Wir können nur gemeinsam leuchten

Frank Büttner und Sina Martens im Interview mit Christian Rakow

Berlin, 11. November 2020. Zum zweiten Mal binnen Jahresfrist hat der Theater-Lockdown die Premiere von Frank Castorfs Kästner-Inszenierung "Fabian oder Der Gang vor die Hunde" am Berliner Ensemble verhindert. Zweimal Anlauf, ohne abzuspringen. Wie ist die Stimmung im Team? Die Schauspieler*innen Frank Büttner und Sina Martens sind zum Gespräch in den Großen Salon des BE gekommen. Büttner ist ein Veteran der Volksbühne, der – ohne Schauspielausbildung – seit den "Webern" 1997 regelmäßig bei Castorf auf der Bühne steht; Sina Martens arbeitet nach Les Misérables und Galileo Galilei zum dritten Mal mit Castorf.

Die Tische und Stühle zwischen uns sind auf Abstand gestellt. Vor wenigen Wochen fand nebenan im Großen Saal noch die Trauerfeier für Jürgen Holtz statt. Jetzt wirkt das Haus wie leergefegt. Büttner schwärmt von der Akustik am BE, wo er erstmals auf den Brettern steht: "In der Volksbühne war das ja so anstrengend, bis hinten durchzukommen." Die große Bühne haben sie aktuell ganz für sich zum Proben, es gibt ja keine Vorstellungen. Sie setzen die Arbeit am Stück dort fort, wo sie im März aufgehört haben, erzählen sie.


Frank Büttner über das Berliner Ensemble

Sina Martens: Diesen Moment zurückzukommen, werde ich nie vergessen. Weil das die gleiche Szene war, mit der wir vor dem ersten Lockdown aufgehört hatten. Wir werden ja jetzt getestet und müssen uns an ein sehr strenges Sicherheitskonzept mit Kontaktbeschränkung halten, deswegen können wir ohne Abstände spielen. Ich bin nicht mehr in meiner WG und habe die Wohnung einer Freundin, die gerade nicht in der Stadt ist. Und ich dachte, wow, kann ich das noch? Meine Impulse sind doch schon so anders. Und ich konnte das noch, und es war so befreiend.

Was war das für eine Szene?

Frank Büttner: Die heißt Opium-Rausch.

Martens: Opium-Traum.

Büttner: Na ja. (beide lachen) Frank legt ja Szenen an, und man probt sie nicht so richtig. Und bei dieser Opium-Szene lief das wie am Schnürchen.

Martens1Sina Martens © chrMartens: William Minke hat Musik angestellt, und ich war noch in einem anderen Bühnenraum, wo ich tanzte, weil ich so lange nicht mehr an einem großen Ort getanzt habe, und ich dachte: Hoffentlich kommt hier keine Kamera rein. Und dann waren alle auf Schlag hochkonzentriert, wahnsinnig vorbereitet, mit einer unglaublichen Lust, und dann haben wir die Szene gespielt und sie hat irgendwie funktioniert.

Büttner: Die Kameraleute haben sich positioniert, die Tonleute waren an einer Stelle, an der sie nicht gestört haben. Man konnte spielen, es war total irre. Und jeder kannte seinen Text. Was ja sonst eher bei der Premiere, wenn wir Glück haben, funktioniert.

Weil alle Spielenden durchgetestet und in Quarantäne sind, können Sie mit dergleichen Nähe agieren wie immer? Da hat sich nichts verändert?

Martens: Es hat sich etwas geändert, weil die Hygieneregeln vor und hinter der Bühne alles bestimmen. Man geht mit der Maske zur Bühne, du suchst dir einen Ort, wo Du sie hinlegst. Man ist im Dialog mit Ankleider*innen, wie man das macht. Und es verändert sich auf der Bühne im Spiel etwas, dadurch dass acht Monate vergangen sind. Und gesellschaftliche Entwicklungen machen ja immer etwas mit Dir als Mensch, mit Texten auf der Bühne. Da öffnen sich einfach andere Assoziationsräume.

Beim Mundschutz machen alle mit, auch Castorf?

Büttner/Martens: Alle.

Büttner: Die sitzen im Zuschauerraum mit Abständen. Frank hat ein Mikrophon.

Martens: In der Bewegung tragen alle Maske. Und im Zuschauerraum sind sie weiträumig verteilt.

Büttner: Es gab, bevor wir angefangen haben, eine Belehrung. Und dann war klar, dass das hier die Regeln sind. Und das ist natürlich eine Wahnsinnsanstrengung, so vorsichtig zu sein. Man versucht, öffentliche Verkehrsmittel zu vermeiden, weil man natürlich auch die Kollegen schützen will. Und man will die Produktion nicht gefährden. Da wird auch nicht rumgealbert. Die körperlichen Kontakte versucht man zu minimieren. Sonst umarmt man sich und küsst sich.

Martens: Man küsst sich? (lacht)

Auf die Wange…

Büttner: Das ist alles nicht mehr so.

Fabian2 Probe Moritz HaaseBauarbeiten am Bühnenbild von Aleksandar Denić © Moritz Haase

Martens: Das ist mir auch aufgefallen. Wir sind ja sozusagen "eine Quarantänegruppe" – und sind auf der Bühne sehr frei miteinander. Trotzdem hatten wir außerhalb der Bühne diesen Moment, wo man sich nach einem Test so begrüßte (macht Ellenbogenbegrüßung), und dann: Nee, Moment, wir könnten uns ja jetzt umarmen. Da merkt man schon, dass sich die Impulse verändert haben und es nur auf der Bühne diesen Freiraum gibt.

Wie oft müssen Sie zum Test?

Martens: Alle drei, vier Tage.

Reden wir über den Umgang mit dem Stoff: "Fabian" ist ein Berlin-Roman voll pulsierendem Nachtleben, von den Nazis wurde er als "entartet" gebrandmarkt. Im Moment sieht man vor den Türen das leer geräumte Berlin. Hat sich Ihr Blick auf den Stoff übers Jahr verändert?

Martens: Unsere Herangehensweise hat sich nicht grundlegend geändert. Aber durch die Weltlage – das steht ja immer in direkter Beziehung zu dem, was man auf der Bühne tut. Der erste Satz des Stückes ist: "Spring ihr doch nach, Fabian. Aber du hast Angst, die Glasscheibe könnte zerbrechen. Immer hast du Angst, das Glas zwischen dir und den anderen könnte zerbrechen. Du hältst die Welt für eine Schaufensterauslage." – Das bekommt mit dieser Situation, in der wir jetzt gerade sind, einen ganz anderen Assoziationsraum.

Sina Martens über "Fabian" Also ich möchte auf gar keinen Fall die 1920er früher mit den 2020ern heute gleichsetzen, und trotzdem gibt es erschreckende Parallelen: die sozialen Probleme, die steigenden Arbeitslosenzahlen und die Existenzängste von sehr vielen, die mir nahestehen. Wenn ich an den Rechtsruck in der Welt denke.

Hat sich etwas konkret verändert? Sind Szenen weggefallen?

Büttner: Wenn wir den Abend so ausspielen würden, wie wir ihn angelegt haben, würde der sechseinhalb Stunden gehen. Das ist jetzt im Moment nicht möglich. Wir wollen auf dreieinhalb Stunden mit einer halben Stunde Pause kommen. Da muss man sich natürlich entscheiden, auf welche Zwischentexte und Schwerpunkte man sich in diesem Rahmen konzentriert. Das überprüft Frank jetzt.

Buettner2Frank Büttner © chrMartens: Was ich noch ergänzen wollte: Es gibt ein Interview von Melanie Gollin, einer Verlegerin, die schrieb, dass "Fabian" gerade in diesem Lockdown für sie wieder eine Wichtigkeit bekommen hat. Und sie beschrieb den Roman als: "mürrisch, fatalistisch, voller Idealismus, ständig schwankend zwischen Radikalität und Kapitulation".

Welche Seite wird in der Inszenierung vergrößert: Fabian in seinem Optimismus oder in seinem fatalistischen Resignieren an den Verhältnissen?

Martens: Ich kann mir vorstellen, dass gar nicht der eine oder andere Punkt verstärkt wird. In dem gleichen Artikel stand auch ein Zitat von Dorothy Parker: "Es gibt zwei Arten von Menschen, diejenigen, die keine Hoffnung haben, und diejenigen, die viel zu viel davon haben. Ich für meinen Teil gehöre ohne Zweifel zu beiden Gruppen." Das, woran wir uns abarbeiten, findet in diesem Spannungsfeld statt. Wir wollen beide Seiten größer machen und dann hast du plötzlich dazwischen einen Spalt.

In dem Roman gibt es den Satz: "Man kommt nur aus dem Dreck heraus, wenn man sich dreckig macht. Und wir wollen doch heraus." Für mich spricht dieser Satz auch über das Theater von Frank Castorf. Der Dreck, aus dem man raus will, den muss man ans Publikum weiterreichen. Es bildet sich eine Erlebnisgemeinschaft zwischen denen, die oben stehen, und denen, die im Publikum die Druckwelle abkriegen. Wird man aus der Quarantänegemeinschaft heraus solche Energien aufbauen können? Frank Büttner ist an sich bekannt für aerosolgestättigte Wucht-Monologe an der Rampe.

Büttner: Wir sind ja getestet, ich gehe davon aus, dass ich niemanden anstecken kann.

Martens: Und das Publikum sitzt hinter Masken. Ich habe vor einem Maskenpublikum gespielt, da waren die ersten Reihen nicht besetzt. Im Grunde genommen wäre es: Frisch getestet plus die ersten Reihen frei plus Masken.

Kommt da eine Woge auf?

Martens: Erstaunlicherweise: Ja. Diese Orte, wo man sich kollektiv erleben kann, die sind für eine Gesellschaft unglaublich wichtig. Das habe ich nie so empfunden wie in dieser Zeit gerade. Das ist vielleicht nicht dieser Druck wie vorher, weil es nicht diese Massen an Menschen und nicht dieses "Alles ist möglich" gibt, dass ich jetzt von der Bühne springe und durchs Publikum renne. Das ist nicht mehr da. Aber es gibt plötzlich eine andere Verbundenheit, die einen ähnlichen Druck aufbaut.

Büttner: Ich glaube, es ist völlig egal, ob wir drei Meter oder zehn Meter wegstehen. Wir stehen als Personen da. Castorf versammelt ja Leute, die eine gewisse Authentizität haben und eine wahrhaftige Spielweise. Wenn ich auf der Bühne bin, stehe ich in der Figur, aber immer noch als Frank Büttner.

Frank Büttner über Teamarbeit bei Castorf Ich würde mich nicht als Schauspieler bezeichnen, aber als Menschendarsteller in der Funktion der Castorf-Inszenierung. Und wenn wir eine Situation darstellen, ist es auch völlig egal, ob jemand mehr Text hat oder weniger. Ich finde, und das funktioniert immer bei Castorf so, wir können nur alle leuchten, wenn wir von unserem eigenen Licht den anderen auch Licht abgeben.

Wenn die Premiere nicht zeitnah im Dezember stattfinden kann, wären Sie bereit in eine dritte Phase zu gehen?

Martens: Ich bin jederzeit bereit, in eine dritte, vierte Phase zu gehen. Ich habe so eine Dringlichkeit, einige Sätze auf die Bühne zu werfen. Ich möchte, dass wir das irgendwie rausbringen können.

Fabian1 Probenfoto Matthias HornAuf der Castorf-Probe: Clara de Pin, Margarita Breitkreiz, Sina Martens und Frank Büttner (Kostümbild von Adriana Braga Peretzki) © Matthias Horn

Büttner: Ich finde, es muss nicht alles raus, aber so ein Castorf-Abend und mit diesem Stoff und dieser Thematik, das muss in Berlin gezeigt werden.

Sie beide sind unterschiedlich lange mit dem Castorf-Theater verbunden, entstammen unterschiedlichen Generationen…

Büttner: Bei Castorf, und den Leuten, die er sich aufbaut, ist das so: Man kommt wieder zusammen als Familie. Die Familie wird größer, aber es ist immer ein Gefühl von Nach-Hause-Kommen. Ich fing ja bei Christoph Schlingensief im Prater an. Und das hat Frank gesehen und mich eingeladen: "Willste nicht bei mir mitmachen?" Und ich sagte: "Mensch, Frank, wir kennen uns so lange…" – und ich wusste ja, wie er arbeitet, ich kenne ja auch seinen rauen Ton – "… ob uns das gut tun wird?". Und dann hat er gesagt: "Wenn wir zusammen arbeiten, dann machen wir das dienstlich. Und wenn wir nicht mehr arbeiten, sind wir wieder befreundet." (lacht) Und das ist so. Ich meine, Sina wirklich, der schreit mich auf der Bühne zusammen, da sag ich: "Sag mal, haste se noch alle?" Und ich weiß ganz genau, dass ich bestimmte Sachen gar nicht kann, ich habe auch nicht die Ausbildung dafür.

Muss man diese starke Haltung mitbringen: Auf der Bühne geht's rabiat zu, und danach gibt's Shakehands in der Kantine?

Büttner: Ja, natürlich…

Martens: Ach, ich weiß gar nicht…

Büttner: So rabiat ist das gar nicht...

Martens: Finde ich nämlich auch…

Büttner: Es gibt Momente, die hart sind. Aber das ist doch überall so. Wenn man stolpert und fällt, dann tut's doch auch ein bisschen weh und dann steht man wieder auf und geht weiter.

Martens: Es ist eine Leidenschaft im Raum, und es geht unglaublich um die Sache. Ach, rabiat… ich weiß nicht. Jeder arbeitet anders. Wenn er brüllt, brüllst du zurück. Das muss man nicht in jeder Arbeit haben, ist auch schön, wenn alles harmonievoll ist. Aber manchmal misstraue ich auch einer bloßen Harmonie. Wenn wir hier so proben, empfinde ich das gar nicht als rabiat, sondern als eine Auseinandersetzung mit etwas, wonach man gerade sucht. Und deshalb habe ich von dieser ersten Probe gesprochen. Das war so: Pfffffchchchch (Geräusch eines fliegenden Pfeils). Das hast Du am ganzen Körper gespürt. Seit acht Monaten hatte ich so ein Gefühl nicht mehr. Irre.

 
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