Gott ist tot. Und wer ist sein Zeuge?

Von Sabine Leucht

München, 20. Dezember 2020. Ryszard Siwiec tat es 1968, Piotr Szczęsny zündete sich 2017 an. International haben die Selbstverbrennungen der beiden Polen zwar kleinere Wellen geschlagen als die des tschechischen Studenten Jan Palach 1969. Alle drei aber hatten ein explizites politisches Anliegen und die öffentliche Exposition ihrer Namen und Geschichten gemein. Mit einem ganz anders gelagerten Fall befasst sich der junge polnische Autor Beniamin M. Bukowski: Mit einem Selbstopfer, das in den frühen Morgenstunden des 19. Mai 2017 auf dem Münchner Marienplatz stattfand und nahezu ohne Resonanz blieb. Wer der Mann war, ist bis heute unbekannt.

Sicher können wir nur unserer Wahrnehmung sein

Der Text, den Bukowski im Rahmen der ans Münchner Residenztheater angeschlossenen "Welt/Bühne" für junge Talente der internationalen zeitgenössischen Dramatik geschrieben hat, tastet wie Peter Handkes jüngstes Stück "Zdenek Adamec" (hier die Kritik der Salzburger Uraufführung) mit Denkbewegungen durch das Dunkel um eine historische Selbstverbrennung, die Handke zum Spekulations- und Erzählanlass wird und Bukowski zum Exempel. Denn den 29-Jährigen treibt in Anlehnung an Giorgio Agamben der Gedanke an die Parallelität von politischem und religiösem Opfer um. Seine These: Wird es nicht angenommen und/oder nicht gesehen, existiert es nicht. "Wer keinen Namen hat, geht nicht in die Geschichte ein."

Marienplatz 3 560 SandraThen uDer Selbstverbrenner: Thomas Lettow, mit Liliane Amuat © Sandra Then

Das zersplitterte Stück des 29-Jährigen wirkt teils irre klug und leicht, teils unangemessen ironisch und am Ende zunehmend verworren. Eine Gemengelage, die der ungarische Regisseur András Dömötör in einen anfangs munteren detektivisch-musikalischen Schabernack überführt, der als erste Online-Premiere des Münchner Residenztheaters zur Uraufführung kommt. Außer einer Begrüßung des Heim-Publikums und vereinzelten Flirts mit der Kamera gibt es allerdings wenig, was die Aufzeichnung aus dem Marstall als Digital-Produktion kenntlich macht. Okay, da ist die Bitte, die Augen zu schließen, um sich am Bildschirm den Gestank zu vergegenwärtigen, den das Verbrennungsexperiment an einem mit Benzin marinierten Schweinekotelett erzeugt. Denn der Autor meint es ernst mit seiner positivistischen These: "Sicher können wir nur unserer Wahrnehmung sein!" Deshalb lässt er den Schauspieler Moritz von Treuenfels als seinen Vertreter im Stück vier "Rekonstruktionen" rund um den freiwilligen Feuertod anstellen. Die mit dem Kotelett ist die dritte und soll nachstellen, wie es riecht, wenn jemand verbrennt.

Mit ausgestellt-naivem ethnologischem Blick

Vor und zwischen diese makabren Versuche packt Bukowski noch die alttestamentarische Geschichte von Abraham, der auf Gottes Geheiß seinen Sohn Isaak opfert (und anschließend von Münchner Polizisten verhört wird), seine eigenen ins Groteske überhöhten Erfahrungen während seiner mehrmonatigen Residenz in der Stadt und mit ignoranten (Resi?-)Dramaturgen, die immer wieder vergessen, wer er ist. Rund um ein zuckerstangenbuntes Drehscheiben-Kinderkarussell hat Sigi Colpe mit Christbaumkugeln und Fake-Eiszapfen geschmückte Weihnachtsmarktbuden platziert, die als Abstandshalter und Sub-Bühnen fungieren. In ihnen findet Bezauberndes statt, etwa wenn anfangs alle sechs Akteure in ernster Konzentration auf Xylophonen herumklöppeln, das glockenspielartige Klingklang gegen den szenischen Rhythmus stolpern oder stoppen lassen und mit tosendem Hall verfremden. Und Liliane Amuat singt so wunderschön, dass man sich gerne an ihrer Stimme festhält, wenn Dömötör bei seinem München-Debüt allzu tief in die Kitsch- und Klischeekiste greift. So protzt der Stadtführer Michael als blondlockiges Münchner Kindl mit dem Reichtum der goldenen City, die von Brezen wimmelt – was freilich Bukowskis ausgestellt-naivem ethnologischen Blick entspricht. Eine ratlose Variante diese Naivität trägt Moritz von Treuenfels so unermüdlich auf seinem Gesicht spazieren wie Thomas Lettow den Benzinkanister schleppt.

Marienplatz 1 560 SandraThen uIm Weihnachtsbudensetting: v.l. Myriam Schröder, Thomas Lettow, Nicola Kirsch, Moritz von Treuenfels, Liliane Amuat, Hanna Scheibe © Sandra Then

Lettow ist (neben anderem) "der Mann" im Stück; der Selbstverbrenner ohne Geschichte, der nur zwei Sätze hinterlassen hat: "Nie wieder Krieg von deutschem Boden" und "(Anis) Amri war nur die Spitze des Eisbergs". Das Vakuum zwischen diesem pazifistischen Stoßseufzer und der mehrdeutigen Anrufung des Attentäters von Berlin kann rechte und linke Verschwörungstheoretiker um ihren Restverstand bringen. Zumal das mediale Schweigen um den Toten wirklich überrascht. Bukowski aber geht es um ein anderes, grundsätzlicheres (Sinn-)Vakuum, auf das er reichlich umständlich zu sprechen kommt. In einer sich auch inszenatorisch verläppernden Szene sucht Myriam Schröder als narzisstisch gestörte Persönlichkeit das Gespräch mit ihrer Psychiaterin (Nicola Kirsch). Dieses eiert und knistert enorm papiern auf die Pointe zu, dass hier Gott selbst auf einem Autoscooter sitzt und sich nach seinem Ende sehnt. Das kommt auch für ihn aus dem Kanister. Gott ist tot. Und wer ist sein Zeuge?

 

Marienplatz (UA)
Von Beniamin M. Bukowski, aus dem Polnischen von Olaf Kühl
Regie: András Dömötör, Bühne und Kostüme: Sigi Colpe, Musik: Tamás Matkó, Video und Live-Schnitt: Jonas Alsleben, Licht: Barbara Westernach, Dramaturgie: Leila Etheridge.
Mit Liliane Amuat, Nicola Kirsch, Thomas Lettow, Hanna Scheibe, Myriam Schröder, Moritz von Treuenfels.
Online-Premiere am 20. Dezember 2020
Dauer: 1 Stunde 28 Minuten, keine Pause

www.residenztheater.de

 

 

 
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