Apokalypse als Normalzustand

von Jan Fischer

Hannover/online, 5. Dezember 2020. Die neue Welt hat es nicht leicht. Zuerst hieß sie "Every heart is built around a memory", dann aber überlegte Regisseurin Theresa Henning es sich anders: Sie hatte ein neues Stück geschrieben, eines, das sich mit "Jetzt" – in der Version vom Sommer 2020 – befasste. Man begann diese neue Inszenierung, "Der Beginn einer neuen Welt", zu proben – im November sollte die Premiere sein. Aber auch da kam ein wieder neues Jetzt dazwischen. So wurde die Inszenierung speziell auf einen Livestream zugeschnitten, die Uraufführung ist der Auftakt von mehreren Inszenierungen des Schauspiel Hannover für das Heimtheater am Bildschirm.

Faulige Geschichten unter der Decke des Wohlbehagens

Für die neue Welt sind diese Bildschirme, die der Handys, diejenigen, die ständig Netflix abspielen, jedoch ein Problem. "Hohle Menschen", informiert die Inszenierung, seien das, die da endlos und ziellos durchs Netz scrollten, sich in "Reproduktion der Langeweile" unter einer "kollektiven Decke es Wohlbehagens" immer und immer wieder sich die alten, überkommenen, sogar, ja "fauligen" Geschichten erzählen ließen. Die drei Darsteller*innen Sabrina Ceesay, Tabitha Frehner, Nils Rovira-Muñoz umturnen dabei ein Podest in der Mitte der Bühne, schmiegen sich auch mal an ihr seitliches Gestänge, nehmen sich immer wieder, als ein Wesen, die Worte aus dem Mund.

BeginneinerneuenWelt4 1500 Isabel Machado Rios uSabrina Ceesay, Nils Rovira-Muñoz und Tabitha Frehner in "Beginn einer neuen Welt" © Isabel Machado Rios

Hennings Text schachtelt sich motivisch ineinander, man blickt immer wieder in den Himmel, hört Wölfe in den Ruinen der Zivilisation heulen: "Apokalypse ist nicht das Virus, nicht die Pandemie, nicht die Krise. Apokalypse ist unser Normalzustand", heißt es. Die Welt ist kaputt. Das Virus eine Chance, weil endlich mal alles wackelt. Das Gegenmittel? Einfach. Eine Utopie. Lieben. Leben. "Verbundenheit, Rhythmus, Tanz, Musik". Irgendwo dort wird dann schon die echte Welt hinter den Smartphone liegen, nach der sich da auf der Bühne gesehnt wird.

Drei Tanzende mit einer Stimme

Gut eine Stunde dauert eine Variation über den Satz "If I can‘t dance, it‘s not my revolution", es ist ein Abgesang auf das Ego, den Verstand, die Geschichten alter, weißer Männer. Es ist die Idee einer neuen Welt aus neuen Ideen, in der Ameisen und Menschen gleichberechtigt sind, weil sie nun einmal beide leben wollen, und weder die Ameise der Ameisen noch der Mensch des Menschen Wolf sein soll. Inszeniert ist dieses Manifest als an körperliches, rhythmisches Theater mit viel Musik zwischendrin, irgendwo zwischen Tanz und Monolog, die Kameras bringen die Körper und die schweißbedeckten Gesichter der Darsteller*innen dicht heran.

BeginneinerneuenWelt2 1500 Isabel Machado Rios u Utopie vor den Latz geknallt: Tabitha Frehner © Isabel Machado Rios

Es ist eine naive Beschwörung des Paradieses. Die alten Geschichten sollen zwar weg, werden aber mit ebenso alten Motiven einer empfundenen Echtheit hinter Bildschirmen kontrastiert. Der Text gefällt sich in seinem großen Mischmasch, versucht seine Breiigkeit mit Pathos ("Der Schrei der Unendlichkeit hallt durch die leeren Gassen") und ein paar Leitmotiven zu verschleiern: ein paar Slogans – "No border, no nation, stop deportation" –, und ein wenig Zeitgeschichte – "I can‘t breathe" ist ein Satz, der immer wieder auftaucht. Die neue Welt muss gefühlt, nicht verstanden werden, lautet die Message – weil der Verstand zum Ego gehört. "Schluss mit der Sprache, lasst die Sinne fließen", das ist einer der letzten Sätze.

Kaputtes Jahr braucht Manifest

Mit Tanz und dem Agieren der drei Darsteller*innen fast als einem Körper versucht Theresa Hennings Inszenierung noch einmal zu zeigen, was ihr Text sagen möchte, der aber außer Sound und ein paar aufgewärmten Ideen einfach nicht viel zu bieten hat. Klar, 2020 ist ein kaputtes Jahr gewesen. Klar, die Pandemie hat sich auch als Ereignis erwiesen, durch das sich andere Misstände klarer sehen lassen. Als Chance vielleicht, etwas neu, anders, besser zu machen. Und ja, vielleicht brauchen wir ein Manifest für eine neue Welt. "Der Beginn einer neuen Welt" ist dieses Manifest leider nicht.

Der Beginn einer neuen Welt
von Theresa Henning
Regie: Theresa Henning, Bühne und Kostüm: Raissa Kankelfitz, Video: Toni Lind, Dramaturgie: Friederike Schubert.
Mit: Sabrina Ceesay, Tabitha Frehner, Nils Rovira-Muñoz.
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

https://staatstheater-hannover.de

 

Kritikenrundschau

"Auf die Bühne tritt ein Schauspieltrio, um sich mit jugendlichem Furor zu beschweren #corona. Die eigentlich von Austausch, Ausprobieren und Orientierung gekennzeichnete Adoleszenz läuft ins Leere", schreibt Jens Fischer in der taz (7.12.2020). Für Theresa Henning befördere der Lockdown eine Offenheit gegenüber der Unsicherheit. Gut gelinge es in ihrer Livestream-Inszenierung, die Hüpf-, Sprung-, Flugbewegungen des Denkens auf den Rhythmen zeitgenössischer Popmusiksplitter umzusetzen. "Alles kommt verzweifelt bedeutungsvoll und pathosgetränkt daher", so Fischer. Das sei hier eben Ausdruck einer Suchbewegung nach einer neuen Welt mit klischeehaften Worten der alten Welt. Authentisch wirken so die Momentaufnahmen eines diffusen Lebensgefühls.

"Ihr Jugendstück 'Der Beginn einer neuen Welt' hat Theresa Henning während des Lockdowns im Frühjahr geschrieben. Im zweiten Lockdown hat sie es als Livestream uraufgeführt und es wirkt auch dadurch etwas kraftlos", so Barbara Behrendt im DLF Kultur (5.12.2020). Das Virus sei Anlass fürs Nachdenken über die Ungerechtigkeit der Welt. Aber ein zwingendes Konzept sei Henning für ihren Text nicht eingefallen. "Die Inszenierung hängt im abstrakten, luftleeren Raum." Wichtiger sind die Songs, die in den jeweiligen Szenen eingespielt werden." "Es bleibt, trotz unterlegtem Musikteppich, eine spröde Angelegenheit. Die Atmosphäre, die durch die Musik entstehen soll, stellt sich über den Bildschirm kaum her." Fazit: "Von der Kraft des Aufbegehrens und gesellschaftlichen Wandels, die hier angeblich verhandelt werden, ist nichts zu sehen."

 

 
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