine hohen Erwartungen seien trotz der "schönen Kulisse" nicht ganz erfüllt worden. Raffiniert würde auf der Bühne mit Licht und Schatten gespielt, aber wie die Lesart mit der Bühne zusammenhinge, sei ihm unklar geblieben. Aus den einzelnen Versatzstücken habe sich kein Konzept, keine neue plausible Lesart ergeben.

 
Kommentar schreiben