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Jeder Mensch ein Abgrund

von Shirin Sojitrawalla

Berlin, 19. Dezember 2020. Georg Büchners "Woyzeck" ist kein Stück über häusliche Gewalt, auch wenn ein Frauenmord darin geschieht. Einer jener Femizide, an denen sich die Dramenliteratur ergötzt. Woyzeck ersticht Marie aus vielerlei Gründen, Eifersucht mag einer davon sein. Ein Mord aus Eifersucht im Jahr 1821 inspirierte Büchner zu seinem Fragment. Dass heute in Deutschland durchschnittlich an jedem dritten Tag eine Frau von ihrem Mann oder Ex-Mann getötet wird, inspirierte wiederum die Schauspielerin und Dramatikerin Mahin Sadri und den Regisseur Amir Reza Koohestani zu ihrer "Woyzeck"-Version am Deutschen Theater Berlin.

Frisch geduschtes 08/15-Paar

Das Thema ist in diesen Tagen brandaktuell, nicht nur wegen der herrschenden Pandemie, während der die Fälle häuslicher Gewalt in die Höhe schnellen, sondern auch der bevorstehenden Feiertage wegen, von denen ähnliches zu sagen ist. Das Eingesperrtsein tut dem Menschen nicht gut. Davon erzählt auch "Woyzeck Interrupted", das den Stoff ins Jetzt beamt. Marie tritt als Hospitantin auf, Woyzeck als Schauspieler, bei Proben lernen sie sich kennen, sie zieht zu ihm, dann kommt der Lockdown. Der Theaterstream beginnt, als ihre Trennung schon beschlossen ist, Marie aber noch bei ihm wohnt, bis sie eine eigene Wohnung gefunden hat.

Woyzeck interrupted 1 560 ArnoDeclair uEnno Trebs' Woyzeck in seinen 2 Zimmer Küche Bad © Arno Declair

Die Bühne wirkt wie ein Puppenhaus mit verschiedenen Zimmern auf verschiedenen Ebenen. Es könnten auch Bildschirme sein. Oben sehen wir die beiden in Nahaufnahme, darunter befinden sich Woyzecks 2ZKB. Die Wände sind grau, Sichtbeton, Blaulicht aus Fernseher und Computer flutet die Räume. Marie und Woyzeck erscheinen darin als frisch geduschtes 08/15-Paar in schneeweißen Shirts, das macht, was Paare derzeit oft machen: sich gegenseitig die Haare schneiden, Serien schauen und sich in die Wolle kriegen. Paar-Einerlei. Sätze aus Büchners Original, gern aus dem Zusammenhang gerissen, verteilen sich großzügig über den neuen Text und tönen hier wie besonders originelle Stimmen in Woyzecks Kopf.

Bildmagische Ansichten der Dingwelt ringsum

Lorena Handschin spielt Marie als schnippische junge Frau, die digital mit ihrer Freundin plaudert, etwa über den Tambourmajor, hier zum Drummer verzwergt. Woyzeck kommuniziert später am Bildschirm mit seinem Therapeuten, noch später sitzen Marie und er in Paartherapie. Szenen, die ungut ausgedacht wirken. Wie überhaupt der Text eher unaufregend daherkäme, sorgten Bühne und Stream-Regie nicht dafür, dass hier – die Online-Fassung ist nicht identisch mit der für nach Corona geplanten Bühnenversion – ein reizvoller Theater-Film-Zwitter entstünde. Kein abgefilmtes Theater, sondern eine eigene Ästhetik, die das Fragmentarische des Stoffes dramaturgisch nutzt.

Woyzeck interrupted 2 560 ArnoDeclair uEinander so nah und doch so fern: Lorena Handschin, Enno Trebs © Arno Declair

Dem Fragment ist die Unterbrechung ja quasi eingeschrieben, und sie dient dem Abend als inhaltliches und formales Gerüst. Marie unterbricht ihre Schwangerschaft, Corona unterbricht die Proben. Als Szenenteiler dienen Zeitungsmeldungen über tatsächliche Fälle häuslicher Gewalt, die eine Stimme aus dem Off verliest sowie bildmagische Ansichten der Dingwelt ringsum, die momentweise an die bewegten Bilder von William Kentridge erinnern. Sehr hübsch auch das Puppenspiel in dem von Woyzeck während des Lockdowns entwickelten Mikrotheaters. Das Bühnenbild und die Konzeption des Streams nehmen Büchner mehr beim Wort als der Text, etwa sein Spiel mit dem Hellen und dem Dunklen, dem Heißen und dem Kalten.

Ein Akt der Emanzipation

In diesem abwechslungsreichen Setting erzählt "Woyzeck Interrupted" eine Liebesgeschichte mit zwei möglichen Enden. Heraus kommt kein aufrüttelnder Abend zu häuslicher Gewalt, keine Schocktherapie wie etwa Markus Öhrns Theatermarathon aus dem Jahr 2018. Koohestani inszeniert vielmehr ein sachtes und trauriges, manchmal auch zähes Kammerspiel, in dem Enno Trebs' Woyzeck als weichgezeichneter Schluffi erscheint – so aufbrausend wie ein Glas Limonade.

Die Zärtlichkeit und ironische Heutigkeit des Zugriffs holt den Stoff aus der Schmuddelecke. Sexuelle Übergriffe und Schläge geschehen überall, Frauenmorde auch, raunt der Abend einem zu. Die MeToo-Debatte kommt einem natürlich auch hier und da in den Sinn. Die bedächtige, zuweilen auch ein bisschen behäbige Regie führt zu einem verwaschenen Eindruck. Am Ende liegt Marie nicht blutend am Teich, sondern stapft à la Nora zur Tür hinaus. Ein Akt der Emanzipation, und womöglich ein Schlag ins Gesicht all derer Frauen, die sich diesen nicht leisten können oder wollen. Das Thema bleibt heikel, erweist sich aber gerade deswegen als Büchners "Woyzeck" würdig. Denn darin ist bekanntlich jeder Mensch ein Abgrund – und nicht nur jeder Mann.

 

Woyzeck Interrupted
von Mahin Sadri und Amir Reza Koohestani nach Georg Büchner
Übersetzung: Sima Djabar Zadegan
Regie: Amir Reza Koohestani, Bühne: Mitra Nadjmabadi, Kostüme: Lea Søvsø, Video: Phillip Hohenwarter, Benjamin Krieg, Musik: Matthias Peyker, Licht: Kristina Jedelsky, Dramaturgie: Sima Djabar Zadegan, John von Düffel, Stream Konzeption: Guillaume Cailleau, Phillip Hohenwarter, Benjamin Krieg, Bildregie und Schnitt: Guillaume Cailleau.
Mit: Lorena Handschin und Enno Trebs.
Dauer: 1 Stunde 35 Minuten, keine Pause

www.deutschestheater.de

 

Kritikenrundschau

Streamtauglich und doch klassisches Theater sei "Woyzeck Interrupted“, schreibt Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (20.12.2020). Produktiv wendeten sich langsam die Zwangspausen dieses Corona-Jahrs: "In die Ausbildung einer Art vierten Kunstdimension. Einer Hybridkunst, in der sich souveränes Livespiel auf der Bühne mit vorproduzierten Kunstfilmwelten im Überblendungsirgendwo vereint, das zugleich auf einer halb realen Rauminstallation fußt, die zwischen dem Ort des Spiels und dem heimischen PC eine suggestive Brücke schlägt." Für Meierhenrich funktioniert auch die "Textmontage aus locker ironischen Gegenwartsdialogen und den verzweifelt klaren Büchner-Zitaten": Marie und Woyzeck blieben, durch Zeiten und Räume und diskursiv up to date, "Gefangene unendlich verfeinerter, archaischer Machtstrukturen".

Durch die Videospielereien, Close-ups und Überblendungen gewinne man "mehr den Eindruck eines Films statt den von Theater", schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (21.12.2020). Koohestanis Ansatz, Marie eine Stimme zu geben und die Gewalt gegen Frauen als strukturelles Muster gerade in Partnerschaften herauszuarbeiten, gehe nicht auf: "Es fehlt diesem banalen Theaterpärchenstreit jede Tiefe und gesellschaftliche Dimension", so Dössel. Erzählt werde vielmehr, wie krank der Lockdown einen Schauspieler mache, der nicht mehr spielen dürfe und sich satt dessen immer mehr in Woyzecks fiebrige "Aberratio" hineinsteigere. "Man sollte die Theater also besser wieder öffnen."

Ambitionierte Videobilder, ja, aber "die Verquickung dieser Paargeschichte mit Büchners expressionistischem Szenenfragment geht nicht mal zu Bruchteilen auf", sagt Barbara Behrendt in ihrer Besprechung auf rbb Kultur (21.12.2020). Enno Trebs als Woyzeck sei beeindruckend, "immer irrlichternd zwischen Verzweiflung, Wahnsinn und Liebesbedürftigkeit". Aber Sadri und Koohestani verkürzten alles auf die psychologische Ebene, die Büchner-Zitate passten nicht zum realistischen Drama. "An dieser Produktion zeigt sich einmal mehr: Hat man eine Geschichte übers Heute zu erzählen, sollte man sie schlicht und einfach neu schreiben, statt auf vermeintliche Paralelen zu großen Vorbildern zurückzugreifen."

"Amir Reza Koohestani tastet sich aus dem Grundrauschen eines aktuellen Gesellschaftsproblems vor zur grausigen Geschichte von Woyzeck und Marie", berichtet Eberhard Spreng im Deutschlandfunk (21.12.2020). Er zeige detailreich, wie das Fragment gebliebene Stück von Georg Büchner von vor über 180 Jahren in die Gegenwart hineinstrahle. Sein Fazit: "Online-Theater in stark gebauten Bildern."

"Ob Franz Marie, die ihn verlassen will, am Ende umbringt, bleibt offen, denn die Szene wird mehrfach gespielt, mit verschiedenem Ausgang", so Katrin Bettina Müller in der taz (22.12.2020). Aber schon in der Wiederholung liege das Quälende und Traumatische. "Einmal spielt sie Franz mit winzigen Figürchen aus Draht und Papier nach, die er dicht vor seine Augen und dicht vor die Kamera hält. Als bestünde auch die Chance, dass er seine Eifersucht nur stellvertretend auf der Bühne ausagiert." Fazit: "Von der Nutzung der technischen Möglichkeiten her, die die Betrachtung am Bildschirm bietet, gehört 'Woyzeck Interrupted' zu den überzeugendsten Beispielen."