Im Keller der Tradition

von Max Florian Kühlem

Köln, 22. Oktober 2020. Mitten im Wirrwarr der visuellen und akustischen Reize, der Symbole, Einrichtungsdetails, Kostüme, Requisiten und Stimmen der Performer*innen lohnt es sich, einmal kurz Luft zu holen und zu reflektieren, was das hier eigentlich für ein Ort ist: Das Gebäude am Offenbachplatz ist das eigentliche Kölner Schauspiel. Während einer Pause der noch bis 2023 währenden Sanierung kann darin aktuell gespielt werden. Intendant Stefan Bachmann, der Erfolg und große Freiheit gefunden hat in der Interimsspielstätte Depot im Stadtteil Mülheim, nennt es jetzt "Außenspielstätte". Das Duo T.B. Nilsson und Julian Wolf Eicke hat den Innenraum nun umgebaut zur abgeranzten Kneipenbühne "Heidi's am Offenbach" und fragt darin nach unserem Verhältnis zur Tradition.

Lieblings-Rassist und Antisemit der Deutschen: Richard Wagner

Nilsson und Eicke machen ein Theater, das seine Besucher*innen einfach verschluckt, das sie in immersive Räume versetzt und dort einem Geschehen zwischen Bildender Kunst und Performance aussetzt. T.B. Nilsson ist das als Teil der Gruppe Signa in Köln schon einmal gelungen: Mit "Die Hundsprozesse" pflanzten Signa 2011 Kafkas "Prozess" als lebendigen Organismus in ein altes Amtshaus. Er wuchs und gedieh mit aktiven Menschen, die von Raum zu Raum gescheucht wurden und irgendwann durch Hitze, schlechte Luft, langer Dauer und vor allem von genial geplanter immersiver Erfahrung weichgespült und jeder Motivation beraubt waren wie Josef K. im Roman.

Walkuere3 560 Matthias Koslik uGruselkabinett "Tradition" © Matthias Koslik

Jetzt lädt das Duo Nilsson / Eicke, das seit 2013 zusammenarbeitet, jeden Abend eine Hand voll Besucher*innen zu "Die Walküre", sehr frei nach Richard Wagner. Wagner ist einer der wenigen Künstler, bei dem die Trennung von Mensch und Künstler hierzulande problemlos zu gelingen scheint. Nachdem etwa über den Maler Emil Nolde bekannt wurde, dass er Antisemit, Rassist und glühender Anhänger des Nationalsozialismus war, hat Angela Merkel öffentlichkeitswirksam zwei seiner Bilder aus dem Kanzleramt entfernen lassen. Michael Jackson läuft nach der Erhärtung der Vorwürfe des Missbrauchs an Minderjährigen kaum noch im Radio. Die Richard-Wagner-Begeisterung ist in Deutschland trotz seiner antisemitischen und rassistischen Gesinnung ungebrochen. Sein Ring wird seit 1876 (mit Unterbrechungen) weiter jeden Sommer im Bayreuther Festspielhaus aufgeführt.

Eine Kneipe mit diversen Hinterzimmern

Die Kölner "Walküre" fragt nun nach dem ganzen Ballast, den solch eine Tradierung mit sich führt. Es sind viele schwer beeindruckende, extrem detailreich ausgestattete Räume, durch die sehr wenige Zuschauer*innen nach Corona-Regeln schleichen und ihre Einrichtung und sie bevölkernde Menschen betrachten wie Walter Benjamins Engel die Trümmer der Geschichte oder W.G. Sebald die grausamen Spuren unserer Existenz auf diesem Planeten in "Die Ringe des Saturn". Eine Schauspielerin (wahrscheinlich Ute Reintjes) lässt zur Begrüßung im Kneipenraum als Dramaturgin Katya Neidinger die fiktive, 38-jährige Geschichte des "Heidi's am Offenbach" Revue passieren: "Eröffnet wurde natürlich mit dem Führerdrama 'Wilhelm Tell'."

Walkuere4 560 Matthias Koslik u"Walküre"-Exorzismus © Matthias Koslik

Zum Kern der theatralen Installation laufen die Besucher*innen an idyllischen Alpenlandschaftsgemälden (Berchtesgadener Land vor dem Lockdown?) und zwei Dioramen vorbei, in denen lustlos wirkende Performer*innen kurze, albtraumhafte Szenen mit ausgestopften Tieren darstellen. Ein ausliegender Flyer weist sie als Teil des Programms "Hugr" aus – "Heidrun Johns internationale Jugendorganisation für depressive, suizidgefährdete Heranwachsende". Der Kern ist dann im kleinen Saal des ehemaligen und zukünftigen Kölner Schauspiels die "Probe" von Wagners erstem "Ring"-Teil.

"Walküre" als grelle Klischee-Parade

Die Besucher*innen nehmen Platz zwischen Skeletten (der ewigen Wagnerianer?) und blicken auf ein absurd durchgedrehtes Illusionsbühnenbild mit Felsen, Höhle, Schwarz-Weiß-Fernseher und Drehscheibentelefon. Jiwoon Ha fährt auf einem Schiff als Fricka vorbei und sieht aus, als habe man alle unscharfen Klischee-Bilder Europas von asiatischen Kaiserinnen in einer Person vereinen wollen. Brünnhilde ist ein grell schreiendes, leicht bekleidetes Schauobjekt im spitzen Eisen-BH und muss Papa Wotan alkoholen. Wotan spricht mit stark französischem Akzent, vor der Bühne spielt ein*e Darsteller*in einen geistig und körperlich behinderten Menschen und rollt im Rollstuhl auf und ab.

Walkuere1 560 Matthias Koslik uVerknöchertes Publikum © Matthias Koslik

Wagners "Ring" kommt hier als Freak-Show daher, und niemanden scheint das zu kümmern. Später sitzen die Besucher*innen im ebenfalls klug entworfenen "Backstage-Bereich", in Garderobenräumen mit Tisch-Sets aus dem Merchandise des Dino-Films "In einem Land vor unserer Zeit" oder mit einem Monitor, auf dem das Zweite-Weltkriegs-Ego-Shooter-Game "Wolfenstein" läuft. Sie dürfen dem "Hauptdarsteller" Fragen stellen. "Wer macht die Musik?", fragt einer. "Na, Wagner!", sagt er. Und: "In Frankreich bin ich ein Weltstar!" Dann wendet er sich an eine andere Darstellerin: "Willst du mir einen blasen?"

Mit etwas Glück wirkt diese "Walküre" wie eine Radikalkur für das Schauspielhaus in Sanierung – und hilft durch schonungsloses Hinschauen, mit den Trümmern des Theaterbetriebs aufzuräumen.

Die Walküre
frei nach Richard Wagner
Konzept: T.B. Nilsson, Regie und Bühne: T.B. Nilsson & Julian Wolf Eicke, Kostüm: Lena Bösch & T.B. Nilsson, Komposition und Sound Design: Jacob Suske, Choreografie: T.B. Nilsson & Juan Corres Benito, Licht: Manfred Breuer, Dramaturgie: Lea Goebel.
Mit: Juan Corres Benito, Mel Joanna Bialas, Lena Bösch, Pierre Emö, Julian Wolf Eicke, Jonn Hoff, Robin Jentys, Joseph Lang, Anaïs-Manon Mazic, Carlotta Monty Meyer, Mohamed Ben Salah (Moodimbi), Clara-Sophie Mügge, Marian Mutschlechner, T.B. Nilsson, Feline Przyborowski, Ute Reintjes, Annalena Thielemann, Jens Urbańczyk-Lassak, Laurean Wagner, Pia Wurzer, Jiwoon Ha.
Dauer: 3 Stunden, keine Pause
Premiere: 22. Oktober 2020

www.schauspiel.koeln

 

Kritikenrundschau

Thomas A. Herrig schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (online 24.10.2020, 10:26 Uhr) einen Erlebnisbericht von einem Abend, der zu viel war für einen Abend und einen Menschen. Es habe sich angefühlt "wie das Erkun­den eines Compu­ter­spiels mit riesi­ger, offe­ner Welt". Der Abend sei ein Gesamt­kunst­werk, "inter­ak­ti­ves Opus Magnum, bahn­bre­chend für künf­ti­ge Hinfüh­run­gen zum Wagner­schen Oeuvre". Für die Insze­nie­rung spreche ihre "bemer­kens­wert ins Detail gehen­de Ausein­an­der­set­zung mit der selbst­kon­stru­ier­ten Reali­tät". Nur bei der Person Wagner hake es ausgerechnet. Wer nach ihm frage, bekäme kaum Feedback. Dennoch: Wagner, glaubt Herrig, hätte diese Hinfüh­rung zu seinem Werk sicher gefal­len. Eine "Ring"-Tetra­lo­gie in Bayreuth oder anders­wo sei dadurch "aber nicht über­flüs­sig geworden".

"Eigentlich wirkt hier alles ein wenig neben der Spur, in Schieflage zur unverstellten Wirklichkeit, die gleich hinter dem von kränkelnden Topfpflanzen verstellten Fenster zur Brüdergasse lauert", so Christian Bos im Kölner Stadtanzeiger (24.10.2020). Einen allzu langen Teil des Abends verbringe man im allerdings sensationell gestalteten Theatersaal, "einer Kreuzung aus Jagdhütte anno 1970 und Phantasialand für Arme (...) Heldengesten, nuttige Kostüme, Requisiten wie aus dem Asterix-Comic, Gast-Akteure mit unverständlichen Akzenten, und als i-Tüpfelchen eine südkoreanische Fricka im Asia-Shop-Kostüm". "Nach drei Stunden ist man ein wenig enttäuscht. Waren die Signa-Simulationen nicht viel gefährlicher und aufreibender? Hier hat man das Gefühl, kaum an der Oberfläche gekratzt zu haben. Man ahnt, hofft, dass da noch mehr ist. Man will wieder rein, ins 'Heidi’s am Offenbach', zum nächsten Walkürenritt."

Eine Welt in der Welt. minuziös bis ins kleinste Detail aufgebaut, schreibt Susanne Schramm in der Kölnischen Rundschau (26.10.2020). Nicht jeder mag sich auf das Spiel einlassen. Fazit: "Wie schnell diese dreistündige Melange aus Rocky Horror Show-artigem Trip, aus Ironisierung von erstarrtem Wagner-Kult und Wiederbelebung eines Orts, an dem einst das Herz des Kölner Schauspiel schlug, vergeht, liegt am Besucher selbst. Es kommt darauf an, was er daraus macht."

 

 

 
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