Dünnes Eis

29. Oktober 2020. Die Medien reagieren in ihren Kommentaren sehr unterschiedlichen auf den neuerlichen Kultur-Lockdown in Deutschland ab Montag.

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (29.10.2020) rechnet Jan Brachmann vor, dass die Bundesregierung "knallhart kalkuliert" und "klare Prioritäten gesetzt" habe: Aufrechterhaltung des Wirtschaftslebens sowie des Betriebs von Kindertagesstätten und Schulen. Wenn man sich die Zahlen des Statistischen Bundesamtes für 2018 ansehe, wisse man, warum Kultur nicht zur Wirtschaft gehöre. "Theater, Opern- und Konzerthäuser machten in Deutschland insgesamt einen Jahresumsatz von 8,8 Milliarden Euro. Das sind weniger als 0,3 Prozent der Bruttowertschöpfung. Da braucht man über Systemrelevanz gar nicht erst zu diskutieren, selbst wenn man die Vervierfachung der Umsätze durch Umwegrentabilität noch einrechnet." Außerdem treffe die Schließung der Kultureinrichtungen ein Publikum, das ohnehin nur sieben bis zehn Prozent der Gesamtbevölkerung ausmache. Die würden zwar als besonders zivilisiert gelten, anders als die Anhänger der Partyszene. Aber: "Wenn man schon Feiern in kleinen Gruppen verbietet, kann man schwer Opern- und Theatervorstellungen mit mehreren hundert oder – wie momentan in Österreich noch erlaubt – tausend Besuchern zulassen, vor allem dann nicht, wenn man an die öffentliche Symbolwirkung von Kunst glaubt."

Im RBB (29.10.2020) wird Maria Ossowski deutlich: "Bitte, wer kuschelt und quatscht während klassischer Konzerte, wer säuft im Theater, wer singt in der Oper mit, und wer tanzt bei einer Lesung? Niemand. Wir, die Kulturmacher und die Kulturbegeisterten, büßen für jene Gruppe, die kein Politiker in den Griff bekommen hat, nämlich die Hochzeiter, die Partymacher, die Leugner. Ihretwegen soll vielen, vor allem kleineren Kulturinstitutionen, jetzt der Todesstoß versetzt werden." Sie geißelt Populismus und Verzichtsethik und kommt zum Schluss: "Die Entscheidung trifft die Falschen, sie trifft sie ins Mark, sie ist zerstörerisch, denn Kultur ist nicht systemrelevant, dieser Begriff aus der Finanzkrise nervt nur noch. Kultur ist existenzrelevant, sie ist lebensrelevant."

Auf Deutschlandfunk Kultur (28.10.2020) kommentiert Stefan Keim: "Wenn alle anderen gesellschaftlichen Aktivitäten herunter gefahren werden, ist es schwer zu vermitteln, warum die Kultur eine Ausnahme machen soll. Es gibt schon rationale Gründe, aber in diesem Moment geht es nicht nur um Logik. Ohne Solidarität kann so ein Lockdown nicht funktionieren." Allerdings dürften Künstlerinnen und Künstler und andere gebeutelte Berufsgruppen nicht alleingelassen werden. Das funktioniere aber nur, wenn die Künstlerinnen und Künstler "eine starke Interessenvertretung bilden. Sie werden bisher kaum gehört, weil sie keine Lobby haben. Lobbyismus gilt vielen Kulturtreibenden als unkünstlerisch und korrupt, ist aber eine Notwendigkeit."

Ebenfalls auf Deutschlandfunk Kultur (28.10.2020) kritisiert Rechtswissenschaftler Volker Boehme-Neßler die Verordnungen, die sich "auf dünnem Eis" bewegten: "Ich rechne mit einer Klagewelle."  Denn immer wieder gehe es bei der Einschränkung von Freiheitsrechten auch um die Frage der Verhältnismäßigkeit. So könnten etwa Theater oder Restaurants mit konsequent praktizierten Hygienekonzepten zu Recht darauf pochen, dass ihnen ein hohes Ansteckungsrisiko erst einmal nachgewiesen werden muss – der Rechtsweg habe durchaus Aussicht auf Erfolg. Wenn ein Theater klage, gelte das Urteil zwar nur für dieses eine Haus. Doch sei davon auszugehen, dass dann viele andere folgten.

"Durch eine wiederholte vorübergehende Schließung von Konzerthäusern, Opern, Kinos, Museen und Theatern wird nach jetzigem Wissensstand womöglich kein einziges Infektionsgeschehen verhindert", argumentiert Marcus Stäbler im NDR (29.10.2020) Dafür werde eine Branche mit rund 1,2 Millionen Erwerbstätigen und einem Gesamtumsatz von knapp 170 Milliarden Euro jährlich unverschuldet noch weiter an den Rand des Ruins oder darüber hinaus getrieben. "Außerdem nimmt das Verbot uns die Möglichkeit, in der realen Begegnung mit Musik, Film, Kunst und Theater neue Kraft zu schöpfen." Die generelle Absage von Kulturveranstaltung zerstöre womöglich mehr als sie rette. "Das kann nicht Sinn der Sache sein."

In der Süddeutschen Zeitung (29.10.2020) äußert sich Kammerspiel-Intendantin Barbara Mundel im Interview zum Lockdown: Ihr Haus müsse mit hoher Wahrscheinlichkeit in Kurzarbeit gehen. "Die emotionale Seite, puh, da ist eine tiefe Traurigkeit. Die Möglichkeit, sich wenigstens hier noch live zu begegnen, auch dem Publikum zu begegnen, wenn auch eingeschränkt, war extrem wichtig in den vergangenen Wochen." Lernen und verhandeln könne man nicht, wenn mit Verboten und Willkür durchregiert werde. "Das höhlt auf Dauer Demokratie und die offene Gesellschaft aus, die wir doch sein wollen. Krise kann als Gefühl kein Dauerzustand sein."

"In Theatern habe ich mich in den letzten zwei Monaten sicher gefühlt", schreibt Tobi Müller auf zeit.de (29.10.2020). "Doch wenn 75 Prozent der Infektionen nicht mehr zurückverfolgt werden können, hilft Fühlen nicht mehr weiter und die Rede von sicheren Orten wirkt etwas wohlfeil." Halbrichtige Zahlen zum Beweis ihrer (wirtschaftlichen) Bedeutung würden der Kultur gerade nicht helfen. Wichtiger sei es, nicht immer nur den Staat zu adressieren, sondern auch jene, "die diesen Staat bezahlen und darunter ganz besonders jenen, die sich nicht primär als Teil des Publikums verstehen". Müllers Vorschlag: "Vielleicht könnte man nun winzige Teile dieser großen Gruppe gerade in für alle schweren Zeiten stärker für sich einnehmen, wenn man nicht nur Solidarität einfordert, sondern selbst stärker welche zeigt, zunächst einmal untereinander."

In der Welt (29.10.2020) argumentiert Jan Küveler für die Theaterschließungen und verweist auf den Klassismus der Theater: "Wem nützen sie, an wen wenden sie sich mit ihrem Programm?" Es möge ja sein, dass offene Theater das Infektionsgeschehen nicht maßgeblich beeinflussen. "Aber dass man sie im Vergleich zu Kitas, Schulen und Lebensmittelläden für einen Tick verzichtbarer hält und deshalb jenen Branchen zurechnet, denen, um Schlimmeres zu verhindern, ein vierwöchiger Shutdown zugemutet werden kann, könnte sie auch ehren. Manchmal ist das Nicht-Notwendige (die Schließung der Theater) eben notwendig (gesamtgesellschaftlich sinnvoll), damit später, wenn alles wieder gut ist, das Nicht-Notwendige (die Theater) seine Notwendigkeit (die Unverzichtbarkeit als Stätte der Unterhaltung und symbolischen Selbstvergewisserung einer Gesellschaft) wieder beweisen kann."

(geka)

 

 

 
Kommentar schreiben