Theater, Wasser, Brot

von Falk Schreiber

16. November 2020. "Warum Theater?" Das ist eine gefährliche Frage, gerade in Krisenzeiten. Weil die Möglichkeit besteht, dass diese Frage nicht befriedigend beantwortet werden kann, und dann sind nicht nur Rechtsaußen und Neoliberale schnell dabei, die Frage in ein "Haben wir eigentlich keine anderen Probleme?" zu erweitern. Why Genderforschung, why Öffentlicher Nahverkehr, why Kunstförderung? Haben wir keine anderen Probleme, brauchen wir das überhaupt? Kann weg.

Need I say more?

Es ist mutig, dass man am NTGent diese Frage dennoch stellt. Trotz der Corona-Pandemie (die in Belgien weitaus zerstörerischer wütet als in der Bundesrepublik), trotz Kultur-Lockdown, trotz oder gerade wegen der krisenbedingten Verwerfungen innerhalb der Theaterlandschaft. Im Wissen, dass Theatermacher*innen nicht unbedingt geeignet sein dürften, eine Antwort zu finden. "Normalerweise wird die Antwort durch das Theatermachen selbst gegeben", schreiben die Herausgeber*innen Kaatje De Geest, Carmen Hornbostel und Milo Rau im Vorwort des umfangreichen Bandes, "aber plötzlich befinden wir uns in einer Situation, in der unsere Praktiken der Antwortsuche durchgeschüttelt wurden": in der zwangsweisen Stilllegung der Theaterhäuser. Die Alternative ist, nicht auf eine einzelne Antwort zu vertrauen, sondern auf ein Kaleidoskop an Antworten: Die Frage "Warum Theater?" wird vielstimmig beantwortet, von über 100 Theatermacher*innen, zwischen denen sich, so die Hoffnung, verdeutlicht, warum Theater heute eine relevante Kunst sein kann.

Cover WhyTheatre 280Die Vielstimmigkeit ist dabei gleichzeitig Pluspunkt wie Problem des Bandes. Denn natürlich: Wo viele Stimmen zusammenkommen, da hört man auch Redundanzen, Themenfremdes, Blödsinn. Einerseits. Andererseits hört man eben auch einen Vielklang, der mehr ist als die Summe seiner Teile. Wenn etwa Isabelle Huppert schlicht ein Szenenfoto aus "Phèdre(s)" vom Pariser Odeon beiträgt und das mit einem lakonischen "Need I Say More?" betitelt, dann zeigt das erstens deutlich, wie wenig Lust Huppert auf ihre Teilnahme an dem Buchprojekt hatte. Aber gleichzeitig eröffnet die gestellte Frage tatsächlich eine Ebene, die für das Thema hilfreich ist: "Need I Say More?", ja, ein bisschen mehr wäre tatsächlich schön, aber gleichzeitig wird auch klar, dass "Warum Theater?" sich vielleicht wirklich nur in Andeutungen beantworten lässt, in Gegenfragen und in Bildern. Dass diese Bilder womöglich etwas anderes transportieren könnten als die hier abgebildete Weiblichkeitskonvention und ein eher unambitioniertes szenisches Setting, ist ein anderer Punkt, aber: Von hier aus lässt sich wahrscheinlich weiterdenken.

Warum Wissenschaft? Warum Schönheit?

Viele Autor*innen denken weiter, indem sie literarische Formen einsetzen, oft als gedichtähnliche Texte: In "Dinner Is Served" stellt die moldawische Autorin Nicoleta Esinencu mit einer jegliches Gegenargument hinwegfegenden Konsequenz fest, dass Theater politisch sei, ebenso wie Wasser oder Brot. Die kürzlich verstorbene Kuratorin Frie Leysen führt mit "Why Sea Stars" die titelgebende "Warum"-Frage ad absurdum: "Warum Schönheit? Warum Migration? Warum Wissenschaft? Warum Donald Trump?" Und selbst ein so wenig lyrischer Theatermacher wie der Rimini-Protokoll-Mitstreiter Stefan Kaegi überführt den Listencharakter seines Textes "Because" in eine an ein Gedicht erinnernde Form. Andere Künstler*innen (Gob Squad, Anne Teresa De Keersmaeker) schreiben Briefe, es gibt ein paar graphische Ausreißer (Sasha Waltz, Markus Öhrn), und es sagt wahrscheinlich etwas aus über den Stand der avancierten Bühnenästhetik, dass genuin dramatische Texte praktisch nicht auftauchen. Einzig "Second Exit After The Soul" vom kongolesischen Künstler Nganji Mutiri ist im engeren Sinne ein Dialog, während Dennis Seidels "Why, Honey?" und "The Lion King" vom australischen Back To Back Theatre eher Gesprächsprotokolle darstellen als echte dramatische Szenen.

Who's Who der Postdramatik und Botho Strauß

Das Blättern in "Why Theatre?" bekommt so den Charakter eines Überblicks. Wer aktuell wichtig ist in der internationalen Welt der Postdramatik, der steht in diesem Buch, Suzanne Kennedy, She She Pop, Rabih Mroué, und und und. Aber Vorsicht: Mit Botho Strauß trägt zumindest ein Autor einen Text bei, der mit Postdramatik wenig zu tun hat. "Ghost Choirs" ist nicht das rechtsdrehende Raunen, in das sich Strauß während der vergangenen 25 Jahre mit seinen Prosatexten verstrickt hatte, sondern die erinnerungssatte Beschwörung einer verschütteten Theatermagie, und, ja, auch das ist eine legitime Antwort auf die Frage des Buches. Nur sind die legitimen Antworten mittlerweile so zahlreich, dass einem der Kopf schwirrt.

Es hilft aber nichts: Die am wenigsten ergiebigen Beiträge sind die Analysen, die politischen Forderungen, die sich an die Wissenschaft andockenden Texte von Florian Malzacher oder von Jérôme Bel. "Why Theatre", das lässt sich anscheinend nicht analytisch beantworten, das braucht das Wirre, das Wolkige, die Verweise und die Widersprüche, und es ist eine kluge editorische Entscheidung, dass der Satz des Buches immer wieder Links setzt auf andere Artikel, freilich ohne diese Verlinkungen zu erklären. Keine Chance, die Frage "Warum Theater?" halbwegs akzeptabel zu beantworten, mit einer klaren, argumentativ schlüssigen Aussage.

Außer vielleicht so: weil Theater eine Kakophonie ist. Ein Durcheinanderreden. Ein Aushalten des Nichtaushaltbaren. Ein Ort, an dem ein Rechtskonservativer wie Botho Strauß ebenso gehört werden kann wie der belgische Dramaturg und Extinction-Rebellion-Aktivist Sébastien Hendrickx. Sie werden gehört, dann verschwinden sie im Grundrauschen. Und wenn sie Glück haben, dann findet man ihre Beiträge irgendwann einmal wieder.

 

Why Theatre?
Von Kaatje De Geest, Carmen Hornbostel, Milo Rau (Hg.)
Verbrecher Verlag, 368 Seiten, Preis: 16,00 €

 

 
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