Rückblick auf mein Leben

von Sascha Westphal

Oberhausen, 23. Oktober 2020. "For Christoph Schlingensief, who did not always do everything right", verkündet eine Texteinblendung zu Anfang des Videos, mit dem das Künstler*innen-Kollektiv Frankfurter Hauptschule den Raub des Joseph-Beuys-Multiple "Capri-Batterie" aus der gerade in Oberhausen stattfindenden Ausstellung Verschmutzung. Körperzustände. Faschismus. Christoph Schlingensief und die Kunst dokumentiert. Was dieser Einblendung folgt, gleicht einem Pennäler-Streich. Drei Mitglieder des Kollektivs, eine Frau und zwei Männer, entwenden in einer nächtlichen Aktion das Kunstwerk und bringen es angeblich nach Tansania, wo sie es einem Museum übergeben, in dem es fortan Teil einer Dauerausstellung mit traditioneller Handwerkskunst der Hehe sein wird.

Wenn schon die Raubkunst, die in den Kellern deutscher Museen lagert, nicht nach Afrika zurückkehrt, dann muss auf andere Art Gerechtigkeit hergestellt werden. Also reisen die Ur-Enkel*innen der einstigen deutschen Kolonialherren in die ehemalige Kolonie und schenken deren Einwohnern ein ebenfalls geraubtes Werk eines deutschen Künstlers. Zumindest haben sie nicht dessen Gebeine ausgegraben und sie nach Tansania geflogen.

Die Reichen beklauen die Armen

Diese Aktion wurde einen Tag vor der Eröffnung des von Elena Liebenstein und Raban Witt kuratierten Festivals "Schlingensief 2020" bekannt und überschattete den Beginn dieses dreitägigen "Spektakels zum Erinnern, Feiern und Weitermachen". Davon zeugte nicht nur die Eröffnungsrede des Oberhausener Kulturdezernenten Apostolos Tsalastras. Er stellte den Diebstahl aus der Ausstellung, die ein Teil des Festivals ist und nun zumindest an dessen Eröffnungstag geschlossen bleiben musste, noch in eine ganz andere Tradition. "Ich finde, dass es etwas komisch anmutet, wenn Künstler aus der reichen Bankenmetropole Frankfurt in die arme Ruhrgebietsstadt Oberhausen kommen, die von Strukturwandel gebeutelt ist, um hier Kunst zu klauen. ... Wobei natürlich richtig ist, dass es immer so war und auch leider immer noch so ist, dass es sich die Reichen bei den Armen holen."

Die Frankfurter Hauptschule hat so auf jeden Fall die Aufmerksamkeit von dem Festival, das anlässlich von dessen zehnten Todestag und 60. Geburtstag am 24. Oktober 2020 an Christoph Schlingensief und seine Kunst erinnern sollte, auf sich gezogen. Vielleicht sogar im Sinne Schlingensiefs? Diese Frage stellt sich natürlich trotz des recht pubertären Gestus‘ des Aktions-Videos.

Vor allem im Rahmen eines Spektakels, von dem die Dramaturgin Elena Liebenstein sagt, dass es "zum einen an Christoph Schlingensiefs Kunst und an das, was sie so besonders gemacht hat, erinnern soll und zum anderen nach vorne blicken will, um zu sehen, was sich von dessen Methoden, Themen und Ansätzen in zeitgenössischen künstlerischen Beiträgen wiederfinden lässt."

sterben in oberhausen 150 Trauerbüro Katrin RibbeTrauerbüro in Oberhausen  © Katrin Ribbe

Mit verschiedenen Aktionen und Formaten baut "Schlingensief 2020" eine Brücke aus der Vergangenheit in die Zukunft. Dazu gehört ein kleines von dem Künstler*innen-Kollektiv um Aaron Stratmann und Ursula Meyer errichtetes Festivaldorf auf dem Oberhausener Altmarkt, das Museum und Rummelplatz, ironische Hommage an Schlingesiefs Operndorf und sentimentale Erinnerungsinstallation in Einem ist. Während Begegnungen mit einigen seiner ehemaligen Mitstreiter wie Carl Hegemann und Lionel Poutiaire Somé eher einen Blick zurück werfen, werden eine Lesung von Stefanie Sargnagel und die Tanz-Performance "Das Kunstgesetz" des von Thomas Lehmen gegründeten Ersten Oberhausener Arbeitslosen-Balletts einen Eindruck davon vermitteln, wie Schlingensiefs Kunst nachwirkt.

Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit

Etwas von dem Geist von Christoph Schlingensiefs Kunst, die nicht nur in der Performance Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir eine Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit war, schwebt auch über "Sterben in Oberhausen", einem von Saskia Kaufmann und Raban Witt inszenierten "immersiven Theaterprojekt", das die Zuschauerinnen und Zuschauer, die immer auch Teilnehmer*innen, Betroffene sind, auf zwei sehr unterschiedliche Arten erleben können. Alle Aufführungen folgen einem genau festgelegten Ablauf, einem jedes Mal neu choreographierten Ritual, und doch ist jede von ihnen tatsächlich einzigartig. Denn in ihrem Mittelpunkt steht jeweils eine Zuschauerin, ein Zuschauer, die/der sich dafür entschieden hat, sich betrauern zu lassen.

Drei Performer*innen und bis zu acht Trauergäste vollziehen auf der Hinterbühne des Oberhausener Theaters in einem von Palmen geschmückten und einem achteckigen Podest sowie einem Sarkophag-ähnlichen Altar dominierten Raum einen Ritus, der an das Leben der zu Betrauenden erinnert und zugleich deren Tod feiert. Ob man sich dabei nun selbst betrauern lässt oder als Teil der Gemeinschaft um eine Fremde, einen Fremden trauert, erweist sich als extrem unterschiedliche Erfahrung. Aber das wird einem erst wirklich bewusst, wenn man zweimal an dieser Performance teilnimmt und sie, wie ich das Privileg hatte, von beiden Seiten erleben kann. Als Trauergast trägt man einen simplen beigefarbenen Umhang über seiner Straßenkleidung und folgt immer wieder den stummen, durch Zeichen kommunizierten Anweisungen einer der Performerinnen.

sterben in oberhausen 452 links Amanda Babaei Vieira Foto Katrin RibbeTrauerritual, links die Performerin Amanda Babaei Vieira  © Katrin Ribbe

Natürlich verschafft einem die Trauerrede einen überraschend persönlichen Einblick in die Welt des noch nicht Verstorbenen, einen Einblick, den man normalerweise nicht in das Leben eines Fremden bekommt. Doch all die Bewegungen und Aktionen, die man im Lauf des Rituals ausführt, schaffen gleich wieder Distanz. Man schiebt dem zu Betrauernden mit den Händen Kraft zu, man ruft seinen oder ihren Namen aus und erschafft schließlich als Teil der Gruppe einen Klangraum, dessen man sich selbst akustisch aber gar nicht gewahr wird. Der Ritus bleibt ein Spiel, ein theatraler Mummenschanz, der längst nicht die Wirkung entfaltet, die Schlingensiefs "Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir" für das Publikum entwickelte. Vielleicht ist es tatsächlich die Rolle, in die man schlüpft, die einen auf Abstand hält. Man macht mit und ist dadurch von der Last der Trauer befreit.

Sterben üben

So überraschend wenig wie mich "Sterben in Oberhausen" in der Vorstellung berührt hat, an der ich als Trauergast teilgenommen habe, so intensiv war die Erfahrung in der Aufführung zuvor, in der ich betrauert wurde. Vielleicht habe ich nicht mein eigenes Sterben geübt, das ist wahrscheinlich trotz aller Anstrengungen in dieser Richtung gar nicht möglich. Aber als ich am Ende der Performance, die Trauergäste und die Performer*innen waren abgegangen, nachdem sie sich mit einer stummen Verbeugung von mir verabschiedet hatten, für drei Minuten alleine auf der Bühne zurückblieb und vor dem geöffneten Altar sitzend über den Raum hinweg auf die leeren Stuhlreihen des Theaters blickte, war das tatsächlich eine Art Lebewohl.

In diesem Moment versinkt man ganz in dieser Arbeit und in seinem eigenen Leben. Diese drei Minuten des Alleinseins, das nichts mit Einsamkeit zu tun hat, sind der überwältigende Schlusspunkt einer Reise zu sich selbst, die schon ein paar Tage vorher im "Trauerbüro" am Altmarkt begann. Dort habe ich die Performerin Luisa Taraz getroffen, die mich auf einfühlsame Weise über mein Leben befragt hat. Meinen Antworten bin ich dann in der verdichteten, mal pathetischen, mal auch humorvollen Trauerrede wiederbegegnet. Und so konnte ich im Lauf der Vorstellung wie ein Fremder auf mein bisheriges Leben zurückblicken und war ganz eins mit ihm.

 

Sterben in Oberhausen
(Uraufführung)
Ein Projekt von Kaufmann/Witt
Regie: Saskia Kaufmann, Raban Witt; Raum: Anthoula Bourna; Raum-Mitarbeit: Saskia Stoltze; Kostüme: Christina Geiger; Text: Sean Keller; Musik: Saskia Kaufmann; Grafik: Georgios Kondylis; Produktionsleitung/Dramaturgie: Anja Redecker
mit: Amanda Babaei Vieira, Lamin Leroy Gibba, Elisabeth Hoppe, Iris Minich, Timoleon Papadopoulos, Agnieszka Salamon, Julius Janosch Schulte, Luisa Taraz, Gunnar Titzmann
Premiere am 23. Oktober 2020
Dauer: 1 Stunde 35 Minuten, keine Pause

Schlingensief 2020
Ein Spektakel zum Erinnern, Feiern und Weitermachen
Künstlerische Leitung: Elena Liebenstein, Raban Witt; Produktionsleitung: Elisabeth Saaba

www.theater-oberhausen.de

 

Kritikenrundschau

"Menschlich ist sehr viel rübergekommen" beim Trauerritual um ihn selbst, findet Fabian May auf WDR3 (24.10.2020), der sich sehr gewertschätzt und geachtet fühlte. Von der Auseinandersetzung mit der Sterblichkeit hätte er sich allerdings mehr erhofft: "Das Thema Tod blieb abstrakt."

Es gebe eine Choreografie der acht Personen um ihn herum, die zeigten: "Sie interessieren sich für mich", so Michael Laages im Deutschlandfunk Kultur (23.10.2020). "Überhaupt nicht peinlich, überhaupt nicht albern" sei das, sondern eine "sehr seriöse, sehr symapthische Art und Weise, mit diesem fürchterlichen Freund Hein umzugehen".

"Im 'Aquarium', dem gläsernen Nebenraum, droht ein Kleiderständer, behangen mit zehn beigefarbenen Walleumhängen. Schon dieses Entree hat die salbungsvoll pietistische Aura", schreibt Ralph Wilms in der NRZ (27.10.2020). Der Punkt, an dem sich der Kritiker zu angefasst fühlt, um sich diese gruppendynamische Vorhölle in pudrigen Farben weiter anzutun, sei allzu schnell erreicht. "Dankbar trete ich vorzeitig an die frische Luft – dankbar, dass bei jenen Trauerfeiern, die ich bisher erleben musste, Geistliche sprachen, die wussten, was sie sagten."

"Irgendwann kullern bei der Betrauerten tatsächlich Tränen, und die Trauernden sind ergriffen", so Max Florian Kühlem in der Rheinischen Post (27.10.2020). Bei einer anderen Aufführung verließ ein Besucher den Raum aus Pietätsgefühl. "An diesen Stellen wird klar, dass die Arbeit in Schlingensiefs Sinn wirkt."

Auf WDR (26.10.2020) besprach Elisabeth Luft jene Aufführung, bei der der Nachtkritiker Sascha Westphal betrauert wurde. Während "dieser Mensch" vorm Altar sitze, vollzögen die Gäste "die Riten", alle stampften mit den Füßen "einen Rhythmus für ihn, schieben mit den Händen Kraft zu und es wird laut der Name des Menschen gerufen". Das, was an Schlingensief erinnere, sei "der immersive Moment - Trauergäste vollziehen einen Ritus für dich als Betrauerter". Alle Beteiligten würden beim Kraft zuschieben "selbst zum Mittelpunkt". Zum anderen erinnere die Zeremonie an das Bemühen Schlingensiefs, auch in den letzten Momenten seines Lebens sich bei sich zu bleiben. Man müsse "sich einlassen", "Lust haben, mitzumachen", müsse "in diesen Rhythmus kommen", dann vermittelten die Riten das Gefühl, in "einer Rolle zu sein und dadurch die "emotionale Distanz" zu bewahren und eben nicht zu trauern.

 
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