Der Teufel aus der Maschine

von Jan-Paul Koopmann

Kiel / Online, 14. November 2020. Die Gänsehaut kommt schon deshalb unerwartet, weil die Premiere seit ein paar Stunden vorbei ist: Der Rechner fährt zum Schreiben nicht wieder hoch, irgendein Problem am BIOS – vorher nie gehabt – ausgerechnet jetzt und ausgerechnet auf eben jenem Gerät, mit dem wir unter der Ritualanleitung der Kieler Theaterleute vorhin einen digitalen Teufel beschworen hatten. Zum Spaß natürlich, aber in einem Gruseltheater-Stream, der offenbar doch auch echte Ängste geschürt, oder immerhin Misstrauen geweckt hatte: vor dem abgeklebten Auge der Webcam nämlich und vor dem Mikrophon, das ja eigentlich nicht mithören kann, solange die kleine rote Diode nicht leuchtet... 

Mit Gedächtnisverlust im Chatraum

"Golem 24143" heißt die Produktion des Jungen Theaters im Kieler Werftpark, ein Mitmachstück am Rechner, oder wie es auf dem digitalen Handzettel heißt: Ein "Zuhause-Theater-Game". In Sachen Ausstattung und Organisation ist das Stück vergleichsweise aufwendig, sicher keine Corona-Notproduktion und übrigens auch deutlich länger angekündigt als der zweite Lockdown.

Golem 2 560 Olaf Struck Sebastian Kreuzer FSJ Kultur Anne Sophie SeeligBeschwörungen im Chatraum © Olaf Struck

Und ein Spiel ist "Golem 24143" – und zwar im doppelten Sinne. Ein Schauspiel einerseits, weil Sebastian Kreuzer uns in einer Rolle gegenübertritt: als der junge Athanasius Pernath nämlich, der mit Gedächtnisverlust in einen Chatraum voller Publikum stolpert und sich helfen – ja, mitunter auch fernsteuern – lässt. "Gehe geradeaus und dann links", schreibt eine Swantje um 18.10 Uhr in den Chat, "über die nächste Brücke" übernimmt Zuschauer:in "Letsgo". Zunächst nur schriftlich wird die Figur Pernath über den Kieler Stadtplan gelotst, bis zu ihrer Wohnung und vor die Webcam.

Postmoderne Golem-Variation

Die tatsächliche Arbeit mit den Hinweisen wäre die zweite Spielebene: mindestens verwandt mit den "Escape Rooms" oder "Exit Games", mit denen sich mittelalte Erwachsene zur Zeit so gern dieselbige vertreiben. Aus dem Chatfenster geht es rüber auf YouTube, zu dubiosen Inseraten auf eBay-Kleinanzeigen und zum Rätseln auf eigens geschalteten Teamwork- und Knobelplattformen. Es geht um Pernaths verlorenen Identität und zunehmend auch um einen "Golem", der von der Sage aus dem Prager Judenviertel zwar inspiriert scheint, hier aber zum postmodernen Eigenleben zwischen Künstlicher Intelligenz und satanischer Entität erwacht.

Pate stand Gustav Meyrinks um 1914 entstandener Golem-Roman, ein Klassiker der Okkultismus-übersättigten Phantastik. Auch hier rückt die Sage bald in den Hintergrund und stiftet vielmehr Motive zum Ausstaffieren einer verschwommenen Parallelwelt: "Ein Zimmer ohne Zugang", heißt es im Roman, wo der Protagonist auf seine eigenen Spuren stößt - und am Ende nur wenig erklärt wird.

Das Kieler Theatergame weckt statt antibürgerlicher Sinnkrisen dagegen eher Sportsgeist: man tüftelt hektisch an Zahlenrätseln und Anagrammen, während Sebastian Kreuzer einen Lautsprecher und zwei bis drei Browser-Tabs entfernt Döner mampft und mit der Folie knistert. Immer wieder klickt man zurück, hektisch, um im Nachbarfenster auch ja keinen Hinweis zu verpassen – und vielleicht auch wegen der grundsätzlich ungewohnten Situation, einen Theaterabend auch verlieren zu können.

Golem 1 560 Olaf Struck Sebastian KreuzerDer Hinweis ist nur einen Tab entfernt © Olaf Struck 

Wäre der uralte Streit zwischen ludischen und narrativen Spieltheorien nicht wirklich uralt, man müsste wohl hier damit anfangen. Unter den Subgenre erzählerischer Brettspiele sind besonders diese "Escape"-Games radikal technisch aufgebaut und schleppen ihre Geschichten halt eher mit. Bei "Golem 24143" verhält es sich ein bisschen anders – und das nicht nur, weil "Theater" drüber steht. Tatsächlich ist die Stunde Spiel gespickt mit hübschen Immersionsmomenten, weil die Rolle der wild tippenden Recherchierenden und der Zuschauerperson ja unmittelbar in eins fallen: Ich sitze am Computer und helfe jemandem, der sich Athanasius Pernath nennt, und dem ich nicht sonderlich weit über den Weg traue. Da nehmen sich Realität und Erzählung nicht viel.

Und alle spielen mit: Sie füllen pflichtschuldig Tabellen aus, auch wenn die eigentlich egal ist, schreiben der Figur Pernath Dinge, die der Schauspieler längst weiß und verkneifen sich auch die Metakommentare weitgehend. Sebastian Kreuzer macht seine Sache als Spielleiter gut, hält die Leute auf Zack und die Illusion aufrecht, dass ohne unser aller Zutun alles schrecklich enden wird.

Fluides Spiel, statische Hinweisgeber

Ab und an laufen freigespielte Clips der übrigen Besetzung ein: Horst Stenzel meldet sich als dubioser Trödelhändler am Telefon, oder Pernaths bester Freund Zwakh (Simon Burghart) tritt in Videos in Erscheinung. Schließlich taucht die von Godje Hansen gesprochene Miriam tippend im Chatraum auf und zeigt sich ungläubig berührt vom Gedächtnisschwund ihres Freundes. Ganz kurz scheint's, als gäbe es nun doch noch eine zweite Figur zum Gespräch, und eine emotionale Ebene, doch da mutiert sie schon zur bloßen Hinweisgeberin per Sprachnachricht. So fluide sich das Miteinander von Publikum und Hauptfigur darstellt, so statisch bleiben die anderen Figuren.

Spaß macht's trotzdem, und das nicht für Schulklassen ab 10 Jahren, die das Spiel buchen können. Vor allem ist "Golem 24143" aber auch ein angenehm greifbarer Beitrag zu den drängenden Debatten um Digitalisierung und Interaktivität: einem Begriffspaar, das sich für manche grundsätzlich ausschließt und von anderen mehr oder weniger gleichbedeutend gehandelt wird. Hier gibt es beides nebeneinander zu erleben: Stream als soziale Praxis und als konsumierbarer Inhalt – und so nebenbei auch noch als lustvoller Ansatz, den angestaubten Schauerroman in einen Science-Fiction-Stoff für die ganz nahe Zukunft zu transformieren.

 

Golem 24143
nach dem Roman "Der Golem" von Gustav Meyrink
Regie: Tabea Wiese, Spiel: Sebastian Kreuzer, Programmierung: Fabian Schulz, Zeichnungen: Anoop Davis, FSJ-Kultur: Anne-Sophie Seelig.
Mit: Sebastian Kreuzer, Horst Stenzel, Godje Hansen, Simon Burghart.
Premiere am 14. November 2020
Dauer: 1 Stunde, keine Pause 

www.theater-kiel.de

 

Kritikenrundschau

In den Kieler Nachrichten schreibt Ruth Bender (16.11.2020): Es gäbe Hänger im Spiel, das aber als Ganzes für die Nicht-Hacker "ziemlich komplex" bleibe. Nicht immer funktioniere die Dramaturgie so, "dass alle Ebenen locker ineinander greifen". Und das Medium Theater sei "am Ende doch zweitrangig, weil der theatrale Raum fehlt", und weil Kreuzer neben der Figur eben auch den Spielmacher geben müsse. Doch auch, wenn der Spielverlauf nicht wirklich zu verändern sei, bleibe es spannend. Insgesamt erweise sich "das Experiment zwischen Theater und E-Game, Live und Konserve als ausbaufähig".

 

 
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