Weitermachen, als wäre nichts?

von Esther Slevogt

10. November 2020. Zeitungen berichten, dass erstmals mehr Menschen mit schweren Corona-Verläufen auf Intensivstationen behandelt werden, als beim Ausbruch der ersten Welle. Auch an Tag 10 des zweiten Shutdowns steigen die Zahlen noch immer. Doch die Theater wollen wieder spielen. Wichtige Häuser in Berlin haben gemeinsam einen Brief an den Regierenden Bürgermeister geschrieben und auf ihre Hygienekonzepte verwiesen. Die nämlich würden auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren und maximalen Schutz bieten. Die Theater in den folgenden Monaten wieder bespielen zu können, eröffne also mehr Chancen als Risiken. "Die demokratische Gesellschaft nährt und bildet sich durch kulturelle Teilhabe", heißt es auch. Der Besuch dieser öffentlichen Räume sei für viele Menschen existentieller Teil des gesellschaftlichen urbanen Lebens und für dessen Zusammenhalt substantiell.

Vorbildfunktion? Unbelegt

Mit der Realität meiner Schwester, Professorin für Infektiologie in Jena, hat das wenig zu tun. In ihrem klinischen Alltag hat sie mit Covid19-Intensivpatient*innen zu tun. Und "kulturelle Teilhabe" und "gesellschaftlich urbanes Leben" bedeuten für sie erst einmal: Ansteckungsgefahr. Mögen die Hygienekonzepte der Kultureinrichtungen auch auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren, zu der Behauptung, dass sie maximalen Schutz bieten würden, lägen (außer einer einzigen, allerdings nur mäßig repräsentativen) keine aussagekräftigen Studien vor. Ob Theater daher tatsächlich geeignet sind, "als Orte des gesellschaftlichen Lebens" die von ihnen behauptete Vorbildfunktion einzunehmen, "wie in der Pandemie unser Alltag sicher organisiert werden kann – und wir lernen können, mit dem Virus zu leben und zu arbeiten", bleibt aus ihrer Sicht erst mal unbelegt.

kolumne 2p slevogtBelegt hingegen ist, dass die Kapazitätsgrenzen des Gesundheitssystems demnächst erreicht sind. Von 20.000 Infizierten, rechnet sie mir vor, werden circa 1.000 zu Fällen für die Intensivmedizin. Wiederum 200 Menschen etwa davon sterben. "Das ist definitiv zu viel." Um das Leben der 1.000 schwerstkranken Intensivpatienten zu retten, sind drei Wochen Hochleistungsmedizin erforderlich.

Im günstigsten Fall reicht eine nasale Sauerstofftherapie, bei der die Patien*innen Sauerstoff in Verbindung mit Druckluft und Atembefeuchtung über eine Maske zugeführt bekommen. Im weniger günstigen Fall muss intubiert, der Sauerstoff also direkt in die Lunge geleitet werden. Schlimmstenfalls ist die Lunge jedoch so entzündet, dass dies nicht mehr möglich ist und das Blut außerhalb des Körpers mit Sauerstoff angereichert werden muss. ECMO heißt dieses Verfahren. Wenn das System kollabiert, kann diese Behandlung nicht mehr jedem Schwerkranken garantiert werden. Dann wird es noch mehr Tote geben. Wenn die Zahlen nicht sinken, werden als nächstes die Schulen geschlossen, sagt sie auch. Nächster Überprüfungstermin der Maßnahmen ist der 16. November. Bis Mai, sagt meine Schwester, werden wir im Krisenmodus leben. Erst wenn es wärmer wird, ist mit Erleichterungen zu rechnen.

Lobbyistische Argumentation

Auf keine dieser Realitäten geht das Schreiben der Berliner Kultureinrichtungen ein. Stattdessen argumentieren die Theater rein lobbyistisch, halten die eigenen Maßnahmen für die besten aller möglichen und fordern, ihren gesellschaftlichen Auftrag erfüllen zu können. Was aber, wenn dieser Auftrag aktuell darin bestünde, eine Spielpause einzulegen – wie es beispielsweise Thomas Ostermeier empfahl, künstlerischer Leiter der Berliner Schaubühne, (der auch nicht zu den Unterzeichnern des offenen Briefes gehört). Selbst wenn die Hygienemaßnahmen ausgeklügelt sind und höchstmögliche Standards erfüllen: bis jemand das Theater erreicht hat, fährt er oder sie möglicherweise Taxi, Bahn oder Bus – bewegt sich also in der Öffentlichkeit, kauft unterwegs vielleicht noch etwas. Dabei geht es bei den Maßnahmen aktuell darum, die Kontaktmöglichkeiten auf das Notwendigste zu beschränken und die Menschen dazu zu bewegen, so wenig wie möglich das Haus zu verlassen.

Unsere Kultureinrichtungen arbeiten sich stattdessen an der Kränkung ab, die es für sie offenbar bedeutet, als Freizeitgestaltung angesehen zu werden. Denn als solche wurden sie im Zuge der Regierungsmaßnahmen eingestuft. "In unserer Gesellschaft sind Opern, Theater, Konzerthäuser und andere Kulturinstitutionen mehr als reine Freizeitangebote", stellen sie in ihrem Schreiben als Allererstes klar. Dabei sind sie genau das: Hat doch die mit der Industrialisierung einhergehende Arbeitsteilung und die dadurch entstehende Freizeit die Kulturtechnik Theater im 19. Jahrhundert entscheidend mit befördert. Freizeit ist nichts Schlimmes. Dazu hat sie erst das neoliberale Effizienzdenken erklärt. Freizeit ist die Gestaltung von Freiheit. Und dazu kann auch gehören, den Laden geschlossen zu halten.

Klar braucht die Branche eine Perspektive. Unbestritten ist auch: die Not wird größer, eine ganze Infrastruktur ist in großer Gefahr. Wie lange nicht, ist hier statt Lobbyismus ein holistischer Blick auf das gesellschaftliche Ganze gefragt: eigentlich einmal eine Theater-Urkompetenz. "Die Entscheidung des Berliner Senats, neben vielen anderen Maßnahmen zur Bekämpfung des Corona-Virus auch die Kultureinrichtungen wieder zu schließen, traf uns unerwartet und hart", beginnt der Brief an den Regierenden Bürgermeister. Dabei hätten die Branche es wissen können. Schon im Sommer war die Rede von einer zweiten Welle, die mit Einbruch der kalten Jahreszeit wahrscheinlicher würde. Trotzdem haben die meisten weitergemacht, als wäre nichts. Die Zukunft aber bekommt niemand geschenkt. Sie will gestaltet sein.

 

Esther Slevogt ist Chefredakteurin und Mitgründerin von nachtkritik.de. Außerdem ist sie Miterfinderin der Konferenz Theater & Netz. In ihrer Kolumne Aus dem bürgerlichen Heldenleben untersucht sie: Was ist eigentlich mit der bürgerlichen Öffentlichkeit und ihren Repräsentationspraktiken passiert?

 

Zuletzt forderte Esther Slevogt Gerechtigkeit für Christa Wolf.

 
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